Das WirtschaftsSystem


XVIII. Arbeitsmarktpolitisches Instrument I: Teilzeit


Teilzeitarbeit ist eine wesentliche Säule der niederländischen Arbeitsmarktpolitik und wurde von der Haager Regierung im Rahmen ihrer Arbeitsbeschaffungspolitik der 90er-Jahre offensiv beworben. Resultate zeigten sich schnell und waren vor allem auf die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen zurückzuführen – allerdings beginnend von einem niedrigen Niveau. In dem Land, das stark calvinistisch geprägt ist und das zusätzlich nie als Kriegsmacht auf die Arbeit eines großen Teils der Männer verzichten musste, war in den 70er-Jahren gerade einmal jede dritte Frau erwerbstätig. „Arbeit, Arbeit, Arbeit – und Frauen!“ wurde zu einem geflügelten Wort der sozialliberalen Regierung unter Wim Kok.

Zwei Seiten der Medaille

Dank der massiven Ausbreitung der Teilzeitarbeit stieg die Frauenerwerbsquote binnen der 90er Jahre von 35 auf 55 Prozent. Erreicht wurde das außer mit Kampagnen vor allem mit der rechtlichen Gleichstellung: Seit 1. November 1996  ist in den Niederlanden Gesetz, dass Arbeitnehmer, die weniger Stunden arbeiten ebenso behandelt werden müssen wie Vollzeittätige. Auch wurde festgeschrieben, dass Arbeitgeber die Umwandlung einer Stelle von Voll- auf Teilzeit nur noch unter Angaben guter Gründe ablehnen durften. Auf der Negativseite ließ sich allerdings schnell vermelden, dass das Modell eine Menge Menschen in Arbeit brachte – sie aber keineswegs reich machte. 1998, als es der niederländischen Wirtschaft so gut ging wie nie zuvor, mussten 16 Prozent der Niederländer mit einem „Niedrigeinkommen“ von nicht mehr als 13.500 Mark auskommen.

Arbeitende Mütter und geringe Nachwuchssorgen

Heute sind die Niederlande mit 44 Prozent EU-weite Spitzenreiter bei der Teilzeitarbeit. Unter Frauen arbeiten inzwischen 70 Prozent in Teilzeit; von den verheirateten Frauen sind es sogar achtzig Prozent – was immer wieder nicht nur als arbeitsmarkt-, sondern vor allem als familienpolitische Maßnahme hervorgehoben wird: Nur zehn Prozent aller Mütter in den Niederlanden geben ihren Beruf nach der Geburt komplett auf – zeitgleich macht die Geburtenquote den Sozialwissenschaftlern weniger Sorgen als in Deutschland. Während Männer sich immer noch nur mit knapp zwanzig Prozent an der Teilzeitarbeit beteiligen, sind positive Effekte auch bei der  Erwerbsbeteiligung von Älteren zu vermelden: Ihre Teilnahmequote am Arbeitsleben liegt in den Niederlanden deutlich über EU-Durchschnitt. Weit unter EU-Durchschnitt liegt die Wochenarbeitszeit: 37,5 Stunden arbeiten vollzeitbeschäftigte Niederländer pro Woche; zählt man die Arbeitnehmer, die eine Teilzeitstelle haben, mit, schrumpft die durchschnittliche Stundenzahl auf 30.

Recht auf Teilzeitarbeit

Das  Recht auf Teilzeit wurde seit Beginn der Kampagne für mehr Teilzeitarbeit noch einmal ausgebaut: Seit 2000 räumt das „Gesetz über die Anpassung der Arbeitszeiten“ den Arbeitnehmern das Recht ein, ihre Arbeitszeit einmal in zwei Jahren entweder verkürzen oder verlängern zu dürfen. Der Arbeitgeber muss der Bitte stattgeben, sofern nicht „schwerwiegende“ Gründe eine Ablehnung rechtfertigen. Reagiert der Arbeitgeber nicht auf die Anfrage, gilt diese als akzeptiert und tritt nach vier Monaten in Kraft. Ausgenommen von der Regelung sind allerdings Betriebe mit unter zehn Mitarbeitern.

Autorin: Jeanette Goddar
Erstellt: Mai 2007


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