Das WirtschaftsSystem


VIII. Landwirtschaft


Die Landwirtschaft wird gerne als Aushängeschild der niederländischen Volkswirtschaft gesehen. Und das ist verständlich. Die Tulpe  als nationales Symbol, Frau Antje, die seit 40 Jahren Käse aus Holland  bringt, Windmühlen und Klompen, das alles verbinden Deutsche mit den Niederlanden. Natürlich lassen diese romantischen Vorstellungen keine Rückschlüsse auf die wahre Bedeutung der Landwirtschaft zu.

Denn landwirtschaftliche Produkte und Dienstleistungen steuern heute nur noch einen kleinen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Nach Angaben des Statistikbüros CBS erzielten Landwirte im Jahr 2006 eine Bruttowertschöpfung von 10,4 Milliarden Euro. Das macht nur 1,9 Prozent des BIP (474 Mrd.) aus. Auch der Anteil der ausgeführten landwirtschaftlichen Produkte und Dienstleistungen am Gesamtexport nimmt kontinuierlich ab. Im Jahr 2006 setzten sich nur 3,3 Prozent aller Exporte aus landwirtschaftlichen Produkten und Dienstleistungen zusammen. 1990 lag dieser Anteil noch bei 5,4 Prozent.

Trotz dieser Entwicklung ist die Landwirtschaft stark exportorientiert. Auf dem Weltmarkt nehmen die Niederlande einen beachtlichen Rang als agrarischer Exporteur ein. 60 Prozent aller Zierpflanzen auf dem Weltmarkt kommen aus Holland. Bei Blumenzwiebel herrscht fast ein niederländisches Weltmonopol: 60 Prozent aller Blumenzwiebeln werden hier produziert und 75 Prozent aller Blumenzwiebeln werden in den Niederlanden gehandelt. Der niederländische Anteil am Frischgemüse beträgt 20 Prozent. Exportiert werden vor allem unverarbeitete Pflanzenprodukte, Gemüse, Käse, Fleisch und Milch. Die wichtigsten Abnehmerländer sind Deutschland, England und Frankreich. Gerade der Gartenbau zeichnete sich in den vergangenen fünf Jahren durch seine starken Innovationsleistungen auf dem Gebiet der Energiegewinnung aus (siehe Reportage). In den Niederlanden wird auf 10.000 Hektar unter Glas angebaut.

Konzentration auf einzelne Provinzen

Schauen wir auf die Strukturen des primären Sektors, so ist es erstaunlich, dass die Bruttowertschöpfung sich in den Provinzen Südholland, Nord-Brabant sowie Nordholland und Gelderland konzentriert. Und nicht in den typisch agrarisch geprägten Landesteilen wie etwa Overijssel, Friesland, Groningen oder Drenthe. Bekannt sind die westlichen Provinzen für ihre üppigen Tulpenfelder und endlosen Gewächshäuser. Der Gartenbau und die Viehwirtschaft bilden immer noch die größten Zugpferde für die Landwirtschaft. Zusammen umfassen sie fast drei Viertel der Produktion.

Das Jahr 2006 war für die niederländische Landwirtschaft ein schwieriges Jahr. Die Landwirte kämpften mit den äußerst heißen Sommermonaten Juni und Juli, denen ein sehr nasser August folgte. Die Ernteerfolge im Ackerbau waren dementsprechend schlecht. Auch die Produktion von Blumen und Stauden nahm deutlich ab. Insgesamt ging die Produktionsleistung der Landwirtschaft nach Angaben des CBS um zwei Prozent zurück. Dies führte wiederum zu höheren Preisen. Die Preise für Rindfleisch stiegen um 10 Prozent, die für Getreideprodukte gar um 40 Prozent. Im Durchschnitt lag das Preisniveau landwirtschaftlicher Produkte um 7,5 Prozent höher als 2005. Das ist auch der Grund, warum die Einkommen der Landwirte trotz abnehmender Produktion um satte neun Prozent gestiegen sind. Vor allem die Ackerbauern profitierten stark, sie konnten ihre Einnahmen fast verdoppeln. Neben den höheren Preisen profitierten die niederländischen Bauern auch von den neuen EU-Agrarsubventionsregelungen. Sie bekamen 2006 fast 300 Millionen Euro mehr aus den EU-Kassen.

Schrumpfender Landwirtschaftssektor

Wie andere westliche Länder auch kämpfen die Niederlande mit einem schrumpfenden Landwirtschaftssektor. Das Arbeitsvolumen sank im Jahr 2006 um 2,1 Prozent auf 209.000 Arbeitsjahre. Als wichtigste Ursache für die Abnahme muss das „Höfesterben“ gewertet werden. Viele Bauern, vor allem kleine Betriebe, hören auf, weil sie zu wenig Einkommen erzielen. Die Anzahl der Höfe hat in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich abgenommen. Im Jahr 2005 waren es 81.830 Betriebe. 1990 waren es noch 125.000. Heute überleben Großbetriebe, die nur mit Massentierhaltung dem Wettbewerb standhalten können. Die Landwirtschaftsvertretung LTO-Nederland beklagt, dass den niederländischen Viehbetrieben umfangreiche Umweltauflagen gemacht werden, die in der Praxis nur schwer einzuhalten sind. Etwa die Dokumentationspflicht von Mineralien in Dünger und Kuhmist. Der Landwirt hat die Pflicht mit regelmäßigen Proben die Zusammensetzung des Kuhmistes zu ermitteln. Dies sorge für eine Menge Mehrarbeit, so die LTO.

Die intensive Viehhaltung veranlasst niederländische Politiker immer wieder, über alternative Produktionsmethoden nachzudenken. Seit einigen Jahren tauchen so genannte  Agroparks in der Diskussion auf, in denen Viehhaltung, Fleischproduktion, Fäkalienverwertung und Energieproduktion miteinander eng verzahnt werden.

Die Zahl der Erwerbstätigen nahm im Jahr 2006 weiter ab: 264.000 Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft. 1990 waren es noch 31.000 mehr. Gleichwohl ist die Branche produktiver geworden. Die Arbeitsproduktivität stieg 2006 um fast 1,2 Prozent. Die hohe Produktivität lässt sich gut am Schweinesektor erkennen. Große Schweinemastbetriebe kommen fast ganz ohne Personal aus. Computergesteuert bekommen die Schweine und Ferkel ihr Futter und werden von der Umwelt hermetisch abgeriegelt. Die niederländische Schweinemast hat in Europa eine starke Wettbewerbsposition, denn die Nachfrage nach Schweinefleisch steigt weltweit. Vor allem in Asien wachsen die Märkte kräftig.

In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Landwirte versucht, sich breiter aufzustellen – etwa indem sie mit Biogas oder Windkraft Energie produzieren. Doch der Bauer als Energielieferant steckt noch in den Kinderschuhen. Biogasanlagen kämpfen mit großen technischen Problemen und hohen Preisen für die Energieträger Mais oder Weizen. Als eine verlässliche Einnahmequelle können sie noch nicht gelten.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2009


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