Das WirtschaftsSystem


XIX. Arbeitsmarktpolitisches Instrument II: Zeitarbeit


Dass Zeitarbeit in den Niederlanden kein Schmuddelimage hat, zeigt schon der Name: Zeitarbeiter sind eben Zeitarbeiter; der Begriff Leiharbeit ist so gut wie unbekannt. Würde er angewandt, müsste man fünf Prozent der niederländischen Arbeitnehmer als Leiharbeiter bezeichnen – das sind drei mal so viele wie in Deutschland.

Hintergrund der hohen Verbreitung von Zeitarbeit ist, dass die Vertragspartner des Abkommens von Wassenaar beschlossen, dem niederländischen Arbeitsmarkt Flexibilität zu verschaffen, ohne die Sicherheit der Arbeitnehmer aufzugeben. In den 90er-Jahren, als die Wirtschaft begann auf immer höheren Touren zu laufen schossen plötzlich an jeder Straßenecke so genannte 'uitzendbureaus' aus dem Boden. Bis 1998 hatte sich die Zahl der „Flexwerker“ auf 225.000 verdoppelt. Damals konnte von ausgeprägten Arbeitnehmerrechten für Zeitarbeiter allerdings noch keine Rede sein. Nach einer Studie der Rotterdamer Erasmus-Universität bevorzugten 80 Prozent der Unternehmen »Flexwerker« zunächst, um Lohnkosten zu drücken. Auch die Neigung, sie als Arbeitskräfte zweiter Klasse zu behandeln wurde von den Sozialwissenschaftlern attestiert.

Gesetze regeln Zeitarbeit

Ändern konnte sich das erst mit der Verabschiedung mehrerer Gesetze: 1998 schaffte das „Wet allocatie arbeidskrachten door  intermediairs“ die Genehmigungspflicht für Zeitarbeitsfirmen ab und machte sie im Gegenzug für die Zahlung von Steuern und Sozialabgaben für ihre Beschäftigten verantwortlich. Außerdem wurde festgeschrieben, dass Zeitarbeitskräfte genauso zu entlohnen sind wie fest Angestellte mit vergleichbaren Tätigkeiten. Im Jahr 1999 folgte das so genannte „Flexwet“, das seither mehrfach modifiziert wurde, aber im Prinzip dafür sorgt, dass Zeitarbeiter mit ihrer Firma grundsätzlich einen regelrechten Arbeitsvertrag schließen - und somit als ganz normale Arbeitnehmer gelten, auf die alle Regeln des Bürgerlichen Gesetzbuches Anwendung finden.

Ansprüche und Rechte

Heute erwirbt ein Zeitarbeiter in den Niederlanden mit der Zeit einen ganzen Katalog von Rechten. Nach einem halben Jahr im Dienste eines Zeitarbeitsunternehmens erwirbt er Rentenansprüche und Anspruch auf Aus- und Weiterbildungszuschüsse in Höhe von einem Prozent des Bruttolohns. Nach eineinhalb Jahren treten ein begrenzter Kündigungsschutz sowie das Recht auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall in Kraft. Nach dreieinhalb Jahren sind Zeitarbeitsfirmen verpflichtet, Mitarbeiter fest anzustellen und sie auch dann zu bezahlen wenn sie gerade nicht irgendwo in Arbeit sind. Zeitarbeitsfirmen in den Niederlanden vermitteln inzwischen längst nicht mehr nur Niedriglöhner, sondern auch Fachpersonal: Programmierer und Chefsekretärinnen, Fotografen und Berater; und sogar Lehrer, Ärzte und Behörden sind im Polderland ganz normal als Zeitarbeiter im Einsatz.

Durchlauferhitzer für den Arbeitsmarkt

Die erste Evaluation des Flexwet durch das niederländische Arbeitsministerium ist im Frühjahr 2007 noch in Arbeit. Doch schon jetzt lässt sich erkennen, dass das Flexwet in den ersten sieben Jahren erstens zusätzliche Menschen in Arbeit gebracht hat und zweitens ein funktionierender Durchlauferhitzer für den ersten Arbeitsmarkt ist: Jeder dritte findet über Zeitarbeit eine feste Stelle. Allerdings macht sich die Katalysatorfunktion vor allem für benachteiligte Gruppen bemerkbar: Jeder vierte, der über Zeitarbeit eine bezahlte Beschäftigung findet, kommt aus einer Gruppe, die es gemeinhin auf dem Arbeitsmarkt schwer haben: als Älterer, Langzeitarbeitsloser, Zuwanderer oder ohne abgeschlossene Berufsausbildung.

Sozial eingebunden und integriert

Die Stellung von Zeitarbeitern in niederländischen  Unternehmen ist laut einer Untersuchung  ambivalent zu bewerten: Einerseits werden Zeitarbeiter überwiegend für wenig abwechslungsreiche Tätigkeiten mit geringeren Entscheidungsspielräumen und Aufstiegschancen eingesetzt – andererseits stimmt die Chemie am Arbeitsplatz trotz ihres anderen Status:  89 Prozent der Zeitarbeiter loben die soziale Einbindung durch Vorgesetzte; und sogar 95  Prozent  die Integration  durch ihre Kollegen.

Autorin: Jeanette Goddar
Erstellt: Mai 2007


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