Wirtschaftspolitik 1940 bis 2014


VIII. Der Erfolg lässt auf sich warten

Obwohl Mitte der 1980er Jahre durch Lohnzurückhaltung und kräftige Haushaltseinsparungen viele Arbeitsplätze erhalten und neue geschaffen wurden, konnte noch nicht von einer grundlegenden Gesundung gesprochen werden. „Ein leichter wirtschaftlicher Gegenwind und die niederländische Wirtschaft war wieder in Schwierigkeiten“, so Ökonom Kees van Paridon. Das Wachstum nahm nur leicht zu, die Zahl der Arbeitslosen blieb noch recht hoch und die Inanspruchnahme der Sozialversicherungen stieg auch nach 1985 weiterhin an – „die Maßnahmen in den achtziger Jahren hatten nicht ausgereicht, um diese Probleme wirklich zu lösen.“

Ein wirklicher Durchbruch erfolgte erst ab 1991. Das dritte Kabinett Lubbers, bestehend aus Christ- und Sozialdemokraten, beschloss den Zugang zur Arbeitsunfähigkeitsrente (WAO) erheblich zu erschweren. Bis dato belief sich die Zahl der Antragsteller auf über 800.000, ein Abbruch des Trends war nicht in Sicht. „Die Entwicklung des WAO war derartig beunruhigend, dass ein weiterer Aufschub auch unverantwortlich gewesen wäre“, so Kees van Paridon. Die Regierung kam mit dem Vorschlag, die Dauer der Unterstützung vom bisherigen Arbeitsleben abhängig zu machen (je länger man gearbeitet hat, um so länger wird Unterstützung gezahlt). Für alle Personen über 50 Jahre bedeutete dies, dass sie sich nach Ablauf einer gewissen Zeit erneut um einen Arbeitsplatz bemühen oder auf die Sozialhilfe übergehen mussten. Eine Verminderung des Anteils der Inaktiven war die Folge und damit eine breite Entlastung der Sozialsysteme und der Lohnkosten. Allerdings bezahlte die christdemokratische Regierungspartei CDA diese unpopulären Entscheidungen mit einer großen Wahlniederlage. 1994 verlor sie 20 Stimmen im Parlament und schied somit aus dem Kabinett aus. Eine große Minderheit in den Niederlanden stand nicht hinter dem neoliberalen Sanierungskurs und es kam zu großen gesellschaftlichen Spannungen.

Protest Sozialabbau 1982
Protest gegen Sozialabbau vor dem Parlament in Den Haag 1982, Quelle: Nationaal Archief/cc-by-sa

Günstige Wettbewerbsposition zu Deutschland

Auch unter dem neuen Ministerpräsidenten Wim Kok wurde 1994 an einer Politik der Lohnmäßigung, der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und der Anpassung der Sozialversicherung festgehalten. Die Lohnstückkosten blieben ab 1980 beinahe konstant. Lediglich ein jährlicher Zuwachs von 0,4 bzw. 0,3 Prozent war in den Jahren 1980 bis 1995 durchschnittlich zu verzeichnen. Ende der 1990er Jahre nahmen die Lohnstückkosten in den Niederlanden sogar leicht ab. Viel wichtiger war jedoch, dass die Lohnstückkosten deutlich hinter denen der Bundesrepublik Deutschland geblieben sind. So entwickelte sich für die Niederlande im Verhältnis zu seinem wichtigsten Handelspartner eine günstige Wettbewerbsposition.

Die Möglichkeiten der flexiblen Beschäftigungsverhältnisse wurden ausgeweitet, so dass die Anzahl der flexiblen Arbeitsplätze mit beinahe 60 Prozent zugenommen hat. Diese Stellen wurden vor allem von Frauen ausgefüllt, die nach 1990 massiv auf den Arbeitsmarkt strömten. Nach Schätzung des niederländischen Sozial- und kulturellen Planungsbüros SCP stieg der Partizipationsgrad der Frauen an der Erwerbsbevölkerung von 30 Prozent (1985) auf 51 Prozent im Jahr 1999. Die Beschäftigung dehnte sich aus: Zählten 1982 noch gut 5,5 Millionen Menschen zu den Erwerbspersonen, wurden 1999 7,5 Millionen Menschen zu dieser Bevölkerungsgruppe gezählt, eine Zunahme von 34 Prozent.

Anzahl der flexiblen Arbeitsplätze verdreifacht

Von 1984 (5 Mio.) bis 1999 (7 Mio.) stieg die Anzahl der Erwerbstätigen in den Niederlanden insgesamt mit 41,6 Prozent. Neben der Quantität des Beschäftigungswachstums ist auch die Qualität von Belang. Die Anzahl der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer in den Niederlanden hat sich seit 1987 kaum verändert – nahm sogar in den Jahren 1993 bis 1995 ab. Die Anzahl der flexiblen Arbeitsplätze hingegen verdreifachte sich im Zeitraum von 1987 bis 1999 (198: 173.000; 1999: 593.000). Ähnlich die Anzahl der Teilzeitarbeitsplätze, die sich im gleichen Zeitraum ebenfalls mehr als verdreifachten (1987: 588.000; 1999: 1.945.000).

Arten der Beschäftigungsverhältnisse

Der sprunghafte Anstieg der Beschäftigung Ende der 1990er Jahre ist also weniger auf die Ausweitung der Vollzeitbeschäftigung zurückzuführen, sondern eindeutig auf den enormen Zuwachs der Teilzeit- und flexiblen Beschäftigungsverhältnisse, die vor allem 1998 und 1999 sprunghaft zugenommen haben. Jelle Visser und Anton Hemerijk formulieren: „60 Prozent aller seit 1987 neu geschaffenen Arbeitsplätze waren Teilzeitbeschäftigungen [...].“

Es fällt auf, dass sich der prozentuale Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung in den Niederlanden nach wie vor auf einem niedrigeren Niveau als in der Bundesrepublik Deutschland befindet und das Beschäftigungswachstum in Schüben erfolgt ist – und keineswegs mit dem Abkommen von Wassenaar „wundersam“ in die Höhe geschnellt ist. Zwischen 1982 und 1986 stieg die Zahl der Erwerbstätigen durchschnittlich nur um 0,8 Prozent pro Jahr. Erst ab 1986 ist von einer deutlichen Zunahme der Erwerbstätigen zu sprechen und erst ab 1995 – also gut dreizehn Jahre nach Einsetzen des Konsolidierungskurses – verzeichnet die Entwicklung der Erwerbstätigen mit durchschnittlichen Steigungen von 2,9 Prozent pro Jahr außerordentliche Wachstumsverläufe.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2008


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