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Aart Jan de Geus

*Doorn, 28. Juli 1955 – Jurist, Politiker, Leiter der Bertelsmann-Stiftung

Aart Jan De Geus

Aart Jan de Geus im Jahr 2003, Quelle: Wikimedia Commons/cc-by-sa

Der ehemalige niederländische Arbeits- und Sozialminister Aart Jan de Geus übernimmt im August 2012 die Leitung der Bertelsmann-Stiftung, so die Financial Times Deutschland Ende April. Doch wer ist dieser Mann, der in Kürze die größte und reichste deutsche Unternehmensstiftung leiten wird?

Aart Jan de Geus stammt aus einer christlich-reformierten Familie. Sein Vater war Niederländischlehrer, seine Mutter Psychologin. De Geus ist der älteste von sechs Brüdern, was ihn, laut eigener Aussage, früh lehrte, Verantwortung zu übernehmen.

In seiner Schulzeit hatte der junge de Geus radikal linke Auffassungen, zum Beispiel über die Verteilung von Einkommen: „Ich wollte, dass jeder ein gleich hohes Einkommen haben sollte, doch Menschen mit einem guten Job sollten eigentlich etwas weniger verdienen, weil sie ja bereits Freude an ihrer Arbeit hatten“, so de Geus gegenüber dem NRC Handelsblad im März 2004. „Ich kannte die Segnungen des Marktes damals noch nicht.“ Am Ende seiner Schulzeit war er kurzzeitig Mitglied der Politieke Partij Radikalen, PPR, die 1991 in den niederländischen Grünen, Groen Links, aufgehen sollte.

Als De Geus 1974 in Utrecht anfing Jura zu studieren, ließ er von seinen linken Idealen und trat einem Studentenkorps bei. Neben seinem Jurastudium begann er gleichzeitig eine Buchhalterausbildung, die er mit einer Stelle in einem Buchhalterbüro kombinierte. Mitte der 1970er Jahre schloss de Geus sich der ARJOS an, der Jugendabteilung der ARP, dem Vorläufer des heutigen CDA. Bald wurde er Vorsitzender.

Nach anderthalb Jahren brach De Geus seine Buchhalterausbildung ab und wechselte zum Abschluss seines Jurastudiums an die Erasmus Universität Rotterdam, da das Studium dort praxisorientierter war. Er heiratete und zog nach Delft um, ging dann aber bald darauf nach Nieuwegein, da er dort eine Stelle beim Industriebond CNV, der Industriegewerkschaft des Christlichen Nationalen Gewerkschaftsbundes, bekommen hatte. Bald wurde er dort juristischer Referent und stieg zum Vorstand der Geschäftsführung auf. 1988 wechselte er zum CNV selbst, wo er 1993 zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde. In dieser Funktion war er ebenfalls Mitglied der Stichting van de Arbeid, einem Beratungsorgan der Regierung in sozialpolitischen Fragen und Tarifangelegenheiten, und des Sociaal Economische Raad, ein öffentlich-rechtliches Organ, welches die Regierung in Bezug auf die Grundzüge der Wirtschaftpolitik berät. 1998 wechselte De Geus in die Privatwirtschaft und wurde Partner bei der Unternehmensberatung Boer & Croon. Er hatte, laut eigener Aussage, genug von dem vorhersagbaren Spiel zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften.

Der nächste Wechsel erfolgte 2002, als De Geus für die Christdemokraten Arbeits- und Sozialminister im Kabinett Balkenende I wurde. Jan Peter Balkenende (CDA), der De Geus noch aus seiner eigenen Zeit als Mitarbeiter des wissenschaftlichen Institutes des CDAs kannte, hatte ihn nach den Wahlen angerufen und gefragt, ob er Sozialminister werden wolle. Seine Erfahrung im gesellschaftlichen Mittelfeld machte ihn zu einem attraktiven Kandidaten für die Christdemokraten.

Trotz De Geusʼ gewerkschaftlichen Hintergrundes sollte er als Arbeitsminister ein schwieriges Verhältnis zu den Gewerkschaftsführern haben. Parlamentsmitglied Jet Bussemaker (PvdA) erklärte 2004, sie finde De Geusʼ Umgang mit den Sozialpartnern „unbegreiflich“. „Ich verstehe, dass er als ehemaliger CNV-ler nicht im Voraus ihre Seite wählt, aber es scheint beinahe so, als hätte er überhaupt keine Antenne für ihre Probleme.“ Niek Jan van Kestern vom Arbeitgeberverband VNO-NCW fand noch deutlichere Worte: De Geus sei wie ein Chamäleon, dass sich an die jeweilige Situation anpasse. „Er verteidigt als Minister Standpunkte, die ihm zehn Jahre zuvor den Schweiß auf die Stirn getrieben hätten.“

Vor allem De Geus Bemühungen, die Zahl der Arbeitsunfähigen durch die Einführung eines strengeren Kriterienkatalogs zu senken, machten ihn nicht gerade beliebt. Ein Studienfreund von De Geus erklärte gegenüber dem NRC Handelsblad: „Er ist sicher an sozialen Aspekten interessiert, doch er entscheidet doch vor allem danach, ob es bezahlbar ist.“ Unter De Geusʼ Federführung wurde das Gesetz über Arbeitsunfähigkeit zum Gesetz Arbeit und Einkommen nach Arbeitsvermögen umgewandelt. Auch das Arbeitslosengesetz wurde unter seiner Ägide „aktivierend“ umgestaltet. Denn eines seiner wichtigsten Ziele als Arbeitsminister war, so De Geus selbst, möglichst viele Menschen zu einer Erwerbstätigkeit zu verhelfen. Die Jugendorganisation des VVD, JOVD, wählte ihn daraufhin im Januar 2004 zum Liberalen des Jahres, doch De Geus verweigerte die Annahme des Preises. In einem Interview mit der Trouw aus dem Jahr 2004 erklärte er: „Wenn die Menschen keine neue Chance auf Arbeit bekommen, frisst das nicht nur ihre Existenzsicherung an, sondern auch die Sicherheitsbasis der Gesellschaft.“

Neben seinen Bemühungen, so genannte Sozialschmarotzer wieder in Lohn und Brot zu bringen, versuchte er auch systembedingte Erwerbshindernisse abzuschaffen: 2004 kam unter seiner Führung das Gesetz Kinderbetreuung zu Stande, wonach sich sowohl die Eltern als auch die Arbeitgeber und der Staat an den Kosten für die Kinderbetreuung beteiligten.

Im Oktober 2004 stellten die Sozialdemokraten, Sozialisten und GroenLinks einen Misstrauensantrag gegenüber De Geus, weil dieser sich nicht vehement genug gegen einen Plan der Koalition eingesetzt hatte, wonach der Minimumlohn für Langzeitarbeitlose, die wieder auf den Arbeitsmarkt zurückkehren, um 20 Prozent verringert werden sollte. Der Misstrauensantrag scheiterte.

Im Februar 2007 schied De Geus aus der Politik aus und wurde stattdessen stellvertretender Generalsekretär der OECD. Über diese Phase seines Lebens ist nicht viel bekannt. Er gab den Posten zum 1. September 2011 wieder auf, um als Vorsitzender des Strategisch Beraad (dt.: Strategierat) des CDA zu werden. Dieser Rat soll die Ausrichtung des CDAs für die kommenden zehn bis 15 Jahre ausarbeiten. Im Januar 2012 wurde eine erste Empfehlung vorgestellt (NiederlandeNet berichtete). Darin wurde für eine Rückkehr der Partei in die „radikale Mitte“ plädiert. Dies bedeute, dass der CDA wieder eine positivere Haltung zum Thema Immigration einnehmen und Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit stärker aufgreifen solle. Auch auf das innerhalb der Partei umstrittene Thema, des hypotheekrenteaftrek (dt. Abzug der Hypothekenzinsen von der Steuer) wurde im Bericht des Strategisch Beraad eingegangen. In der heutigen Form könne diese Vergünstigung nicht weitergeführt werden. „Veränderungen sind nötig, doch diese sollen auf eine schonende Art geschehen.“

Vor diesem Hintergrund wird es interessant, wie Aart Jan de Geus seinen Vorsitz der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh ausgestalten wird. Die wirtschaftsnahe deutsche Denkfabrik erklärte in ihrer Selbstdarstellung, zur Lösung aktueller gesellschaftlicher Probleme, alle Lebensbereiche nach den „Grundsätzen des Unternehmertums und der Leistungsgerechtigkeit“ und dem Leitbild „so wenig Staat wie möglich“ umzugestalten.

Autor: Angelika Fliegner
Erstellt: Mai 2012


Literatur

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Egbert Kalse/Claudia Kammer: Van linkshalf tot liberaal van het jaar; Aart Jan de Geus leerde al vroeg de zegeningen van de markt kennen, in: NRC Handelsblad, 1. März 2004, S. BIN2.

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