Wirtschaftspolitik 1940 bis 2014


II. Die Nachkriegsjahre 1940 bis 1950

Im Mai 1940 wurden die Niederlande von deutschen Truppen überfallen. Es folgte eine fünfjährige Besatzungszeit, die tiefe Spuren im niederländischen Wirtschaftssystem hinterlassen hat. Fast der gesamte Produktionsapparat fiel in deutsche Hände. Ein Großteil der niederländischen Unternehmer arbeitete mit den Besatzern zusammen – auch um ihren Arbeitnehmern den Job zu sichern. Denn Arbeitslose wurden zur Arbeit in der Rüstungsindustrie beordert. Bereits in den ersten Monaten der Besatzungszeit folgte die niederländische Waffenindustrie der deutschen Order. Das Eisenbahnnetz wurde zur Verfügung gestellt und die Gemeinde Amsterdam baute den Flughafen Schiphol um. Das Sozialministerium entwickelte frühzeitig Pläne, um niederländische Arbeitslose dazu zu bewegen in Deutschland zu arbeiten – eine willkommene Lösung des Arbeitslosenproblems.

Marshall
1950: Außenminister Minister Stikker (rechts) rüberreicht General C. C. Marshall (2. v. links) die goldene Medaille der Nederlandse Maatschappij voor Handel en Industrie in Amerika, Quelle: Nationaal Archief/cc-by-sa

Die Niederlande als Selbstbedienungsladen

Die Leitung der deutschen Besatzung hatte Reichskommissar Seyss-Inquart, dem die Aufgabe zufiel, niederländische Betriebe in die deutsche Industrie einzugliedern. Bereits im April 1941 galt die Reichsmark auch in den Niederlanden als gesetzliches Zahlungsmittel und damit wurden die Niederlande zum Selbstbedienungsladen einer überhitzten deutschen Kriegswirtschaft. Bis zum Mai 1945 flossen Reichsmark im Wert von 6,3 Milliarden Gulden in die Kassen der Nederlandsche Bank. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) betrug 1939 5,6 Milliarden Gulden, nach dem Krieg waren es 9,7 Milliarden Gulden.

Der Historiker Jan Luiten van Zanden schätzt den Verlust von Gütern durch Deutschland auf 6,6 Milliarden Gulden. In den letzten Kriegsjahren bezahlte der Besatzer überhaupt nicht mehr für das, was er bestellte. Und die Deutschen orderten viel. Die Exporte nach Deutschland nahmen stark zu. Während des Krieges profitierten vor allem die Metall- und Schiffsbauindustrie und die Elektroindustrie von den Nazi-Aufträgen.

Starke Neigung zum Gehorsam

Ende 1941 arbeiteten ungefähr 150.000 Niederländer in Deutschland, drei Jahre später waren es 400.000, das entsprach 13 Prozent der berufstätigen Bevölkerung. Die Ausbeutung der niederländischen Wirtschaft war erfolgreich. Die Niederländer passten sich rasch an den Besatzer an und lieferten einen nicht unerheblichen Beitrag zur deutschen Kriegswirtschaft. „Es gab eine starke Neigung zum Gehorsam. Und dies trug zur Effizienz des Systems der Rationierung und Ausbeutung bei“, so van Zanden. Positiv daran war, dass die niederländische Wirtschaft nicht zusammenbrach. Zwischen 1940 und 1943 stieg die Produktion im Acker- und Gartenbau um 30 Prozent. Die Produktion von Schiffen, Waffen und Elektronik, Stahl und Eisen zog aufgrund der deutschen Nachfrage stark an. Die Bruttowertschöpfung der Industrie konnte in den ersten Kriegsjahren das Niveau halten.

Aber es gab auch große Verluste. Die Hafenanlagen von Rotterdam und Amsterdam wurden schwer bombardiert. Brücken wurden zerstört. Vier Prozent aller Wohnungen waren 1945 unbewohnbar. Der Winter 1944 war streng. Die Deutschen räumten Fabriken, versuchten Maschinen nach Deutschland zu transportieren. Die Fabriken des Stahlkonzerns Hoogovens und der Erdölanlage Pernis der Königlichen Petroleum Gesellschaft in Rotterdam wurden geplündert.

Eines der größten Probleme bildete die starke Zunahme der Geldmenge, als Folge der enormen deutschen Aufträge und großer Staatsschulden. Das Geldvolumen stieg von 2,5 Milliarden auf zehn Milliarden Gulden. Die Staatsschulden stiegen exorbitant von vier Milliarden (1940) auf 23,6 Milliarden Gulden 1945. Die Staatsausgaben verdoppelten sich von 2,3 Milliarden (1940) auf 4,4 Milliarden (1945) Gulden. Offiziell kam es zu keiner Inflation. Bereits im Mai 1940 wurden alle Preise, Löhne und Mieten auf Vorkriegsniveau festgesetzt.

Nach Befreiung rascher Wiederaufbau

Im Mai 1945 wurden die Niederlande vollständig befreit und es folgte ein rascher Wiederaufbau. In den ersten Jahren hatte die Regierung alle Hände voll zu tun, um die Kriegsfolgen zu beseitigen. Zirka 29 Prozent aller Kapitalgüter wurden vernichtet, besonders stark traf es den Transportsektor (61 Prozent). Die Industrie hatte hohe Vorratsverluste zu beklagen: 85 Prozent gingen verloren. Der niederländische Staat war hoch verschuldet.

Eine der wichtigsten Maßnahmen, die getroffen werden mussten, war die Währungsreform von 1945, die Basis für das monetäre Gleichgewicht. Am 9. Juli wurden alle Banknoten in Höhe von 100 Gulden für ungültig erklärt. Die Bevölkerung sollte das Geld auf ein blockiertes Bankkonto einzahlen. Im September wurden dann alle anderen Banknoten aus dem Umlauf genommen. Jeder Haushalt erhielt zehn Gulden neues Geld. Am 26. September waren alle Niederländer gleich arm.

Geldzuivering
Reaktion des niederländischen Finanzministeriums auf den wirtschaftlichen Zusammenbruch 1940 Quelle: NA/cc-by-sa

Das Geld auf den blockierten Konten wurde versteuert. Finanzminister Pieter Lieftinck führte zwei Kapitalsteuern ein. Zum einen sollte durch die Vermogensaanwasbelasting jede Vermögenszunahme zwischen 1940 und 1946 mit 50 bis 70 Prozent besteuert werden. Illegale Gewinne wurden mit 90 Prozent versteuert. Die zweite Steuer, die Vermogensheffing ineens war eine einmalige Steuer auf das Vermögen von 1946. Die Tarife variierten zwischen vier und 20 Prozent. Durch die Geldsanierung sollte ein Großteil der Geldmenge aus dem Umlauf genommen werden. Die Geldblockade gab der Wirtschaft Zeit, sich zu erholen. In mehreren Phasen wurde das Geld bis 1952 wieder frei gegeben. Die Reform glückte und schöpfte 60 Prozent der Geldmenge ab. Eine Hyperinflation wurde abgewendet.

Ein weiterer Knackpunkt waren die Defizite der Zahlungsbilanz. 1946 wurden nur 37 Prozent der Einfuhr durch Exporte gedeckt. Das daraus resultierende Defizit betrug 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die niederländische Wirtschaft kreierte eine enorme Nachfrage. Amerikanische Kredite und der Verkauf ausländischer Aktien ermöglichten eine Finanzierung des Handelsdefizits. Ab 1948 konnten die Defizite durch die Marshall-Hilfe aufgefangen werden. Die niederländische Bank entschloss sich, den Gulden um 30 Prozent im Verhältnis zum Dollar abzuwerten, um die Exporte in die Dollarzone zu stimulieren. 1947 waren nur fünf Prozent aller Dollareinfuhren durch Exporte gedeckt, fünf Jahre später waren es 42 Prozent.

Die Nachkriegsjahre

Die niederländische Wirtschaft wuchs in den ersten Nachkriegsjahren kontinuierlich. Die industrielle Produktion lag 1947 schon 40 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Zwischen 1946 bis 1950 stammten 50 Prozent aller Exportgüter aus der Landwirtschaft. Der Rotterdamer Hafen und die Binnenschifffahrt erholten sich nur langsam.

Bevor die „goldenen“ 1950er Jahre anbrachen, gab es noch viel zu tun. Gesellschaftlich und politisch waren die Niederlande am Tiefpunkt angelangt. Neue wirtschaftliche Institutionen wurden gegründet, um dem Land so schnell wie möglich auf die Beine zu helfen. Die Stichting van de Arbeid, der Sociaal-Economische Raad, das Centraal Planbureau und die Nederlandsche Bank bildeten ein institutionelles Grundgerüst für die Sozial- und Wirtschaftspolitik. Gleichzeitig war damit die Frage des Wirtschaftssystems geklärt: Der große Kampf zwischen den Ideologien war beendet. Die Parteien waren sich darüber einig, dass wirtschaftliches Wachstum, Industrialisierung und die Ausweitung des Wohlfahrtsstaates notwendig sind.

Marshallhilfe

Im April 1948 erreichten die ersten Frachtschiffe mit Gütern aus der Marshallhilfe die niederländische Küste. Ein wichtiges Zeichen für den Wiederaufbau des Landes. Der niederländische Wirtschaftsminister Jan van den Brink sagte im März 1949: „Die Bedeutung der Marshallhilfe ist mehr als nur eine materielle. Die moralische und mentale Ausstrahlung lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken.“ Von der Marshallhilfe ging eine Symbolwirkung aus. Die Hilfe selbst bestand für die europäischen Länder aus knapp 13 Milliarden US-Dollar. Für die Niederlande betrug die Hilfe zwischen fünf und 8,4 Prozent des Volkseinkommens in den Jahren 1948 bis 1951 – das waren insgesamt eine Milliarde US-Dollar.

Die Niederlande profitierten stärker als andere Länder von der Marshallhilfe und konnten in den Jahren 1948 bis 1951 ihr Defizit der Zahlungsbilanz ausgleichen. Lebensmittel, Rohstoffe, Maschinen für die Metall- und Elektroindustrie konnten bezahlt werden. Im Juni 1948 bekamen die Niederlande die ersten 278 Millionen Gulden zugewiesen. Durch die Marshallhilfe verpflichtete sich die Regierung, amerikanischen Unternehmen einen Zugang auf den niederländischen Markt zu verschaffen und ihre kolonialen Ansprüche in Indonesien fallen zu lassen.

Die Hilfe richtete sich vor allem an die Lebensmittel-, Textil- und Flughafenindustrie und weniger an die Eisen- und Stahlindustrie. Die Marshallhilfe hat eine indirekte Bedeutung gehabt: Durch die Marshallimporte wurden Devisen freigesetzt zur Einfuhr von Investitionsgütern.

Die großen Konzerne profitierten nur in geringem Umfang von der Hilfe. Nach dem Krieg konnten sie jedoch relativ rasch ihre Produktion aufnehmen. Philips etwa realisierte 60 Prozent seiner Dollar-Importe durch die Hilfe, aber dies waren nur zwei Prozent aller Einkäufe im Ausland. Vor allem kleine Betriebe wurden unterstützt. Die Draht-, Kabel- und Elektroindustrie wurde beim Kauf von Kupfer gefördert. Der Fluggesellschaft KLM wurden sieben DC 6 Flugzeuge finanziert. Insgesamt 20 Prozent der KLM-Flotte wurde durch Marshallmittel bezahlt.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2008


Links

Wichtige Links im Bereich Wirtschaft finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen in unserem Dossier Das Wirtschaftssystem

Weitere Informationen in unserem Dossier Wirtschafts- und Finanzkrise 2007

Das CBS ist die nld. Statistikbehörde und erstellt Datensätze zu sämtlichen gesellschaftspolitischen Themen Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS)

Das CPB erstellt unabhängige Prognosen und Analysen zur allgemeinen wirtschaftspolitischen Lage Centraal Planbureau (CPB)

Das nld. Arbeitsamt (vorher Centrum voor Werk en Inkomen) vermittelt Arbeitsplätze, klärt die Verteilung von Arbeitslosengeldern und unterstützt Arbeitssuchende in rechtlichen Angelegenheiten UWV WERKbedrijf

Die DNHK fördert und unterstützt die dt-nld. Wirtschaftsbeziehungen Deutsch - niederländische Handelskammer (DNHK)

Die SvdA ist ein (privatrechtliches) nationales Beratungsorgan der drei zentralen nld. Arbeitgeberverbände und der drei zentralen Arbeitnehmerverbände Stichting van de Arbeit (STAR)

Nld. Zentralbank. Neben der Sicherung der Geldvorsorge und der Überwachung des Zahlungsverkehres agiert sie auch als Verlängerungsarm der Europäischen Zentralbank (EZB) Nederlandsche Bank (DNB)

Organisationen

Informationen zu Organisationen und Unternehmen im Bereich Wirtschaft Organisationen A-Z

Lit.

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: