Wirtschaft- Kurzbeitrag



Der Rotterdamer Hafen und die Zweite Maasebene


Die Stadt Münster ist mit den Niederlanden verbunden, wie vielleicht keine andere Stadt in Deutschland. Den westfälischen Frieden von Münster aus dem Jahr 1648 kennt in den Niederlanden jedes Schulkind. 1648 markiert das Ende des 80-jährigen Krieges zwischen den Niederlanden und Spanien. Für viele Niederländer gilt dieses Jahr als Geburtsstunde der Niederlande.

Containerterminal
Container im Rotterdamer Hafen, Quelle: jchanders

Nicht nur mit der westfälischen Region, sondern auch mit der Stadt Münster fühlt sich der Rotterdamer Hafen sehr stark verbunden. Das niederländische Konsulat in Münster hätte es zum Beispiel gar nicht gegeben, wenn der Hafen in Münster Ende des 19. Jahrhunderts nicht geöffnet worden wäre und die holländischen Binnenschiffer sich nicht mit einer Petition über ihre rechtliche Position beklagt hätten. Denn Probleme der niederländischen Binnenschiffer, die durch die deutschen Behörden nicht gelöst werden konnten, haben zur Errichtung des niederländischen Konsulats geführt. Diese Verbundenheit mit Deutschland zeigt sich heute noch. Denn ungefähr ein Drittel der Güter in Rotterdam kommt zurzeit aus oder geht nach Deutschland!

In meinem Vortrag werde ich Sie auf eine Reise durch das Rotterdamer Hafengebiet mitnehmen und etwas darüber erzählen, wie wir die Zukunft des Hafens und die Verbundenheit mit dem Hinterland in der Zukunft sehen.

Das Vorzeigeprojekt ist die Zweite Maasebene. Es ist eines der größten laufenden Infrastrukturprojekte in Europa. In Deutschland augenblicklich nur zu vergleichen mit dem Bau des internationalen Flughafens Schönefeld in Berlin.

Geschichte

Der Rotterdamer Hafen hat sich seit dem 14. Jahrhundert – zuerst in der Stadtmitte – entwickelt. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Hafen in westlicher Richtung, in Richtung Nordsee, erweitert.

Schon in den 70er Jahren hatte der Hafen großen Erweiterungsbedarf und wurde die Erste Maasebene gebaut. Trotz dieses großen Ausbaus hat man schon in den 90er Jahren prognostiziert, dass immer mehr Güter in Rotterdam umgeschlagen würden und dass der Hafen an seine Kapazitätsgrenzen stoßen würde. Das Hafen- und Industriegebiet musste wieder einmal ausgebreitet werden. Das war der Anfang der Planung der Zweiten Maasebene; ein Spitzenstandort in der Nordsee.

Das Rotterdamer Hafen- und Industriegebiet erstreckt sich über 45 Kilometer von der Stadtmitte in westlicher Richtung bis ins Meer. Das ist ungefähr der Abstand von hier bis nach Rheine oder Hamm. Die allergrößten Schiffe der Welt können Rotterdam ohne Probleme anlaufen, da der Hafen eine Wassertiefe von bis 23 Metern hat und auch unabhängig von den Gezeiten ist. Das unterscheidet ihn maßgeblich von den deutschen Nordseehäfen. Der Rotterdamer Hafen ist der größte Hafen in Europa und der viertgrößte Hafen der Welt und damit auch ein wichtiger Hafen für Deutschland.

Für die niederländische Wirtschaft ist der Hafen sehr wichtig. Er ist eine der wirtschaftlichen Triebfedern und hat eine Wertschöpfung von insgesamt zwölf Milliarden Euro. Es gibt 90.000 direkte Arbeitsplätze im Hafengebiet. Die Anzahl indirekter Arbeitsplätze liegt noch zwei Mal höher.

2010 ist der Hafen schnell und stark aus der Krise gekommen und hat eine Rekordanzahl an Gütern umgeschlagen, nämlich 430 Millionen Tonnen. Trotzdem gibt es immer noch viele Hafenunternehmen, die noch keine schwarzen Zahlen schreiben! In Rotterdam sagt man daher: Makroökonomisch gibt es keine Krise mehr, mikroökonomisch bei der Betrachtung einzelner Betriebe aber möglicherweise schon.

Die wichtigsten Güterarten, die in Rotterdam umgeschlagen, verarbeitet oder transportiert werden, sind verschiedene Sorten Öl, Container und Massengüter. Genau diese Vielfältigkeit hat dafür gesorgt, dass die Finanzkrise relativ gut überstanden wurde.

Vor allem Container werden viel ins Hinterland transportiert. In einen standardisierten Container passen zum Beispiel 960 Fernsehgeräte, 70.000 Bierflaschen oder 100 Waschmaschinen. Aber auch viel Gemüse und Obst wird von Rotterdam aus ins Münsterland transportiert. Letztes Jahr wurden elf Millionen Container im Hafen verarbeitet. Über eine halbe Million davon kam allein schon per Binnenschiff oder über die Schiene aus oder nach NRW. Damit hat der Rotterdamer Hafen im Vergleich zu Antwerpen und Hamburg einen Marktanteil von 58 Prozent.

Zukunftserwartungen

Für die Zukunft wird ein großer Zuwachs an Gütern erwartet. Langfristig gehen wir in unseren Berechnungen davon aus, dass sich das gesamte Transportvolumen in Rotterdam bis 2035 fast verdoppeln wird. Im Containerbereich wird sogar mit einer Verdreifachung des Verkehrs von elf Millionen auf 30 Millionen Container gerechnet.

Hinterland

Dies ist der Grund, warum Nordrhein-Westfalen für den Rotterdamer Hafen zukünftig noch wichtiger werden wird, als es das heute bereits ist. Uns verbindet seit jeher eine ganz außergewöhnliche Beziehung. Ungefähr ein Drittel aller Güter, die in Rotterdam umgeschlagen werden, kommen aus oder gehen über die Schiene, die Straße, die Binnenschiffe, oder über Rohrleitungen nach Deutschland. Drei Viertel davon kommt aus NRW oder geht dorthin.

Zweite Maasebene

Um das erwartete Güterwachstum gut und effizient abwickeln zu können, muss sich Rotterdam anstrengen, die Kapazität und Qualität des Hafens zu steigern. Die Zweite Maasebene ist dafür ein wichtiger, strategischer Baustein. Der Bau des Projektes läuft wie geplant. Jeden Tag schütten wir Land im Wert von einer Million Euro auf.

Durch die Zweite Maasebene wird der Hafen um ein Fünftel erweitert. Dies sind circa 2000 Hektar neues Land: das ist eine Fläche so groß wie der ganze Flughafen Schiphol, oder wie Eurodisney in Paris. Die Landkarte der Niederlande muss angepasst werden.

Mit dem Bau der Zweiten Maasebene wurde im September 2008 angefangen. Sie wird in zwei Phasen gebaut. Die erste Phase wird 2013 beendet sein. Das ist auch das Jahr, in dem das erste Schiff und die ersten Container erwartet werden. Wenn der Bau der Zweiten Maasebene weiter wie geplant verläuft, wird sie in 2033 fertig sein.

Insgesamt werden für die ganze Fläche 340 Millionen Kubikmeter Sand benötigt. Hiermit kann man 200 mal die Schalke-Arena bis zum Rand füllen! Für das Aufschütten des Sandes werden große Hopperbagger benutzt. Diese Bagger kann man sich wie gigantische Staubsauger vorstellen, die den Sand vom Meeresboden saugen und woanders wieder „ausspucken“.

Wie bereits eher erwähnt, ist die Zweite Maasebene sowohl für den Rotterdamer Hafen als auch für die niederländische Wirtschaft ein wichtiger Motor. Man darf allerdings nicht vergessen, dass in der Rotterdamer Region auch noch über eine Million Menschen leben. Man kann also nicht nur den Hafen erweitern, sondern man muss gleichzeitig auch die Lebensqualität verbessern. Deshalb hat man sich entschieden, ein Gesamtkonzept für die Erweiterung des Hafens und die gleichzeitige Verbesserung der Lebensqualität zu entwickeln.

Das Projekt der Zweiten Maasebene ist ein Teil dieses Programms. Neben dem Bau des gigantischen Hafenareals wird zum Beispiel auch ein 750 Hektar großes Natur- und Erholungsgebiet entwickelt, was einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität im Großraum Rotterdam leistet.

In diesem Gesamtprogramm ist der Rotterdamer Hafenbetrieb für den Bau der Zweiten Maasebene verantwortlich. Es handelt sich hier um ein Projekt von fast drei Milliarden Euro. Und das Geld haben wir uns am Kapitalmarkt besorgt. Dass man ein derartig großes Projekt nicht einfach so anlegt, kann man sich natürlich vorstellen.

Wichtig dabei ist auch, dass der Hafen nachhaltig entwickelt wird, mit dem Ziel, einen der nachhaltigsten Häfen der Welt zu bauen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Welthäfen war Nachhaltigkeit ein wichtiges Auswahlkriterium bei der Wahl der Unternehmen, die sich auf der Zweiten Maasebene niederlassen dürfen. Außerdem werden alle schädlichen Emissionen der Zweiten Maasebene völlig kompensiert, indem es eine Umweltzone gibt, auf der nur die saubersten LKWs und Binnenschiffe ein- und ausfahren dürfen. Diese Schiffe und LKWs werden auch durch ganz Europa fahren, also auch durch das Münsterland, NRW und Deutschland. Der Rotterdamer Hafen ist daher der Hafen der Zukunft für die Niederlande, aber auch für Deutschland. Schon Altbundeskanzler Kohl hat es gesagt: „Rotterdam ist Deutschlands größter Hafen“, und jetzt auch einer der nachhaltigsten.

Autor: Ronald Paul
Erschienen: Vortrag vom 28. April 2011 in Münster anlässlich der Königinnentag-Feierlichkeiten


Literatur

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