Wirtschaftspolitik 1940 bis 2014


IV. Die Krisenjahre 1973 bis 1985

Mit Beginn der 1970er Jahre kam das stabile und schnelle Wachstum der Nachkriegszeit zum Erliegen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging von durchschnittlich fünf Prozent Wachstum für die Jahre 1947 bis 1973 auf 2,7 Prozent Wachstum zurück. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre kann von einer Depression gesprochen werden: Das BIP pro Kopf wuchs nur noch um 0,7 Prozent. Kennzeichen dieser Periode waren eine anhaltende Zunahme der Arbeitslosigkeit, eine hohe Zahl Inaktiver, eine hohe Inflation, niedrige Produktivität, ein starker Anstieg der Lohnkosten, eine Wertminderung des Anlagevermögens, Anstieg der Energiekosten und deutliche Probleme des Sozialstaates.

Das größte Problem war der Arbeitsmarkt. Während der Depression von 1974/1975 stieg die Zahl der Arbeitslosen an der Berufsbevölkerung auf fünf Prozent. Bis 1980 blieb dies so. Nach der zweiten Ölkrise 1979 bis 1983 stieg die Arbeitslosenquote rasend schnell auf zehn Prozent.

Proteste Niederländische Jugend protestiert 1977 gegen die hohe Arbeitslosigkeit
Proteste: Niederländische Jugend protestiert 1977 gegen die hohe Arbeitslosigkeit, Quelle: NA (929-3718)/cc-by-sa

Hohe Inflation und wunchernde Staatsausgaben

Der Anteil der Arbeitslosen, die seit über einem Jahr arbeitssuchend waren, nahm von zehn Prozent (1970) auf 50 Prozent (1980) zu. Zudem stieg die Zahl der Arbeitsunfähigen. Fast eine Millionen Menschen waren Bezieher von WAO-Leistungen, dessen gesetzliche Grundlage 1967 eingeführt wurden. Der Gesetzgeber ging von maximal 200.000 „WAOers“ aus.

Ein weiteres Problem war die hohe Inflation. Zwischen 1970 und 1973 stiegen die Preise für Rohstoffe, Öl und Nahrungsmittel enorm. Um die Inflation einzudämmen, zog die Nederlandsche Bank die Zinsen an. Dies reichte allerdings nicht aus. Nach der zweiten Ölkrise im Jahr 1981 überschritt die Inflation zehn Prozent. Auch die Staatsausgaben wucherten. Das Haushaltsdefizit betrug acht Prozent und die Staatsausgaben überstiegen zu Beginn der 1980er Jahre deutlich die 65 Prozent des BIP.

Auffallend ist, dass die Landwirtschaft von den Problemen der 1970er und 1980er Jahre verschont wurde. Die Landwirte realisierten ein hohes Produktions- und Produktivitätswachstum. Vor allem der Gartenbau (Blumen und Blumenzwiebeln), Schweinezucht und der Geflügelsektor legten zu. Problemkind war die Industrie. Der Absatz stagnierte. Vor allem in der Textil- und Schuhindustrie waren harte Einschnitte vonnöten. Hier nahm die Beschäftigung zwischen 1974 und 1984 um 70 Prozent ab. Die Öl- und Chemieindustrie kämpfte mit hohen Preissteigerungen.

Das Bretton-Woods-System

Wie kam es zu dieser besorgniserregenden Lage? Ein großes Problem bereitete die starke Zunahme der Energiepreise während der zwei Ölkrisen in den Jahren 1973/1974 und 1979. Die niederländische Wirtschaft war und ist sehr anfällig für hohe Energiepreise. In den 1960er Jahren stieg der Energiebedarf deutlich: von 0,9 Prozent auf fast 1,5 Prozent des BIP. Gerade in diesem Jahrzehnt wurde eine neue Aluminiumindustrie aufgebaut und die Chemieindustrie stand in voller Blüte. Diese verbrauchten viel Energie. Die Gartenbauer verschlangen Öl und Gas für ihre Heizungen. Zu Beginn der 1970er Jahre waren die Niederlande eine der energieintensivsten Volkswirtschaften der Welt. Die Energiepreisentwicklung drückte die Gewinne. Neue energiesparende Investitionen wurden nötig. Die erste Ölkrise hatte dem Historiker Jan Luiten van Zanden zufolge für das Anlagevermögen zwei Folgen: Der Wert verminderte sich, da zu energieintensiv und Investitionen in energiesparende Anlagen wurden dringend nötig.

Eine zweite Veränderung, die sich in den 1970er Jahren vollzog, war das Auseinanderfallen des Bretton-Woods-Systems. Es garantierte nach dem Zweiten Weltkrieg feste Wechselkurse zwischen verschiedenen westeuropäischen Währungen und dem Dollar, der wiederum an dem Goldwert gekoppelt war. Das System brach infolge des amerikanischen Handelsbilanzdefizits zusammen. Die europäischen Länder führten ein System schwankender Wechselkurse ein. Die Niederlande antworteten auf diese veränderte Währungslandschaft mit einer Neuorientierung der Geldpolitik. Bereits 1961 wurde der Gulden aufgewertet. Die Geldpolitik wurde ganz an dem deutschen Nachbarn ausgerichtet, da Deutschland für die niederländische Wirtschaft von herausragender Bedeutung war. Der Gulden wurde an die D-Mark gekoppelt.

Von großer Bedeutung für den Arbeitsmarkt war der deutliche Anstieg der Lohnkosten und hieraus resultierend eine abnehmende Arbeitsproduktivität. Die Lohnkosten stiegen durch die Gewohnheit, bei Tarifverhandlungen dem wage leader zu folgen und durch die deutliche Erhöhung des Minimumlohns durch das sozialdemokratische Kabinett unter Premier Joop den Uyl. Hinzu kamen steigende Lohnsteuern und Sozialversicherungsbeiträge.

Keynesianische Politik

Die Niederlande mutierten von einem Niedriglohnland zu einem Land mit sehr hohen Lohnkosten. Auch der Anstieg des effektiven Wechselkursverhältnisses verschlechterte die internationale Wettbewerbsposition. Die Gewinnsituation verdunkelte sich, die Exporte nahmen ab. Auf Zinssenkungen ließ sich die Nederlandsche Bank nicht ein. Die Bekämpfung der Inflation hatte Vorrang. Langfristig gesehen war das erfolgreich. Denn zwischen 1985 und 1994 betrug die Inflationsrate nur 1,7 Prozent.

Die niederländische Regierung reagierte auf die wirtschaftliche Krise mit einer klassisch Keynesianischen Politik: Der Staat investierte und konsumierte. Das Kabinett Den Uyl beschloss Mitte der 1970er Jahre neue Beschäftigungsprojekte, subventionierte Betriebe, erhöhte den Minimumlohn und die Sozialversicherungsbeiträge; und machte damit alles nur noch schlimmer. Alle Anstrengungen, die Staatsfinanzen in den Griff zu kriegen, schlugen fehl. Die Staatsschulden stiegen trotz enormer Einkommen aus dem Erdgasgeschäft stark. Von zwei Prozent des BIP zu Beginn der 1970er Jahre auf fast neun Prozent des BIP im Jahr 1982.

Auch wurde immer deutlicher, dass die Sozialversicherungen kaum noch zu beherrschen waren. Die hohen Lohnkosten erforderten eine hohe Arbeitsproduktivität, damit die Unternehmen konkurrenzfähig blieben. Die Unternehmen sparten Personal ein. Die Produktivsten blieben, ältere Arbeitnehmer schieden vorzeitig aus. Arbeitsplätze gingen verloren, die Beschäftigung war niedrig, die Inanspruchnahme der Sozialversicherungen hoch. Dies ließ die Lohnkosten wieder steigen. Ein Dilemma.

Die Niederlande waren 1982 in einer tiefen Rezession angelangt. Der private Konsum ging in den Jahren 1979 bis 1985 jährlich um durchschnittlich 0,3 Prozent zurück. Die Gewinnsituation verschlechterte sich nach 1982 noch einmal deutlich. Die Arbeitseinkommensquote stieg auf 94 Prozent. Etwa 27.000 Betriebe meldeten Insolvenz an. 150.000 Arbeitsplätze wurden somit vernichtet.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2008


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