Das WirtschaftsSystem


XX. Hilfe aus einer Hand - die „Zentren für Arbeit und Einkommen"


Tineke Bakker hat sich entschieden: Sie will wieder arbeiten. Drei Jahre hat sie mit ihren Zwillingen zuhause verbracht; nun soll wieder ein eigenes Einkommen in ihr Leben treten. Noch etwas zögerlich, aber nicht unentschlossen steht sie vor der Glastür des „Centrum voor Werk en Inkomen“ am Amsterdamer Frederikplein. Als Buchhalterin hat sie zuletzt gearbeitet – und ähnliches schwebt ihr auch wieder vor. In dem Zentrum wird sie an die Rezeption gebeten; und zwar umgehend, Wartezeiten gibt es hier keine. Schnell bekommt sie eine Einführung in die Struktur: Wer hierhin kommt, kann mithilfe von Listen sinnvoller Web-Adressen an einem Computer-Arbeitsplatz nach einer Stelle suchen, die Aushänge an der Stellwand studieren oder sich an die angegliederte Zeitarbeitsfirma wenden. Außerdem bekommt die 43-Jährige einen Termin für ein Gespräch mit einem persönlichen Fallmanager. Gemeinsam mit ihm oder ihr wird sie entscheiden, ob sie sich ohne weitere Anstrengungen bewerben oder zunächst eine Qualifizierung machen sollte. Falls Tineke Bakker sich als schwer vermittelbar herausstellen sollte – was wohl nicht der Fall sein wird – würde sie an die ebenfalls im Zentrum ansässige Sozialversicherung UWV (Uitvoering Werknemersverzekeringen)  verwiesen: Dort könnte sie Arbeitslosengeld beantragen und würde in der Frage beraten, wie ihre Arbeitsmarktkompatibilität wiederherzustellen ist.

Enges Netz für Arbeitslose

Die Fallmanager, die für die Versicherung arbeiten, heißen „Reintegrationscoach“. Jeder Kunde der Zentren wird in eine von vier Phasen eingeteilt, die dem Grad seiner Vermittelbarkeit entsprechen. Je nachdem in welcher Phase er ist, wird ihm mehr oder weniger Betreuung zuteil. Wer erst wenige Tage arbeitslos ist oder eine gute Ausbildung vorweisen kann, kommt in Phase eins, schwierige Fälle in Phase vier.

Vor fünf Jahren, 2002, haben die Niederlande damit begonnen, ihre wie in Deutschland ehemals getrennt agierenden Arbeits- und Sozialämter zusammenzulegen. Heute arbeiten landesweit knapp 250 Zentren für Arbeit und Einkommen, die wegen ihrer Verzahnung unter internationalen Arbeitsmarktexperten häufig als vorbildhaft gelten. Die One-Stop-Shops bieten Arbeitslosen die Möglichkeit,  sich arbeitssuchend zu melden und gleichzeitig Sozialhilfe oder Arbeitslosenunterstützung  zu beantragen. Sie vereinen Mitarbeiter der ehemaligen Arbeitsämter, der Arbeitnehmerversicherungen sowie der kommunalen Sozialdienste, die auch in den Niederlanden nach wie vor für die Auszahlung von Sozialhilfe zuständig sind. Die Verzahnung erspart Arbeitssuchenden Wege und bürokratischen Aufwand, gestaltet – mit meist nicht mehr als 80 Kunden pro Mitarbeiter – aber auch die Betreuung so eng, dass es nicht leicht ist durchs Netz zu fallen.  Vielerorts vereinen die Zentren noch mehr Anbieter unter ihrem Dach und sind zu regelrechten Bürgerbüros geworden - mit eingemieteten Zeitarbeitsfirmen, privaten Bildungsträgern oder Einrichtungen der Gesundheitsdienste zum Beispiel. Zentrales Ziel ist allerdings die Eingliederung in den Arbeitsmarkt. In den CWIs gibt es nicht nur eine Datenbank mit allen freien Stellen im Land für Arbeitnehmer, sondern auch eine mit den Profilen Arbeitssuchender. In den Zentren können auch Arbeitgeber sich informieren, Personalverantwortliche Lebensläufe checken oder Bewerbungsgespräche durchführen.

Paradiesische Verhältnisse

Die Niederländer haben die Zentren angenommen: Aus der jüngsten der alle zwei Jahre stattfindenden Untersuchungen der Akzeptanz geht hervor: Drei von vier Kunden halten ihre Fallmanager für vertrauenswürdige Menschen, die auf ihre Anfragen adäquat eingehen. Noch mehr, nämlich 82 Prozent, halten sie für kompetent – eine Zahl, die aus deutscher Sicht geradezu paradiesisch erscheint. Nachholbedarf besteht allerdings auch: Nicht angemessen behandelt fühlen sich zuweilen Kunden in den großen Städten sowie Zugewanderte, vor allem Marokkaner, aber auch Hochqualifizierte.

Autorin: Jeanette Goddar
Erstellt: Mai 2007


Links

Wichtige Links im Bereich Wirtschaft finden Sie unter Institutionen

Centrum voor Werk en Inkomen

Weitere Informationen in unserem Dossier Wirtschaftspolitik 1940 - 2006

Akteure

Informationen zu Organisationen und Unternehmen im Bereich Wirtschaft Organisationen A-Z

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: