Das WirtschaftsSystem


XVI. Rentensystem


Wer in den Niederlanden lebt, hat mit dem 65. Lebensjahr Anspruch auf eine Grundrente, die das Existenzminimum abdeckt. Unabhängig davon, ob er jemals Beiträge gezahlt hat, bekommt er 45 Prozent seines Durchschnittslohns und mindestens 70 Prozent des Nettolohns für einen Alleinstehenden. Die AOW-Pension wird mit jedem Berufsjahr um zwei Prozent aufgebaut. Wer zwischen 15 und 65 Jahren nicht durchgängig in den Niederlanden versichert gewesen ist, dem werden für jedes fehlende Versicherungsjahr zwei Prozent der Pension abgezogen.

Im Wesentlichen können drei Säulen der Alterssicherung unterschieden werden: Die angesprochene Grundrente bildet die erste Säule. Eine Grundrente hat ein Niederländer in maximal 50 Jahren aufgebaut. Die zweite Säule betrieblicher Zusatzrentenversicherungen ergänzt diese, ist aber nur Arbeitnehmern zugänglich. Schließlich wird die Rente durch eine private Altersvorsorge aufgestockt. Niederländer nennen das „Cappuccinomodell“: Den Kaffee in Form der Grundrente gibt’s für jeden, das Sahnehäubchen liefert die betriebliche Altersvorsorge und die private Vorsorge gleicht den Schokostreuseln.

Die Grundrente wird aus Beiträgen der Versicherten im Umlageverfahren finanziert und nur zu einem kleinen Teil mit einem Staatszuschuss. Der Beitragssatz für die gesetzliche Rentenversicherung (AOW) beträgt 2008 17,9 Prozent, für die Hinterbliebenenversorgung (ANW) 1,10 Prozent. Arbeitgeber zahlen keine Beiträge. Wer 65 ist, kann eine Grundrente beantragen. Sie betrug zum ersten Januar 2008 für Alleinstehende 984,86 Euro, für Verheiratete und Zusammenlebende 673,84 Euro.  Auch Urlaubsgeld wird gezahlt: für Alleinstehende 53,68 Euro und für Verheiratete je 38,35 Euro.

Hinterbliebene können ebenfalls eine Rente beantragen, allerdings nur in bestimmten Fällen der Arbeitsunfähigkeit oder wenn ein unverheiratetes Kind aufgezogen wurde. Sollte der Ehepartner erneut heiraten oder mit einem anderen Partner zusammenleben, erlischt der Anspruch auf die Grundrente. Hinterbliebene haben seit dem 1. Januar 2008 Anspruch auf eine Leistung von 1042,88 Euro.

Betriebliche Altersversorgung

Mit der betrieblichen Altersversorgung können erwerbstätige Arbeitnehmer zusammen mit der Grundrente eine Versorgung von insgesamt 70 Prozent des zuletzt bezogenen Verdienstes aufbauen, wenn sie 60 Jahre alt sind. Bei der betrieblichen Altersversorgung hat der Staat in den vergangenen Jahren regulierend eingegriffen. So kam der Staat mit den Tarifparteien überein, die Arbeitnehmer auch mit über 60 Jahren im Arbeitsprozess zu halten. Sie können dann eine Rente von 100 Prozent des letzten Verdienstes aufbauen. Durch die Vorruhestandsregelung (VUT) hören viele Niederländer jedoch mit 60 Jahren auf zu arbeiten. Die betrieblichen Zusatzrentensysteme gewinnen an Bedeutung. Beinahe 90 Prozent der Erwerbstätigen sind in den fast 1000 öffentlichen, betrieblichen oder 81 branchenspezifischen Zusatzrentensystemen versichert. Die Gestaltung der betrieblichen Altersversorgung ist den Tarifparteien vorbehalten.

Die Diskussion um die Finanzierung der AOW ist so alt wie die AOW selbst. Im Jahr 2006 hat die Sociale Verzekeringsbank 24,3 Milliarden Euro für die Rente überwiesen. Um die Beitragssätze stabil zu halten, wird seit Jahren über ein höheres Renteneintrittsalter nachgedacht. Sozial- und Arbeitsminister Piet Hein Donner schilderte im September 2007 anlässlich einer 50-Jahr-Feier der AOW die Situation: „65 Jahre als Renteneintrittalter ist ein Begriff. Aber dieses Alter wurde schon vor 150 Jahren von Bismarck eingeführt und seinerzeit entsprach das Alter 65 nach heutigen Maßstäben etwa 85 oder 90 Jahren. (...) Unsere Lebenserwartung beträgt bald 80 Jahre und die Menschen werden immer älter, bevor sie mit der Arbeit beginnen – zwischen 20 und 25 Jahren. Auch das reale Renteneintrittsalter liegt eher bei 60 Jahren als bei 65.

Das heißt praktisch, dass wir 40 Jahre arbeiten müssen, um 80 Jahre leben zu können. Die AOW ist zudem in den vergangenen 50 Jahren viel höher geworden. Vor 50 Jahren gab es eine Basispension – ein Ehepaar erhielt 650 Euro. Heute ist unser Sozialminimum schon das höchste der Welt. Es gibt immer mehr Rentner und immer weniger Arbeitnehmer, die in die AOW einzahlen. In den 50er Jahren gab es etwa 800.000 Rentner, die zusammen weniger als eine halbe Milliarde kosteten. Heute hat sich die Zahl der Rentner verdreifacht und die Ausgaben sind um das 40-Fache gestiegen.“ Die AOW wurde übrigens 1957 von dem damaligen Minister Ko Suurhoff eingeführt und löste das Notgesetz zur Altersversorgung von dem damaligen Ministerpräsidenten Willem Drees ab.

Eine Diskussion über ein höheres Renteneintrittsalter ist für jeden Politiker äußerst heikel. Um das System zu entlasten, möchte Finanzminister Wouter Bos, dass gut betuchte Rentner auch einen Beitrag in die Rentenkasse zahlen. Auch wird die Rente im Jahr 2008 nur geringfügig um 0,25 Prozent angehoben.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2009


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