Partner in Verschiedenheit – Zum Wirtschaftsverhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden


I. Einführung

Selbst in der Abgeschiedenheit des häuslichen Arbeitszimmers gibt es bisweilen Momente, in denen es einem fast den Atem verschlägt, so dass man danach der Faszination einer provokativen These erliegt, die in der ökonomischen Wirklichkeit so gar nicht stimmen kann. Zu einem solchen Moment führte vor wenigen Jahren die schriftliche Einladung der Universität Nijmegen zu einem wissenschaftlichen Symposium über die deutsche und die niederländische Wirtschaft unter dem Titel “Wer folgt wem?” Unglaublich! In Umkehrung der gewohnten Verhältnisse hieß dies: Sollte den Holländern – ähnlich wie schon während des berühmten goldenen 17.Jahrhunderts – auf Grund ihrer in unserer Zeit fast schon wieder legendären Wirtschaftsblüte tatsächlich erneut eine Vorbildfunktion oder gar Führungsrolle in Europa zukommen?

Verflechtung beider Wirtschaften

Natürlich gibt es im Sinne obiger These durchaus handfeste und wirtschaftlich gewichtige Argumente. Vielleicht ist uns das auf langer Erfahrung basierende populäre Schlagwort zu selbstverständlich geworden, dass wenn der Wirtschaftsriese Bundesrepublik Deutschland hustet, das kleine Holland umgehend eine Lungenentzündung bekommt.

Seit den frühen achtziger Jahren, als die niederländische Regierung energisch daranging, ihr überlastetes Sozialsystem zu sanieren und die Sozialpartner des Landes sich unter Regie des Den Haager Kabinetts auf eine mittelfristig gemäßigte Lohnpolitik bei gleichzeitigem Ausbau von Arbeitszeitverkürzung und Teilzeitarbeit einigten, gelingt den Niederlanden, was viele für Deutschland noch immer nur erhoffen: sinkende Lohnstückkosten in der Produktion, Jahr für Jahr eindrucksvolles Wirtschaftswachstum, volle Staatskassen, weniger Sozialhilfeempfänger und vor allem rapide sinkende Arbeitslosigkeit beziehungsweise eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze im Inland – in manchen Jahren an die Hunderttausend. Auch zieht es erstaunlich viele deutsche “Gastarbeiter" in das westliche Nachbarland, allein in den Grenzprovinzen Gelderland und Limburg sind es gegenwärtig Zehntausende. Das sogenannte Poldermodell funktioniert offensichtlich so gut, dass holländische Sozialdemokraten zur Zeit überlegen, den relativ wenigen Langzeitarbeitslosen im Lande als Anreiz bei Abschluss eines Arbeitsvertrags staatlicherseits eine Belohnungsprämie von 3000 Gulden, also etwa 2700 DM zu gewähren.

Wichtigste Handelspartner

Das alles ist bereits beeindruckend. Hinzu kommt, dass die wirtschaftliche Potenz der Niederlande mit ihren weltweit renommierten Handelsbanken und führenden multinationalen Konzernen seit jeher weitaus größer und vielseitiger ist als in Deutschland bekannt. Der zwischenstaatliche Handelsverkehr lässt auf relative Gleichwertigkeit und vor allem vergleichbare Wirtschaftskraft beider Länder schließen. Auf der Liste der bedeutendsten Handelspartner Deutschlands rangieren die Niederlande traditionell ganz oben, und zwar als Absatzmarkt wie als Lieferant. Sie sind überdies einer der wenigen ausländischen Investoren, die ihr Engagement in Deutschland bis in unsere Zeit hinein ständig in Milliardenhöhe ausgeweitet haben.

Und das ist längst nicht alles. Der Amsterdamer Flughafen gehört zu den wichtigsten auf unserem Kontinent. Die niederländische Binnenschifffahrtsflotte ist die umfangreichste Europas, rund die Hälfte der Rheintransporte geht allein auf Rechnung der Holländer. Bei den Gütertransporten über Land halten die Niederländer in Westeuropa einen Marktanteil von rund 36 Prozent. Bei den Niederlassungen großer europäischer Verteilerzentren nehmen sie eine führende Position ein. Rotterdam, von dessen vorgelagerten Funktionen der wichtige deutsche Binnenhafen Duisburg abhängt, ist tonnenmäßig mit Abstand der größte Seehafen der Welt. Zweifellos übersteigt die wirtschaftliche Bedeutung der “Verteilernation Europas", wie sie im deutschen Nachbarland anerkennend heißt, bei weitem die anderer flächenmäßig vergleichbarer Staaten.

Des weiteren sind die Holländer in bestimmten Sektoren, wie der Bauwirtschaft und der Sportinfrastruktur, der deutschen Seite seit Jahren weit voraus. Die jährlichen Wachstumsraten beider Bruttoinlandsprodukte zeigen seit Jahrzehnten einen nahezu synchronen Konjunkturverlauf, jedenfalls bis 1995, als das deutsche Wachstum vorläufig stagnierte. Weltweit ist die wirtschaftliche Relation lediglich zwischen den USA und Kanada noch intensiver.

Autor: Joachim F.E. Bläsing
Erschienen:
Bläsing, Joachim F.E.: Partner in Verschiedenheit - Zum Wirtschaftsverhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden. In: Rösgen, Petra (Hrsg.): Deutschland-Niederlande. heiter bis wolkig, Bonn, 2000, S. 82-93.


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Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bläsing, J.F.E.: Rivalen, Partner und bisweilen einander Vorbild. Zur Ambivalenz in den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden, in: Zeitschrift zur politischen Bildung 1, 34/1997, S. 43-59.

Paridon, Kees van: Wirtschaftliche Beziehungen zwischen den Niederlanden und Deutschland. Über wirtschaftliche Entwicklung, Handel, Direkte Investitionen und Poldermodelle, in: Moldenhauer, G./Vis, J. (Hrsg.): Die Niederlande und Deutschland. Einander kennen und verstehen. Münster 2001, S. 351-376.

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