Das WirtschaftsSystem


IV. Konjunktur


Die niederländische Volkswirtschaft hat in den vergangenen 15 Jahren eine rasante Berg- und Talfahrt gemacht. Noch zu Beginn der 90er Jahre galt sie als Europas stärkste Ökonomie mit hohen Wachstumsraten, geringer Arbeitslosigkeit, aber auch einer niedrigen Arbeitsproduktivität. Die Niederlande wurden als Paradebeispiel für den Umbau des Sozialstaates angeführt und für einen modernen, flexiblen Arbeitsmarkt gelobt. Doch bereits Ende der 90er Jahre war dieses grenzenlose Selbstvertrauen schnell verschwunden.

Die Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes schmolzen dahin, die Arbeitslosigkeit nahm zu – die Staatsverschuldung auch. Ökonom Mathijs Bouman spricht von „Hollandse overmoed“, die der „besten Ökonomie der Welt“ zum Verhängnis wurde. „Das Wachstum der 90er Jahre gründete sich  nicht auf ein strukturelles Wachstum“, so Bouman, sondern auf ein „konjunkturelles“. Die Wirtschaft wuchs, nicht, weil sie so wettbewerbsfähig war, sondern weil die Konsumenten, Unternehmen und der Staat über ihren Verhältnissen gelebt haben, mehr Geld ausgaben, als sie hatten. Die Unternehmen waren in einem „Delirium des Optimismus“, so Bouman.

Was folgte war eine vierjährige Rezession, in der die Investitionen deutlich zurückgingen und auch die Gewinne abnahmen, in der die Exportleistung sich abschwächte und die privaten Haushalte weniger Geld ausgaben.

Die wirtschaftlichen Misserfolge wurden von einer politischen Krise begleitet. Die Morde an Pim Fortuyn und Theo van Gogh stürzten das Land in eine Depression. Negative Schlagzeilen bestimmten die öffentlichen Debatten. Da passten die schlechten Wirtschaftszahlen genau ins Bild.

Wachstum seit 2006

Seit 2006 scheint die Volkswirtschaft wieder kräftig zu wachsen. Analysten der ABN-Amro brachten es auf den Punkt: „Die Ökonomie sprießt wie Blumenkohl“. Die Ergebnisse sind in der Tat beeindruckend. Freudig kann das Centraal Bureau voor de Statistik (CBS) mitteilen, dass „die niederländische Ökonomie 2006 doppelt so stark wuchs wie im Jahr 2005“. Um drei Prozent legte das Bruttoinlandsprodukt zu und damit „stehen die Niederlande wieder am Rande der Hochkonjunktur“. Auch im Jahr 2007 wuchs die Wirtschaft kräftig um 2,6 Prozent.

Wichtigster Wachstumsmotor ist der Export, der 2006 mit sieben Prozent zulegte und auch 2007 mit 5,3 Prozent üppig wuchs. Im Jahr 2003 stagnierte er noch fast bei 1,5 Prozent Wachstum. Auch der private Konsum (+2,5 Prozent) und die Investitionsleistungen der Unternehmen (+7,2 Prozent) trugen 2006 zum kräftigen Wachstum bei, so das CBS.

Die Unternehmen sind zuversichtlich. 2006 investierten sie kräftig in ihr Anlagevermögen, kauften für 105 Milliarden Euro neue Maschinen, Autos, Gebäude und Computer (+ 23 Prozent). Auch die Nachfrage nach Büro- und Handelsflächen nahm 2006 zum ersten Mal seit Jahren wieder zu. Nach Angaben des Centraal Plan Bureaus (CPB) sind die Investitionen auch im Jahr 2007 mit plus 10,5 Prozent sehr hoch.

Diese Zuversicht übertrug sich auch auf die Konsumenten, die erstmals wieder mehr Geld ausgaben. Als Grund dürfen sicherlich die niedrige Arbeitslosenquote (5,5 Prozent) und steigenden Einkommen gesehen werden.  Die Löhne stiegen um 3,7 Prozent. Laut CBS gaben die Niederländer ihr Geld vor allem für Wohnungseinrichtungen, Elektrogeräte, Kleidung und Schuhe aus. Auch die Zahl der verkauften Autos stieg kräftig.

Sinkende Arbeitslosenzahlen

Für die Arbeitnehmer entwickelte sich die Wirtschaft positiv. Durch deutlich steigende Löhne haben sie mehr Geld in der Tasche – und bekommen dafür auch mehr. Die Inflation ist mit durchschnittlich 1,1 Prozent auf einem historischen Tiefstand. Die geringe Geldentwertung sei vor allem den geringer gestiegenen Energiekosten zu verdanken, den niedrigeren Steuersätzen für Verbrauchsgüter und einem stärkeren Wettbewerb: So sind die Preise für Computer, Kommunikation und Versicherungen gesunken.

Durch das starke wirtschaftliche Wachstum hat sich auch der Arbeitsmarkt deutlich entspannt. Die Unternehmen brauchen mehr Personal, um ihre Aufträge zu bearbeiten. Die offenen Stellen nahmen deutlich zu, vor allem in den Dienstleistungsbranchen. Auch der Gesundheitssektor hat eine große Personalnachfrage im Jahr 2006 gehabt. Das CBS errechnete, dass 8,4 Millionen Menschen gearbeitet haben und dies die höchste Zahl überhaupt sei. Fast 15 Prozent der Berufsbevölkerung arbeitet selbstständig. Die Zahl der Arbeitslosen ging folglich zurück: auf 413.000 (Arbeitslosenquote 5,5 Prozent). Trotz der guten Konjunkturdaten bleibt die Zahl der Arbeitsunfähigen erstaunlich hoch: 803.000 Menschen in den Niederlanden bekommen einen staatlichen Zuschuss.

Für die niederländischen Unternehmen war 2006 ein hervorragendes Jahr, in dem sich die Gewinnsituation deutlich verbesserte. Die Arbeitseinkommensquote (AIQ), die als Kennzahl für die Gewinnsituation der Unternehmen herangezogen werden kann, ging auf 76,7 Prozent zurück. Im Jahr 2003 lag sie noch bei 86 Prozent. Eine sinkende AIQ impliziert steigende Gewinne. Auch die Lohnstückkosten steigen nur sehr moderat. In den Jahren 2004 und 2005 waren sie sogar rückläufig. Für 2006 gibt das CBS ein Wachstum der Lohnstückkosten mit 0,1 Prozent an.
Problematisch bleibt die Arbeitsproduktivität. Sie wächst weiterhin nur schwach: plus 1,2 Prozent.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2009


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