Wirtschaftspolitik 1940 bis 2014


IX. Arbeitslosigkeit

Arbeitslose1980-2013
Niederländische Arbeitslosenquote, 1980-2013 in Prozent, Quelle: CBS, Eigene Darstellung

Zu einem deutlichen Abbau der Arbeitslosigkeit kam es in den Niederlanden erst ab 1996 – und nicht mit dem Einsetzen der Lohnzurückhaltung nach 1979. Bis 1994 lag die niederländische Erwerbslosenquote noch bei 8,7 Prozent. Zwar war seit 1983 – dem vorläufigen Höhepunkt der Erwerbslosenquote – eine langsame Abnahme der Arbeitslosigkeit zu verzeichnen, die Quote bewegte sich aber immernoch auf einem hohen Niveau – von 9,7 Prozent im Jahr 1983 bis 6,6 Prozent im Jahr 1991.

Nach 1991 stieg die Quote dann aber wieder an (1994: 8,7 %), ehe sie 1998 (4,8 %) und 1999 (4,0 %) deutlich abnahm. Insgesamt nahm die Anzahl der Erwerbslosen von 1982 (437.000) bis 1999 (292.000) um 33 Prozent ab. Allerdings erreicht die Erwerbslosenquote 1999 noch nicht das Niveau von 1979. Im Gegensatz zur Entwicklung der Beschäftigung haben sich die Erwerbslosenzahlen in den Niederlanden nur sehr langsam gebessert.

Niederlande sind immer noch „krank“

Als ein großes Problem gilt in den Niederlanden die hohe Zahl derjenigen, die Arbeitslosengeld beziehen, arbeitsunfähig oder frühzeitig verrentet sind. Hierdurch wird das bisherige Bild des Beschäftigungswachstums relativiert. Als arbeitsunfähig gelten in den Niederlanden Personen, die die so genannte Arbeitsunfähigkeitsrente (nl. Wet op Arbeidsongeschiktheid, WAO) beziehen. Die Anzahl der WAOer stieg in den 1980er und 1990er Jahren deutlich an. Von 1982 (746.000) bis 1999 (911.000) stieg sie um 22 Prozent. Auch wenn die Spitzen Anfang der 1990er Jahren überwunden sein mochten, blieb die Zahl der Arbeitsunfähigen sehr hoch und bildete auch 1999 ein nicht unerhebliches Problem. Die Arbeitsunfähigenquote betrug 1999 immerhin 18,9 Prozent. In diesem Sinne sind die Niederlande immer noch „krank“, wie der ehemalige Ministerpräsident Ruud Lubbers 1982 die Situation einmal auf den Punkt brachte.

Betrug die offizielle Erwerbslosenquote 1999 nur vier Prozent, darf nicht vergessen werden, dass die Zahl der Personen, die Arbeitslosen- und Sozialhilfe beziehen, nicht nur doppelt so hoch ist wie die offizielle Erwerbslosenquote, sondern auch die Abnahme der Arbeitslosenhilfeempfänger in den vergangenen Jahren wesentlich langsamer vonstatten ging: von gut zwölf Prozent im Jahr 1984 nach neun Prozent im Jahr 1998. Im Spitzenjahr 1984 bezogen 875.000 Personen Arbeitslosen- oder Sozialhilfe, im Jahr 1998 waren dies immer noch 809.000 Personen. Der Ökonom Lei Delsen formulierte daher sehr skeptisch: „Von einer Vollbeschäftigung kann in den Niederlanden noch lange nicht die Rede sein.“

AOWers

Ebenso besorgniserregend ist der hohe Anteil der Rentner an der Gesamtbevölkerung. Gerade in den 1980er Jahren stieg deren Zahl rasch an: „Der soziale Druck war damals groß, dass ältere Arbeitnehmer an dem Austausch ‚alt gegen jung‘ teilnehmen sollten“, so die Ökonomen Jelle Visser und Anton Hemerijck. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung lässt sich formulieren, dass Ende der 1980er Jahre und Anfang der 1990er Jahre über 13 Prozent der Bevölkerung „AOWers“ – wie in den Niederlanden die Rentner nach dem Algemene Ouderdomswet (AOW) genannt werden – waren. In den 70er Jahren erhielten nur 8,5 Prozent der Gesamtbevölkerung Rentenbezüge. Besonders zu Beginn der 80er Jahre ist deren Zahl sprunghaft angestiegen. In den Jahren 1985 bis 1989 stieg der Anteil der Rentner an der Gesamtbevölkerung durchschnittlich mit 7,9 Prozent pro Jahr. Seit 1983 war die Frühverrentung regelmäßig Gegenstand von Tarifverhandlungen. Das Rentenalter beginnt in den Niederlanden laut Gesetz mit 65 Jahren, aber das tatsächliche Rentenalter liegt näher bei 60 Jahren.

Der Abbau der Arbeitslosigkeit in den Niederlanden wird durch einen nicht unerheblichen Teil der versteckten Arbeitslosigkeit verwässert. Sowohl die Anzahl der Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfänger als auch die Anzahl der Arbeitsunfähigen hat seit den 1980er Jahren stark zugenommen und bewegt sich nach wie vor auf einem hohen Niveau.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2008


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