Wirtschaftspolitik 1940 bis 2014


I. Einführung

Hannovermesse Rutte
Ministerpräsident Mark Rutte 2014 auf der Hannover Messe: ”Großartige Chance, niederländische Innovationen vorzustellen”, Quelle: NA (932-8287)/cc-by-sa

Die niederländische Wirtschaft hatte seit 1994 zunächst eine auffallend positive Entwicklung durchgemacht. Viele neue Arbeitsplätze waren geschaffen worden, die (offizielle) Arbeitslosigkeit stagnierte stark und auch der Staatshaushalt war nahezu ausgeglichen. Nichtsdestotrotz war auch in den Niederlanden der Rückgang der weltweiten konjunkturellen Lage deutlich spürbar. Hinzu kam zuletzt die globale Wirtschafts- und Finanzkrise, die ab 2008 schließlich auch vor den Niederlanden nicht Halt machte und das Land durch die Rettung mehrerer Banken und eine geplatzte Immobilienblase zwischenzeitlich in die Knie zwang.

Was sind aber nun die Hauptkennzeichen der niederländischen Wirtschaft, wie verliefen die globalen Entwicklungen seit 1945 und wie geht es der niederländischen Wirtschaft anno 2014? Diese Fragen sollen in diesem und den folgenden Kapiteln des Dossiers beantwortet werden.

Zunächst lässt sich die niederländische Wirtschaft in einer ersten Annäherung grundsätzlich anhand der folgenden Merkmale charakterisieren:

  • kleine, offene Wirtschaft
  • freie Marktwirtschaft; der Staat und die sozialen Partner („Poldermodel“) nehmen dabei eine wichtige Position ein Wirtschaftsstruktur mit einigen wenigen großen Unternehmen
  • Starke Orientierung auf den Dienstleistungssektor
  • Starke (geographische) Konzentration auf den Westen des Landes (Randstad)

Rolle des Staates in der Marktwirtschaft

Im Vergleich zu vielen anderen westlichen Wirtschaften haben die Niederlande eine kleine Wirtschaft. Dass heißt nicht, dass diese unbedeutend sei. Beim Welthandel stehen die Niederlande in puncto Handelsbilanzsaldo auf Platz 10, beim Export sogar auf Platz 5 (Stand: 2011). Nach dem Krieg haben sich die Niederlande bewusst für eine Marktwirtschaft entschieden, wobei alle Beteiligten (Produzenten, Konsumenten, Arbeitnehmer) im Prinzip selbstständig über ihr ökonomisches Engagement entscheiden können. Zugleich nahm die Rolle des Staates nach 1945 stark zu. Dies ist an der strengeren Gesetzgebung, auch auf wirtschaftlichem Gebiet, zum Großteil aber auch an der stark angestiegenen sozialen Sicherheit ablesbar

Die sozialen Partner haben nach dem Zweiten Weltkrieg im Allgemeinen eine sehr pragmatische Position zueinander eingenommen, zum Beispiel bei der Stichting van de Arbeid (Star) Basierend auf einerseits korporatistisch geprägten, andererseits sozialdemokratischen Auffassungen entwickelten sich nach 1945 zahlreiche neue Institutionen, in denen der Staat und die sozialen Partner eng miteinander kooperierten. Vor allem der Sociaal-Economisch Raad (SER) sollte hier genannt werden. Seit ungefähr 1945 bis 1963 und noch mal seit 1983 war diese Zusammenarbeit sehr wichtig hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklungen.

Die niederländische Wirtschaft ist stark dienstleistungsorientiert. Das starke Wachstum der Arbeitsplätze nach 1983 fand beinahe ausschließlich in diesem Sektor statt. Der Anteil der Landwirtschaft ist klein, aber nicht unwichtig (zum Beispiel aufgrund des Exports). Der Anteil der Industrie ist seit 1960 stark zurückgegangen. Auffallend ist, dass in den Niederlanden eine kleine Zahl sehr großer Unternehmen mit internationalem Charakter agieren – Philips, Shell, Unilever, DSM, Akzo Nobel, Ahold, ING, ABN Amro, Randstad. Schließlich muss auch die starke geografische Konzentration der Bevölkerung, sowie die Beschäftigungskonzentration in den drei westlichen Provinzen (Randstad) erwähnt werden.

Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung

Die Entwicklung der niederländischen Wirtschaft nach 1945 lässt sich grob in vier Phasen einteilen. Seit 1945 bis zum Ende der 1960er Jahre spricht man von einer vorteilhaften Entwicklung. Danach geht es bis 1983 stark abwärts, wobei sich ab 1983 die Wirtschaft wieder erholt, bevor das BIP ab 2009 aufgrund der Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise wieder stark schrumpfte. Eine spürbare Erholung konnte erstmals im Jahr 2014 gemessen werden.

In den Jahren bis 1950 sprach man von leichter konjunktureller Erholung. Diese Erholungsphase wurde durch Geldknappheit und durch hohe Abgaben für die Beibehaltung der Kolonie Indonesien behindert. Gleichzeitig wurden in diesen Jahren wichtige Entscheidungen über die Institutionalisierung der Wirtschaft getroffen: neben der bereits erwähnten Stichting van de Arbeid und dem Sociaal-Economisch Raad sind auch die Neubewertung des Geldes (1945), das neue zentrale Bankengesetz (1948) und die Errichtung des Centraal Planbureaus (CPB) nennenswert. Das CPB prognostiziert die zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklungen und beschreibt wirtschaftliche Konsequenzen der wirtschaftspolitischen Alternativen.

Seit 1950 wuchs die niederländische Wirtschaft sehr stark. Die Arbeitslosigkeit nahm bis zu einem sehr niedrigen Niveau ab. Dieser Prozess setzte sich in den 1960er Jahren fort, aber damals wurden die ersten dunklen Wolken am Himmel sichtbar. In zahlreichen Sektoren wurden viele Arbeitsplätze abgebaut, die Lohnkosten stiegen rasch an, Steuern, Sozialabgaben und Inflation nahmen stetig zu.

Wie sehr die Wirtschaft krankte wurde während der ersten, vor allem aber bei der zweiten Ölkrise (1974 bzw. 1981) sichtbar. Anfänglich dachte man, der Krise mit keynsianischer Wirtschaftspolitik entgegenwirken zu können, aber die Stagflation konnte damit nicht bestritten werden.

Vereinbarung von Wassenaar

Viele (Politiker, Arbeitgeber, Arbeitnehmer) sahen auch zu spät ein, dass sich die Situation deutlich verändert hatte. Bei der zweiten Ölkrise sprangen alle Signale auf Rot: sehr niedriges Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit, großes Haushaltsloch, hoher Steuern- und Sozialabgabendruck und anfänglich auch starke Inflation.

Als man sich darüber bewusst wurde wie ernst die Situation war, erfolgte nach 1982 eine deutliche Reaktion: basierend auf dem Vertrag von Wassenaar wurden Löhne gemäßigt, der Staat erließ drastische Sparmaßnahmen, zudem wurde dereguliert, Subventionen wurden eingefroren und auch das Sozialsystem wurde angepasst. Das führte sicherlich zu einer deutlichen Erholung, der tatsächliche Durchbruch kam aber erst in den 1990er Jahren. Anfang der 1990er zeigte sich, dass man im Sozialsystem härter durchgreifen müsse, vor allem beim niederländischen Erwerbsunfähigkeitsgesetz WAO. Als dieses nach vielen Streitereien realisiert wurde, drang langsam das Bewusstsein durch, dass die niederländische Wirtschaft eine günstigere Konkurrenzposition einnahm. Ab 1994 folgte eine Wachstumsperiode, vor allem hinsichtlich wachsender Beschäftigung.

Von „Dutch disease“ zu „Dutch miracle“

Sprach man in den 1970er Jahren noch von der „Dutch disease“, wurde von nun an vom „Dutch miracle“ oder dem „Poldermodel“ gesprochen. Auch der Staatshaushalt verbesserte sich zunehmend. Gegenüber diesem Nutzen stehen natürlich auch Kosten. Teilweise wurde zu schnell dereguliert und privatisiert. Auch wurden die Folgen der Sparmaßnahmen sichtbar: Wartelisten im Gesundheitssektor, zu wenig Unterrichtspersonal, Stau auf den Autobahnen, große Probleme beim Öffentlichen Verkehr, sowie ein zunehmendes Gefühl der Unsicherheit auf der Straße sind die Folgen.

Seit 2001 wurden auch die Niederlande mit dem konjunkturellen Abschwung konfrontiert. Das Wachstum stagniert, das Haushaltsdefizit weitet sich aus, ebenso die Arbeitslosigkeit, es kam zu vielen Entlassungen bei großen Unternehmen. Da die Ausgangsposition relativ günstig war, sind diese Veränderung noch nicht so dramatisch. Geeignete Maßnahmen dürfen natürlich nicht auf Eis gelegt werden, aber bisher gibt es noch keinen Grund zur Panik.

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Wirtschaft ist eines der wichtigsten gesellschaftlichen Themen in den Niederlanden, Quelle: SCP, Continue Burgeronderzoek, 29. Juni 2012, S. 9

Die Lage 2014

Anno 2014 scheinen die Niederlande die größten Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise hinter sich gelassen zu haben. Was 2009 mit einem Einbruch der für das Land so wichtigen Exporte und einem Schrumpfen des BIP um fast vier Prozent begann und mit rasant steigenden Immobilienpreisen sowie dem Platzen der Immobilienblase fortgeführt wurde, mündete in ein paar harte Jahre für die niederländische Wirtschaft wie auch Bevölkerung. Banken mussten finanzielle gestützt und wirtschaftlich gerettet sowie Spareinlagen sichergestellt werden. Es folgten politische Reformen und breit angelegte Sparmaßnahmen der Regierung, die sich auf alle Teile des Landes auswirkten. Erst 2014 wagte das Centraal Planbureau wieder eine Prognose mit positivem Wirtschaftswachstum – der milde Winter und der Einbruch der für die Niederlande wichtigen Gasverkäufe ließen die Prognosen jedoch wieder abmildern. Sie blieben jedoch im positiven Bereich.

Autor: Kees van Paridon
Erstellt: o.D.
Aktualisierung: November 2014, Onlineredaktion


Links

Wichtige Links im Bereich Wirtschaft finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen in unserem Dossier Das Wirtschaftssystem

Weitere Informationen in unserem Dossier Wirtschafts- und Finanzkrise 2007

Das CBS ist die nld. Statistikbehörde und erstellt Datensätze zu sämtlichen gesellschaftspolitischen Themen Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS)

Das CPB erstellt unabhängige Prognosen und Analysen zur allgemeinen wirtschaftspolitischen Lage Centraal Planbureau (CPB)

Das nld. Arbeitsamt (vorher Centrum voor Werk en Inkomen) vermittelt Arbeitsplätze, klärt die Verteilung von Arbeitslosengeldern und unterstützt Arbeitssuchende in rechtlichen Angelegenheiten UWV WERKbedrijf

Die DNHK fördert und unterstützt die dt-nld. Wirtschaftsbeziehungen Deutsch - niederländische Handelskammer (DNHK)

Die SvdA ist ein (privatrechtliches) nationales Beratungsorgan der drei zentralen nld. Arbeitgeberverbände und der drei zentralen Arbeitnehmerverbände Stichting van de Arbeit (STAR)

Nld. Zentralbank. Neben der Sicherung der Geldvorsorge und der Überwachung des Zahlungsverkehres agiert sie auch als Verlängerungsarm der Europäischen Zentralbank (EZB) Nederlandsche Bank (DNB)

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