Wirtschaftspolitik 1940 bis 2014


X. Kritik am Poldermodell

In der neueren Literatur werden immer häufiger Zweifel am Erfolg des Poldermodells erhoben. Es wird betont, dass die Niederlande es nicht geschafft haben, trotz erheblicher Lohnkostenvorteile gegenüber ihren Handelspartnern ein zusätzliches Wirtschaftswachstum anzuregen. Das niederländische Inlandsprodukt weicht während der 1980er und 1990er Jahre in der Tat kaum vom Trend des EU-Durchschnitts ab. Die Niederlande sind also diesbezüglich anderen Ländern nicht davongelaufen. „Die angebotstheoretische Denkfigur: Lohnzurückhaltung = verbesserte Konkurrenzfähigkeit = höhere Profitabilität = Zunahme der Investitionen hätte eigentlich ein höheres Wachstum erwarten lassen müssen“, kritisiert der deutsche Politikwissenschaftler Uwe Becker. Ihm schließt sich auch der Wirtschaftswissenschaftler Ton van Schaik an, der fragt, wozu Lohnzurückhaltung denn letztlich geführt habe, wenn nicht zu einem stärkeren Wirtschaftswachstum.

Exportwachstum

Export Nl 1980 2012
Niederländisches Exportvolumen in Millionen Euro, 1980-2012, Quelle: CBS, Eigene Darstellung

Auch das Exportwachstum gibt wenig Anlass zur Euphorie. Die niederländischen Exporte, die viele neoklassische Ökonomen als grundlegend für das Beschäftigungswachstum ansehen, wuchsen nur mittelmäßig. Trotz Lohnzurückhaltung ist in den Jahren 1994 bis 1996 das ist Wachstum der Exporte schwächer gewesen als der EU-Durchschnitt: „One can conclude that Dutch economic results are moderate to normal and not exceptional, not even after 1982“, so der Ökonom Wiemer Salverda.

Aus diesen Entwicklungen schließen Ökonomen, dass das relativ günstige niederländische Beschäftigungswachstum beinahe ausschließlich aus einem geringen Wachstum der Arbeitsproduktivität resultiert. Und in der Tat: Die niederländischen Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität (Wertschöpfung pro Arbeitnehmer) lagen Anfang der 1980er Jahre noch leicht über dem EU-Durchschnitt; sie haben sich jedoch einige Jahre nach dem Beginn der Lohnzurückhaltung ungefähr halbiert und betrugen seitdem nur noch gut die Hälfte des EU-Durchschnitts.

Kritiker sind sich daher sicher, dass das überdurchschnittliche Wirtschaftswachstum in den Niederlanden der 1990er Jahre wesentlich arbeitsintensiver war als in den 1970er und 1980er Jahren. Allerdings kämpfen die Niederlande auch mit strukturellen Nachteilen gegenüber den Nachbarstaaten: „Germany for instance has a bigger share of more productive manufacturing sectors, the Netherlands of less productive services“, schreibt das CPB. Zudem betont die Regierungsbehörde, dass sich die Produktivitätsraten in den Niederlanden im OECD-Vergleich auf sehr hohem Niveau bewegen.

Wie dem auch sei: Das Problem sinkender Wachstumsraten der Produktivität ist nicht unerheblich. Länder mit vergleichsweise hohen Arbeitskosten – und hierzu sind auch die Niederlande zu zählen – können nur dann gegenüber Niedriglohnländern wettbewerbsfähig bleiben, wenn deren Arbeitsproduktivität höher ist. Hohe Arbeitsproduktivitäten sind essenziell.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2008


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