Wirtschaftspolitik 1940 bis 2014


III. Die Wohlstandsjahre 1950 bis 1973

Auch die Niederländer erlebten ihr Wirtschaftswunder. Die „goldenen 50er Jahre“, in denen es nur einen Weg gab: den nach oben. Kontinuierliches Wachstum, getragen von Exporten und umfangreichen Investitionen, mehrten den Wohlstand. Jährlich wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 4,9 Prozent. Die Niederlande nahmen Teil am gesamteuropäischen Wachstumspfad. Denn das Wirtschaftswunder zwischen den Deichen war kein nationales Ereignis. Überall in Westeuropa erholten sich die Volkswirtschaften rasch. Eine zufrieden stellende Erklärung, warum gerade die Niederlande so schnell wuchsen, gibt es nicht. Denn die politischen Ansätze in Europa waren teilweise gegensätzlich: Frankreich entschied sich für ein „commissariat du plan“ und die junge BRD hielt große Stücke auf Wettbewerb und soziale Marktwirtschaft. Die Wege des Wachstums waren unterschiedlich. Allerdings kann gesagt werden, dass Länder mit hohen Investitionen schnell wachsen.

Arbeiter 1968
Arbeiter Mobil Oil 1968, Quelle: Nationaal Archief/cc-by-sa

Das galt auch für die Niederlande der 1950er und 1960er Jahre. Die Exportraten übertrafen sich, investiert wurde in allen Sektoren. Durchschnittlich nahmen die Exporte um jährlich 9,3 Prozent zu (1951 bis 1973). Die privaten Investitionen legten im gleichen Zeitraum um 6,5 Prozent zu. Der private Konsum stieg kontinuierlich.

Kaum Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit war für die Nachkriegsjahrzehnte ein Fremdwort. Weniger als zwei Prozent der Berufsbevölkerung stand ohne Arbeit da. Der Historiker Jan Luiten van Zanden stellt fest, dass das rasche Wachstum vor allem auf die günstigen Angebotsfaktoren zurückzuführen ist. Kapitalbildung und technologische Entwicklung führten zu höherer Produktivität. Vor allem im industriellen Sektor gab es ein hohes Produktions- und Produktivitätswachstum.

Die Gretchenfrage lautet: Warum wuchsen Exporte und Investitionen so rasch? Für die Niederlande wird gerne auf die Politik der Lohnzurückhaltung und die gezielte Industriepolitik hingewiesen. Dank niedriger Löhne wurde es der Exportwirtschaft ermöglicht preislich zu konkurrieren und Kapital für Investitionen zu bilden. Günstig waren auch die Währungsreform und die Liberalisierung des Außenhandels. 78 Prozent der Exporte gingen in das europäische Ausland. Die Niederlande profitierten stark von dem europäischen Binnenmarkt. Auffallend ist, dass trotz abnehmender Gewinne in den 1960er Jahren industrielle Exporte und Investitionen noch schneller wuchsen als in den 1950er Jahren. Die niederländische Volkswirtschaft überhitzte: Es fehlten Arbeitskräfte und die Inflation nahm zu. Ein weiteres Spannungsmoment bildeten die zunehmenden Eingriffe des Staates in den Wirtschaftsablauf. Die Staatsquote stieg, Steuern und Sozialabgaben wurden umfangreicher, die Staatsverschuldung nahm zu.

Werden die einzelnen Sektoren betrachtet, so ist zu erkennen, dass die ersten Regierungen vor allem die industrielle Produktion förderten: Eine staatlich geleitete Lohnpolitik, Verbesserungen der Infrastruktur, die Vergabe günstiger Kredite und so genannter Investitionsprämien sollten ein unternehmerfreundliches Klima schaffen. In der Landwirtschaft hingegen sollten nach Wunsch der Regierung die Kleinbauern verschwinden und große Agrareinheiten geschaffen werden.

1963 wurde die Industriepolitik offiziell beendet. Danach setzte eine lange und stetige Abnahme der industriellen Beschäftigung ein. Die Politik richtete sich jetzt gezielt auf Problembereiche wie die Textil-, Schiffsbau- und Bergbauindustrie. Der Bergbau verschwand ab 1965 ganz von der Bildfläche. Der damalige Wirtschaftsminister Joop den Uyl beschloss, dem Steinkohlebergbau in Limburg ein Ende zu bereiten. Mit den umfangreichen Subventionen wurde der Chemiekonzern DSM gegründet.

Den Uyl
Joop Den Uyl (li.) 1965 bei der Eröffnung der Ölraffinerie im Europort Rotterdam, Quelle: NA/cc-by-sa

Wirtschaftlicher Erfolg der Nachkriegsjahre

Die meisten Arbeitsplätze entstanden zwischen 1950 und 1973 im Dienstleistungssektor, dessen anhaltende Nachfrage nach Arbeitskräften die Industrie an den Rand drängte. Die Dynamik des internationalen Handels und des Transportes – hier sind vor allem der Rotterdamer Hafen und der Flughafen Schiphol zu nennen – trug entschieden zum ökonomischen Erfolg der Nachkriegsjahrzehnte bei.

Wichtige Faktoren waren auch das harmonische Zusammenwirken von Staat, Arbeitgebern und Gewerkschaften. Sie versuchten gemeinsam, die Wettbewerbsposition niederländischer Unternehmen zu verbessern. Die Niederlande sollten ein Land niedriger Löhne und Preise werden. So wurden die Lebensmittelpreise und Wohnungsmieten vom Staat festgesetzt, um sie möglichst niedrig zu halten. Die staatlich geleitete Lohnpolitik wurde mit dem gleichen Ziel verfolgt: Möglichst niedrige Löhne und geringer Konsum, damit der Export boomt.

„Wundertüte“

1954 gibt es für die Arbeitnehmer die erste „Wundertüte“: die Löhne wurden um sechs Prozent angehoben. Ab 1959 wurden sie an den Produktivitätszuwachs gekoppelt und dies bedeutete das faktische Ende der staatlichen Lohnpolitik. 1963 wurde die Tarifpolitik den Tarifparteien übergeben. Der Staat hielt sich allerdings ein Recht der Intervention vor. Zu Beginn schien die Tarifautonomie ein Desaster zu werden. Im Jahr 1964 stiegen die Löhne um 15 Prozent. Seitdem legten Löhne stärker zu als das Produktivitätswachstum, nicht zuletzt wegen des vielbeachteten Philips-Tarifs, der 1965 eine automatische Lohnerhöhung vorsah, wenn die Preise stiegen. In den Jahren 1950 bis 1958 und von 1960 bis 1969 stiegen die Löhne für männliche Arbeitnehmer um 6,5 bzw. 10,3 Prozent.

In den 1950er und 1960er Jahren wurde der Sozialstaat kontinuierlich ausgebaut. Die AOW 1956, die Zfw 1964, die WAO, AWBZ und das Ziektewet von 1967 wären zu nennen. Der Grundstock des Sozialstaates wurde gelegt, mit Subventionen vom Studiengeld bis zum Wohngeldzuschuss. Neue Häuser wurden gebaut, um der 1955 noch bestehenden Wohnungsnot entgegen zu wirken. Erst in die Höhe, wie in monumentaler Weise in Bijlmermeer geschehen, danach leisteten sich die Niederländer lieber ein Häuschen im Grünen. Die Menschen konsumierten und es bildete sich eine reiche Mittelschicht. Es waren unbekümmerte Jahre.

Industriepolitik

Unmittelbar nach dem Krieg stand nicht nur ein wirtschaftlicher Wiederaufbau zur Diskussion, sondern eine neue gesellschaftliche Ordnung sollte geschaffen werden. Die Erfahrungen mit der ökonomischen, politischen und moralischen Krise der 1930er Jahre standen hierbei im Zentrum. Mit der Idee des „Durchbruchs“, der Auflösung der versäulten Gesellschaft in Katholiken, Protestanten, Sozialisten und Liberalen wurden Forderungen nach einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl und dem Angebot individueller Entfaltungsmöglichkeiten in Zusammenhang mit einer radikal-sozialen Politik verbunden. Ein Aspekt dieser „Aufbruchstimmung“ war die Industriepolitik von 1949 bis 1963 – ein typisches Produkt niederländischer Politik. Sie war ein Kompromiss zwischen der PvdA, die an dem Wunsch nach mehr Planung durch den Staat festhielt, und den anderen Parteien, die sich gegen eine intensive Einmischung des Staates in den Wirtschaftsablauf zur Wehr setzten.

Die erste Industrialisatienota erschien im September 1949 unter der Leitung von Wirtschaftsminister van den Brink. Der Unternehmer sollte überzeugt werden, dass der Staat ihm hilft, ohne seine Freiheiten einzuschränken. So wurden Verordnungen wie das komplizierte Regelwerk der Betriebsvergabeordnung abgeschafft. Auch wurde alles daran gesetzt, die Infrastruktur zu verbessern. Industrie- und Gewerbegebiete wurden angelegt und Straßen gebaut. Ein unternehmerfreundliches Klima sollte geschaffen werden, mit erheblichen Steuervorteilen und Subventionen für investierende Unternehmen. Zwischen 1948 und 1952 wurden 5,53 Milliarden Gulden investiert.

Ein Hauptmotiv der Industriepolitik war die Zunahme der Erwerbstätigen. Eine Niedriglohnpolitik sollte den Faktor Arbeit billig machen. Jedoch wurden bis 1952 nur 135.000 Arbeitsplätze geschaffen. Das waren 20.000 weniger als geplant. Dennoch entwickelte sich der industrielle Sektor sehr gut und verdoppelte zwischen 1948 und 1962 seine Produktionskapazität. Das größte Wachstum wurde in der Metallindustrie, der Chemie- und Textilindustrie sowie der Bauwirtschaft verwirklicht. In diesen Branchen entstanden 90 Prozent aller neuen Arbeitsplätze.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2008


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