Die Geschichte der niederländischen Gewerkschaftsbewegung


I. Einführung

Ministerpresident Mark Rutte (VVD), Vize-Ministerpresident Lodewijk Asscher (PvdA), Arbeitgeberpräsident Bernard Wientjes vom VNO-NCW und Gewerkschaftsvorsitzender Ton Heerts (FNV), Quelle: Minister-president Rutte/cc-by
Soziale Partner im Gespräch, November 2012: Ministerpresident Mark Rutte (VVD), Vize-Ministerpresident Lodewijk Asscher (PvdA), Arbeitgeberpräsident Bernard Wientjes vom FNV), Quelle: Minister-president Rutte/cc-by

Die Vorsitzenden der Gewerkschaften des größten niederländischen Gewerkschaftsbundes, der Federatie Nederlandse Vakbeweging (FNV, dt. Föderation niederländischer Gewerkschaftsbewegung), kündigten Ende 2011 die Gründung einer neuen Gewerkschaftsbewegung an. Nach einer anhaltenden internen Krise sahen die angeschlossenen Gewerkschaften diese Neugründung angesichts der aktuellen Probleme ihres Bundes als den besten Weg in die Zukunft an. Die vorläufig als De Nieuwe Vakbeweging (dt. Die Neue Gewerkschaftsbewegung) angedeutete Neugründung soll eine Öffnung der schwierigen Verhältnisse zwischen den verschiedenen traditionellen Mitgliedsverbänden herbeiführen und sich für den Teil der arbeitenden Bevölkerung, der sich in den jetzigen Gewerkschaften nicht ausreichend vertreten sieht, öffnen.

Gewerkschaften haben in der niederländischen Geschichte eine bedeutende Rolle gespielt. Vor dem Zweiten Weltkrieg organisierten sie die Arbeitnehmerschaft in verschiedenen Organisationen, die sich sowohl geistigen als auch materiellen Wohlstand auf die Fahne schrieben. Die eigenen Organisationen stellten Missstände bloß, forderten bessere Arbeitsverhältnisse und förderten die Bildung ihrer Mitgliedschaft. In der Nachkriegszeit erreichten die Gewerkschaftsbünde der katholischen, protestantischen und sozialdemokratischen Arbeiterschaft den Höhepunkt ihrer Wirkungsmacht: Sie organisierten nicht nur mehr Menschen denn je, sondern sie bekamen auch eine Stimme in den zentralen Beratungsgremien der Nachkriegsgesellschaft, dem Sociaal-Economische Raad (SER, dt. Sozioökonomischer Rat) und der Stichting van de Arbeid (dt. Stiftung der Arbeit). In dieser Rolle trugen sie seit 1945 entscheidend zu dem erfolgreichen Wiederaufbau der Niederlande bei.

Nach dem Wiederaufbau – auch der eigenen Organisationen – durchliefen die Gewerkschaften in den 1960er und 1970er Jahren eine Phase der Neuorientierung. Auf die Jahre der einträchtigen Zusammenarbeit folgte eine Zeit der anhaltenden Konflikte mit den Arbeitgeberverbänden. In dieser Zeit veränderten sich zudem auch die Verhältnisse innerhalb der Arbeiterbewegung selbst tiefgehend: Der sozialdemokratische und der katholische Gewerkschaftsbund schlossen sich 1976 zusammen. Der protestantische Gewerkschaftsbund etablierte sich seitdem als ökumenisch-christlicher Bund neu.

Seit den 1980er Jahren haben die niederländischen Gewerkschaftsbünde einerseits gezeigt, dass sie ihre Stellung im Herzen des Sozialstaats behaupten können. Über ihre Mitarbeit im SER und in der Stichting van de Arbeid und durch ihre Präsenz in den Tarifverhandlungen sind sie weiterhin sehr einflussreich. Andererseits ist ihre Position zunehmend unter Druck geraten. Der wachsende politische Druck, die steigenden Kosten des Versorgungsstaats zu bändigen, hat es den Gewerkschaften schwer gemacht, die Interessen ihrer Mitgliedschaft zu wahren. Die geringe Zahl an jungen Arbeitnehmern, die sich gewerkschaftlich engagieren und organisieren, untergräbt die Position der Gewerkschaften zusätzlich, da die Repräsentativität der Organisationen nicht mehr gewährleistet ist. Schließlich ist die tradierte Organisationsweise der Gewerkschaften immer weniger mit dem flexibilisierten Arbeitsmarkt kompatibel. Es gilt abzuwarten, ob die aktuelle Initiative zur Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung sie aus dieser schwierigen Lage herausmanövrieren kann.

Die Geschichte der niederländischen Gewerkschaftsbewegung kreist um drei Themen: das Verhältnis von immaterieller und materieller Verbesserungen im Wirken der Gewerkschaften, das Streben nach Einheit in der Bewegung und dessen Scheitern, sowie die Entscheidung zwischen Kooperation und Konflikt. Auf diese drei Themen wird in diesem Dossier zur Geschichte der niederländischen Gewerkschaftsbewegung immer wieder Bezug genommen werden.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Dezember 2012


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Bos, Dennis: De vroege socialistische beweging in Amsterdam, 1848-1894, Amsterdam 2001, Onlineversion

Dam, Peter van: Marching for Morals, Early Struggles in the Dutch Christian Worker Movement, in: Journal of Markets & Morality Nr. 14, Jg. 2 (2011), S. 373–392.

Fraune, Cornelia: Neue Soziale Pakte in Deutschland und den Niederlanden., Das Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit und der Museumpleinakkoord 2004 im Vergleich, Wiesbaden 2011, Onlineversion

Velden, Sjaak van der: Werknemers georganiseerd, Een geschiedenis van de vakbeweging bij het honderdjarig jubileum van de Federatie Nederlandse Vakbeweging (FNV), Amsterdam 2005.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Wirtschaft Personen A-Z

Links

Wichtige Links im Bereich Freizeit finden Sie unter Institutionen

Dachorganisation 20 niederländischer Gewerkschaften Federatie Nederlandse Vakbeweging (FNV)

Arbeitgeberorganisation FNO-NCW

Offizielles Beratungsorgan der Regierung in wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen Sociaal Economische Raad

Beratungsorgan der Regierung in sozialpolitischen Fragen und Tarifangelegenheiten Stichting van de Arbeid


Impressum | Datenschutzhinweis | © 2018 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83-28516 · Fax: +49 251 83-28520
E-Mail: