Wirtschaftspolitik 1940 bis 2006


I. Einführung


Die niederländische Wirtschaft hat seit 1994 eine auffallend positive Entwicklung durchgemacht. Viele neue Arbeitsplätze wurden geschaffen, die (offizielle) Arbeitslosigkeit ist stark stagniert und auch der Staatshaushalt ist nahezu ausgeglichen. Nichtsdestotrotz ist auch in den Niederlanden der Rückgang der weltweiten konjunkturellen Lage deutlich spürbar. Was sind nun die Hauptkennzeichen der niederländischen Wirtschaft, wie verliefen die globalen Entwicklungen seit 1945 und wie geht es der niederländischen Wirtschaft derzeit?

Die niederländische Wirtschaft lässt sich anhand der folgenden Merkmale charakterisieren:

  • kleine, offene Wirtschaft
  • freie Marktwirtschaft; der Staat und die sozialen Partner (Poldermodel) nehmen dabei eine wichtige Position ein Wirtschaftsstruktur mit einigen wenigen großen Unternehmen
  • Starke Orientierung auf den Dienstleistungssektor
  • Starke (geographische) Konzentration auf den Westen des Landes (Randstad)

Rolle des Staates in der Marktwirtschaft

Im Vergleich zu vielen anderen westlichen Wirtschaften haben die Niederlande eine kleine Wirtschaft. Dass heißt nicht, dass diese unbedeutend sei. Beim Welthandel stehen die Niederlande auf Platz 10, bei den direkten Investitionen sogar auf Platz 5. Nach dem Krieg haben sich die Niederlande bewusst für eine Marktwirtschaft entschieden, wobei alle Beteiligten (Produzenten, Konsumenten, Arbeitnehmer) im Prinzip selbstständig über ihr ökonomisches Engagement entscheiden können. Zugleich nahm die Rolle des Staates nach 1945 stark zu. Dies ist an der strengeren Gesetzgebung, auch auf wirtschaftlichem Gebiet, zum Großteil aber auch an der stark angestiegenen sozialen Sicherheit ablesbar. Die ‘sozialen Partner’ haben nach dem Zweiten Weltkrieg im Allgemeinen eine sehr pragmatische Position zueinander eingenommen, zum Beispiel bei der Stichting van de Arbeid Basierend auf einerseits korporatistisch geprägten, andererseits sozialdemokratischen Auffassungen entwickelten sich nach 1945 zahlreiche neue Institutionen, in denen der Staat und die ‘sozialen Partner’ eng miteinander kooperierten. Vor allem der Sociaal-Economisch Raad (SER) sollte hier genannt werden. Seit ungefähr 1945 bis 1963 und noch mal seit 1983 war diese Zusammenarbeit sehr wichtig hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklungen.

Multinationals und Dienstleistung

Die niederländische Wirtschaft ist stark dienstleistungsorientiert. Das starke Wachstum der Arbeitsplätze nach 1983 fand beinahe ausschließlich in diesem Sektor statt. Der Anteil der Landwirtschaft ist klein, aber nicht unwichtig (zum Beispiel aufgrund des Exports). Der Anteil der Industrie ist seit 1960 stark zurückgegangen. Auffallend ist, dass in den Niederlanden eine kleine Zahl sehr großer Unternehmen mit internationalem Charakter agieren - Philips, Shell, Unilever, DSM, AkzoNobvel, Ahold, ING, ABN-AMRO, Randstad.
Schließlich muss auch die starke geografische Konzentration der Bevölkerung, sowie die Beschäftigungskonzentration in den drei westlichen Provinzen (Randstad) erwähnt werden.

Institutionalisierung der Wirtschaft

Die Entwicklung der niederländischen Wirtschaft nach 1945 lässt sich grob in drei Phasen einteilen. Seit 1945 bis zum Ende der 60-er Jahre spricht man von einer vorteilhaften Entwicklung. Danach geht es bis 1983 stark abwärts, wobei sich ab 1983 die Wirtschaft wieder erholt.

In den Jahren bis 1950 sprach man von leichter konjunktureller Erholung. Diese Erholungsphase wurde durch Geldknappheit und durch hohe Abgaben für die Beibehaltung der Kolonie Indonesien behindert. Gleichzeitig wurden in diesen Jahren wichtige Entscheidungen über die Institutionalisierung der Wirtschaft getroffen: neben der bereits erwähnten ‘Stichting van de Arbeid’ und dem ‘SER’ sind auch die Neubewertung des Geldes (1945), das neue zentrale Bankengesetz (1948) und die Errichtung des ‘Centraal Planbureaus’ (CPB) nennenswert. Das CPB prognostiziert die zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklungen und beschreibt wirtschaftliche Konsequenzen der wirtschaftspolitischen Alternativen.

Stagflation

Seit 1950 wuchs die niederländische Wirtschaft sehr stark. Die Arbeitslosigkeit nahm bis zu einem sehr niedrigen Niveau ab. Dieser Prozess setzte sich in den 60-er Jahren fort, aber damals wurden die ersten dunklen Wolken am Himmel sichtbar. In zahlreichen Sektoren wurden viele Arbeitsplätze abgebaut, die Lohnkosten stiegen rasch an, Steuern, Sozialabgaben und Inflation nahmen stetig zu.

Wie sehr die Wirtschaft krankte wurde während der ersten, vor allem aber bei der zweiten Ölkrise (1974 bzw. 1981) sichtbar. Anfänglich dachte man, der Krise mit keynsianischer Wirtschaftspolitik entgegenwirken zu können, aber die Stagflation konnte damit nicht bestritten werden.

Vereinbarung von Wassenaar

Viele (Politiker, Arbeitgeber, Arbeitnehmer) sahen auch zu spät ein, dass sich die Situation deutlich verändert hatte. Bei der zweiten Ölkrise sprangen alle Signale auf rot: sehr niedriges Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit, großes Haushaltsloch, hoher Steuern- und Sozialabgabendruck und anfänglich auch starke Inflation.

Als man sich darüber bewusst wurde wie ernst die Situation war, erfolgte nach 1982 eine deutliche Reaktion: basierend auf dem Vertrag von Wassenaar wurden Löhne gemäßigt, der Staat erließ drastische Sparmaßnahmen, zudem wurde dereguliert, Subventionen wurden eingefroren und auch das Sozialsystem wurde angepasst. Das führte sicherlich zu einer deutlichen Erholung, der tatsächliche Durchbruch kam aber erst in den 90-er Jahren. Anfang der 90-er zeigte sich, dass man im Sozialsystem härter durchgreifen müsse, vor allem in der ‘WAO’. Als dieses nach vielen Streitereien realisiert wurde, drang langsam das Bewusstsein durch, dass die niederländische Wirtschaft eine günstigere Konkurrenzposition einnahm. Ab 1994 folgte eine Wachstumsperiode, vor allem hinsichtlich wachsender Beschäftigung.

Von "Dutch disease" zu "Dutch miracle"

Sprach man in den 70-er Jahren noch von der ‘Dutch disease’, wurde von nun an vom ‘Dutch miracle’ oder dem Poldermodel gesprochen. Auch der Staatshaushalt verbesserte sich zunehmend. Gegenüber diesem Nutzen stehen natürlich auch Kosten. Teilweise wurde zu schnell dereguliert und privatisiert. Auch wurden die Folgen der Sparmaßnahmen sichtbar. Wartelisten im Gesundheitssektor, zu wenig Unterrichtspersonal, Stau auf den Autobahnen, große Probleme beim Öffentlichen Verkehr, sowie ein zunehmendes Gefühl der Unsicherheit auf der Straße sind die Folgen.

Günstige Ausgangsposition

Seit 2001 werden auch die Niederlande mit dem konjunkturellen Abschwung konfrontiert. Das Wachstum stagniert, das Haushaltsdefizit weitet sich aus, ebenso wie die Arbeitslosigkeit. Da die Ausgangsposition relativ günstig war, sind diese Veränderung noch nicht so dramatisch. Geeignete Maßnahmen dürfen natürlich nicht auf Eis gelegt werden, aber bisher gibt es noch keinen Grund zur Panik.

Die Lage 2006

Wie im benachbarten Deutschland reagieren auch in den Niederlanden die Arbeitnehmer und Gewerkschaften im Jahr 2006 beunruhigt auf Entlassungen in den großen Unternehmen. Beispielhaft ist hier die Automobilfabrik NedCar zu nennen, wo im April des Jahres 2006 Arbeitnehmer aus Unmut über die Firmenpolitik in den Streik traten. Ähnlich sah es bei dem Bankunternehmen ABN Amro, dem Verlagshaus Wegener sowie bei dem Elektronikkonzern Philips aus. Auch Gesundheitspolitisch wurden einschneidende Maßnahmen unternommen.

Dieses Dossier handelt von der Wirtschaftspolitik der Nachkriegsjahre bis zum Jahre 2006, noch vor dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2007.

Autor: Kees van Paridon
Erstellt: o.D.
Aktualisierung: Juni 2006


Links

Wichtige Links im Bereich Wirtschaft finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen in unserem Dossier Das Wirtschaftssystem

Weitere Informationen in unserem Dossier Wirtschafts- und Finanzkrise 2007

Das CBS ist die nld. Statistikbehörde und erstellt Datensätze zu sämtlichen gesellschaftspolitischen Themen Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS)

Das CPB erstellt unabhängige Prognosen und Analysen zur allgemeinen wirtschaftspolitischen Lage Centraal Planbureau (CPB)

Das nld. Arbeitsamt (vorher Centrum voor Werk en Inkomen) vermittelt Arbeitsplätze, klärt die Verteilung von Arbeitslosengeldern und unterstützt Arbeitssuchende in rechtlichen Angelegenheiten UWV WERKbedrijf

Die DNHK fördert und unterstützt die dt-nld. Wirtschaftsbeziehungen Deutsch - niederländische Handelskammer (DNHK)

Die SvdA ist ein (privatrechtliches) nationales Beratungsorgan der drei zentralen nld. Arbeitgeberverbände und der drei zentralen Arbeitnehmerverbände Stichting van de Arbeit (STAR)

Nld. Zentralbank. Neben der Sicherung der Geldvorsorge und der Überwachung des Zahlungsverkehres agiert sie auch als Verlängerungsarm der Europäischen Zentralbank (EZB) Nederlandsche Bank (DNB)

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