Das WirtschaftsSystem


XXIV. Berufsausbildung in den Niederlanden


Fragt man einen jungen Niederländer, was er gelernt hat, kann man sich auf eine etwas längere Antwort gefasst machen. Als die Holländer in den 90er-Jahren ihr "leerlingwezen" reformierten, haben sie für viele Veränderungen gesorgt - aber vor allem dafür, dass auch unter Nicht-Akademikern so gut wie jeder eine Eintrittskarte für den Arbeitsmarkt bekommt und vier verschiedene Abschlüsse entworfen. In der niederländischen Berufsausbildung bilden Lehrlinge sich bereits binnen sechs bis zwölf Monaten zum so genannten "Assistenten", der für einfache Tätigkeiten eingestellt werden kann. In zwei bis drei Jahren schaffen Jugendliche die "Basis-", in drei bis vier Jahren die "Fachausbildung". Wer Stufe vier erklimmt, ist "Allround-Fachmann und Spezialist" und kann sich damit auch ohne Abitur an jeder Hochschule bewerben.

Teilqualifikationen statt Examen

Die Niederländer sind nicht nur Meister der Flexibilisierung, sondern auch der Modularisierung. Statt an das Ende der einzelnen Ausbildungsstufen ein Examen zu setzen, hat man sich für ein System von Teilqualifikationen entschieden. Im Schnitt erwerben Jugendliche binnen drei Jahren 15 Scheine, von denen viele für mehrere Berufe gelten und einige auch an den Universitäten anerkannt werden. Das erleichtert Umschulung und Weiterbildung - nimmt aber vor allem alle mit. "Wir wollen jedem das Lernen im eigenen Tempo ermöglichen", sagt Marcel Wiggers, "und möglichst wenige durch das Raster fallen lassen."

Wiggers ist Manager des Ressorts "Internationales" im Regionalen Ausbildungszentrum (ROC) in Twente. Das ROC Twente ist eins von etwa 50 Zentren, an denen niederländische Jugendliche ausgebildet werden. Im Vergleich zu deutschen Berufsschulen sind sie riesig - auf ein ROC kommen im Schnitt 10.000 Lernende, in Twente sind es sogar 25.000. Die meisten, aber nicht alle sind Auszubildende: Die ROCs sind auch - ähnlich den deutschen Volkshochschulen - für Erwachsenenbildung sowie für berufliche Weiterbildung zuständig. "Wir glauben, dass die Verteilung auf wenige Träger effektiver ist", sagt Wiggers. Unterrichtet werden allerdings nicht alle unter einem Dach: Das ROC Twente, das auch für die Städte Almelo, Enschede und Hengelo zuständig ist, bildet an acht Standorten aus. Jede Schule hat eigenständige Kontakte zur regionalen Wirtschaft. Letzteres, sagt Wiggers, sei besonders wichtig, denn auch schulisch ausgebildete Jugendliche sollten Praxis erleben: 20 bis 60 Prozent der Ausbildung werden in Betriebe verlagert. Anders als in Deutschland übernimmt der Staat allerdings auch dafür den größten Teil der Kosten.
Das Beste aus anderen Ländern

Inzwischen wird etwa jeder dritte Niederländer nach deutschem Vorbild ausgebildet. "Für die Reform unserer Ausbildung sind wir durch andere Länder gereist und haben uns das Beste abgeguckt", erzählt Wiggers. Aus Deutschland brachten die Bildungsexperten das duale System mit, das nach Wiggers Angaben ständig ausgebaut wird. Betrieblich Ausgebildete arbeiten vier Tage im Unternehmen. Ein weiterer Tag ist dem ROC vorbehalten. Probleme mit der Koexistenz der zwei Systeme sieht Wiggers nicht: "Warum sollen alle gleich ausgebildet werden?" Natürlich sei eine betriebliche Ausbildung praxisnäher. Aber: "Dort ist nicht für jeden Platz."

Lebenslanges Lernen

Deutschland voraus sind die Niederlande unumstritten bei der Akademisierung ihrer Gesellschaft: Jeder Zweite eines Schulabgänger-Jahrgangs geht nach Angaben der OECD anschließend auf eine Universität oder Hochschule; in Deutschland sind es 37 Prozent. Auch die Weiterbildung von Arbeitnehmern wird intensiver gefördert. Laut einem Bericht der EU zum lebenslangen Lernen nimmt jeder zweite Beschäftigte in den Niederlanden regelmäßig an Weiterbildung teil. Allerdings ist die Teilnahme nicht gleichmäßig verteilt: Ältere und weniger gut ausgebildete Arbeitnehmer nehmen seltener teil als ohnehin gut Ausgebildete. Um die Teilnehmerquoten zu verbessern wird seit einigen Jahren auch mit „individuellen Lernkonten“ experimentiert. Das sind Sparkonten, auf die Arbeitnehmer mit Unterstützung ihrer Arbeitgeber oder der öffentlichen Hand Geld einzahlen, das regelmäßig in Weiterbildungsmaßnahmen investiert wird.

Autorin: Jeanette Goddar
Erstellt: Mai 2007


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