Wirtschaft- Kurzbeitrag



Burnout ist burnout - Wie der niederländische Staat von vielen Arbeitnehmern betrogen wurde


Nach 35 Jahren Lehrerdasein war Martijn M. aus Amsterdam der Beruf zur Last geworden. Ein halbes Leben lang hat er sich mit schwererziehbaren Kindern herumgeschlagen und Ende 1994 schien nichts mehr zu gehen. Martijn M. war überspannt, hatte keine Lust mehr zu arbeiten. Das Computerzeitalter brach an und das war für den Rektor alter Schule „der Horror“. Martijn M. wollte aussteigen, lieber zu Hause bleiben, nie mehr arbeiten. Aber er war erst 54, viel zu früh für die Rente. Martijn M. entschloss sich, depressiv zu werden.

Der Lehrer aus Amsterdam ist seit fünfzehn Jahren WAOer. Einer von gut 800.000 Niederländern, die als arbeitsunfähig gelten und eine WAO-Rente beziehen. Bei Martijn M. sind das jetzt seit fünfzehn Jahren 2000 Euro, jeden Monat, bis zum Ende seines Lebens. Der niederländische Staat stöhnt unter der Last der Arbeitsunfähigen, die seit den 80er Jahren ein großes Problem bilden. 10 Prozent der Berufsbevölkerung klagt über Burnout, Borderliner, Rückenschmerzen, Mausarm, Müdigkeit oder Rheuma. Die Liste der Krankheiten ist unendlich. Und die des Missbrauchs auch. Die WAO ist ein gigantischer Verschiebebahnhof der Arbeitslosigkeit.

Bei Martijn M. ging alles ganz einfach. Ein Kollege riet ihm, sich beim Betriebsarzt zu melden. „Sag doch einfach, dass du überspannt bist“, riet er ihm. Und das tat er auch. Denn schließlich war Martijn M. ein Jahr lang wirklich „knettergek“, wie er sagt. Doch das reicht nicht, um eine Arbeitsunfähigenrente zu bekommen.

Also log Martijn M. nach einem Jahr den Ärzten das Blaue vom Himmel: „Ich ging heulend in die Praxis und lachend wieder raus“, erzählt er. Er fühle sich schlecht, schwitze häufig, sei müde, könne keinen Stress mehr bestehen. Alle drei Monate wiederholte er das Spielchen. Er bekam Tabletten verschrieben, die er nicht einnahm, und schüttete das Antidepressiva „Prozac“ – das meistgebrauchte Medikament der 90er Jahre – in die Toilette. „Ärzte sind doch alle Pillendreher“, sagte Martijn M. sich. „Keine Ahnung.“

Arbeitsunfähigkeit

Seine Geschichte hatte er lange durchgehalten. Und dann endlich, nach zwei Jahren, das ersehnte Erbarmen des Arztes: „Herr M. wir schließen die  Akte. Sie sind arbeitsunfähig.“ Nie mehr arbeiten! Martijn M. war am Ziel. Begleitet vom Kommentar des Arztes: „Jetzt machen sie mal das, wozu sie Lust haben.“ Martijn M. bekam fortan 80 Prozent seines letzten Gehalts als WAO-Versicherung.

Eigentlich ein Fall von Betrug. Aber in den Niederlanden war das in den 80er und 90er Jahren gängige Praxis, von der viele Arbeitnehmer gebraucht machten. Und für Arbeitgeber war es eine gute Möglichkeit Personal abzubauen. Dem Sozialsystem kommt das teuer zu stehen: 17 Milliarden Euro schluckt die WAO-Versicherung jedes Jahr. Jetzt will die Regierung endgültig dem Missbrauch einen Riegel vorschieben.

„Man gelangte viel zu einfach in die WAO“, gibt auch Martijn M. zu. Die Betriebsärzte schauten nicht so genau hin, viele spielten das Spiel mit. „Erst seit ein paar Jahren hat der Staat begriffen, dass er betuppt worden ist“, sagt Martijn M. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht: „Ich habe 35 Jahre gearbeitet und ins System eingezahlt, ich habe genug gearbeitet“. Natürlich könne er noch eine neue Stelle antreten. „Aber warum sollte ich? Ich bin jetzt 64. Nächstes Jahr habe ich meine Rente. Ich wäre doch dumm, wenn ich jetzt wieder arbeiten würde.“

Was noch vor zehn Jahren ganz einfach ging, ist heute nicht mehr möglich. Wer seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, muss eine andere, gleichwertig Arbeit annehmen. „Das geht vor allem zu Lasten der gering Verdienenden“, sagt Volkskrant-Redakteur Herderschee, der seit Jahren mit der WAO-Problematik vertraut ist. Denn für diese Gruppe gebe es mehr vergleichbare Arbeiten. Auf eine WAO-Rente können fast nur noch Arbeitnehmer der höheren Einkommensklassen hoffen. Denn hochspezialisierte Berufe mit vergleichbarem Gehalt sind kaum zu vermitteln, erklärt Redakteur Herderschee.

Martijn M. spricht Klartext: „Wenn du heute keine Arme und Beine mehr hast, dann kannst du immer noch den Blinden als Vorleser dienen.“

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2008


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