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ABN Amro

Sitz: Amsterdam - Gründung: 1991 - Bank und Versicherung

ABN Amro Hauptgebäude
ABN Amro Hauptgebäude in Amsterdam, Quelle: Stewart Leiwakabessy/cc-by-nc-sa

Dabei hatte Rijkman Groenink so große Pläne. Noch im Jahr 2000 glaubte der Vorsitzende der größten und ältesten niederländischen Bank, ABN-Amro, dass er das Unternehmen unter den Top-Five der großen Weltbanken platzieren könnte. ABN verdiente damals Geld wie Heu, machte in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends Milliarden Gewinne, erzielte 2002 ein Rekordergebnis von 5,5 Milliarden Euro. Nur der Börsenkurs, der wollte nicht recht nach oben schnellen. ABN hat zu hohen Kosten, ist zu ineffizient und hat keine klare Strategie, so lautete der Vorwurf der Analysten.

Das große Ziel, zu den Top-Five der Welt zu gehören, war viel zu hoch gesteckt: „ABN Amro hat die ganze Situation sich selbst zuzuschreiben“, sagt Aarnout Louden, ehemaliger Topmanager von Akzo und einstiges Aufsichtsratsmitglied von ABN in einem Interview mit der Volkskrant. „Es war überhaupt nicht nötig, um mit viel Tamtam solche großen Ambitionen zu präsentieren. Wenn man fünf Jahre lang seine Ziele nicht erreicht, dann ist die Glaubwürdigkeit dahin. Groenink hat die Sache verpatzt, so einfach ist das.“


2007: Ein Desaster

Verpatzt. Das Jahr 2007 entwickelte sich für ABN Amro zu einem Desaster. Mit hohen Ambitionen gestartet, stand das Unternehmen am Ende des Jahres mit leeren Händen da. Schlimmer noch: Das Flaggschiff der niederländischen Wirtschaft wurde nach einem dramatischen Übernahmekampf zerschlagen – eine Bank mit 105.000 Mitarbeitern und 4500 Filialen in 53 Ländern der Welt. Ein Global Player mit reicher Tradition wurde zum Spielball des internationalen Kapitals. Ein einmaliger Vorgang in der Bankengeschichte, der in den Niederlanden für viel Wirbel gesorgt hat. „Es hätte anders laufen können. Aber Eitelkeiten, Naivität und Stümperhaftigkeit sind dem Rechtsnachfolger der einstigen VOC zum Verhängnis geworden“, urteilt die Zeitung de Volkskrant.

Eine bemerkenswerte Geschichte. Noch im Jahr 2005 strotzte die ABN nur so vor Kraft, kaufte die italienische Bank Antonveneta - nur ein später steht die Algemene Bank Nederland (ABN) selbst vor dem Aus und wird von einem Bankenkonsortium aus der Royal Bank of Scotland, der spanischen Banco Santander und der belgisch-niederländischen Fortis übernommen und aufgeteilt.

Vielleicht wurde der größte strategische Fehler schon im Jahr 1998 gemacht. Damals verhandelte die ABN Amro mit der belgischen Generale Bank über eine Fusion. Eine große Benelux-Bank hätte entstehen können, doch die Belgier wollten nicht – selbst König Albert setzte sich für den Erhalt der belgischen Hausbank ein. „Wir hätten damals zugreifen müssen. Das war ein großer Fehler, dann wäre vielleicht auch nicht das passiert, was 2007 mit ABN geschehen ist“, urteilte Finanzfachmann Aarnout Loudon.

Trotz guter Geschäfte hielt sich der Unfriede im Hause ABN über einen mäßigen Börsenkurs und eine undeutliche Unternehmensstrategie. Im Jahr 2006 geht die Bankenspitze erneut mit einem großen Ziel an  die Öffentlichkeit: Bis 2010 soll sich der Börsenwert von ABN Amro auf 100 Milliarden Euro belaufen, fast doppelt so viel wie der tatsächliche Wert der Bank. Ein Ziel, welches unmöglich erschien, auch wenn man Zukäufe tätigte.

Die Spitze um Rijkman Groenink lässt sich aber nicht von diesem Plan abbringen und fasst 2006 einen historischen Beschluss: die 183 Jahre alte ABN Amro, Rechtnachfolger der Nederlandsche Handel-Maatschappij und der historischen Vereenigte Oostindische Compagnie (VOC), 1991 entstanden aus der Fusion zwischen der Amsterdamsche Bank und Rotterdamsche Bank (Amro) zur ABN Amro, möchte ihre Selbstständigkeit aufgeben und begibt sich auf die Suche nach einem Juniorpartner.


Erste Übernahmepläne

Die größte Bank der Niederlande möchte übernommen werden – und gleichzeitig finanziell die Zügel in der Hand behalten. Ein geeigneter Kandidat ist schnell gefunden: der niederländische Bankenversicherer ING, der mit seinem Hauptsitz nur ein paar Kilometer von der ABN-Zentrale in Amsterdam entfernt liegt. Im Dezember 2006 beginnen die Verhandlungen für eine Elefantenhochzeit. Der Präsident der Niederländischen Bank (DNB), Nout Wellink, leitet die Gespräche und ist zuversichtlich einen „Nationalen Champion“ formen zu können. Durch die Fusion würde die zweitgrößte Bank Europas entstehen, mit einem Börsenwert von 124 Milliarden Euro und 227.000 Mitarbeitern.

Der ABN-Vorsitzende Rijkman Groenink verhandelt aber nicht nur mit der ING-Bank, sondern parallel auch mit der britischen Barclays  und bekommt während dieser Verhandlungen auch Angebote des britischen Hedgefonds TCI. ING und ABN stecken intensiv die Köpfe zusammen und sind sich im Frühjahr 2007 über die Struktur und Namen der Holding (ING) einig. Nur die Besetzung der Aufsichtsratsmitglieder, im Rahmen dieser Verhandlungen eigentlich eine Petitesse, scheint schwierig zu sein. Wochen ziehen ins Land ohne eine Einigung. In anderen Ländern sind spätestens jetzt die großen Politiker gefragt. Aber weder Ministerpräsident Balkenende noch Finanzminister Zalm werden um Vermittlungshilfe gebeten, bzw. Balkenende hält sich ganz raus. Im Nachhinein wird ihm dieses Verhalten auch vorgeworfen.

Im Februar 2007 laufen die Verhandlungen aus dem Ruder. Die ING-Spitze bekommt einen Brief vom Hedgefonds TCI. Darin lassen die Briten wissen, dass die Rentabilität von ABN ziemlich schlecht sei und es besser sei, die Bank aufzuteilen. TCI macht ING einen Vorschlag. Jetzt lecken die Anleger Blut: Der Börsenkurs von ABN schießt in die Höhe und macht das Haus für die ING-Bank zu teuer. DNB-Präsident Wellink regt sich im NRC-Handelsblad über TCI auf: „So einfach einen Brief zu verschicken mit der Spekulation eine Bank zu zerschlagen, geht zu weit.“ Am 16. März bricht die ING-Spitze Michel Tilmant die Verhandlungen mit ABN ab. Das Geschäft sei zu riskant und ABN zu teuer, so Tilmant.

Am 19. März zückt ABN-Topmann Groenink dann seinen Joker. Und offenbart die laufenden Gespräche mit Barclays. Beide Banken sind sich schnell einig: Barclays übernimmt ABN, aber der Hauptsitz bleibt in Amsterdam. Die ABN-Spitze fühlt sich sicher und wird erneut unangenehm überrascht. Ein internationales Bankenkonsortium aus Royal Bank of Scotland, der Banco Santander und der Fortis möchte die ABN übernehmen und zerschlagen. Die Fortis-Bank würde den niederländischen Markt übernehmen. Das Angebot des Konsortiums beträgt 70 Milliarden Euro und liegt um 10 Milliarden Euro höher als das Angebot von Barclays.

ABN-Amro wurde zum Spielball. Die Anleger der Bank, darunter auch die ING, entscheiden sich für das Geld und geben dem Bankenkonsortium den Vorzug vor Barclays. ING wird an dem Verkauf eine halbe Milliarde Euro verdienen.


Reaktionen der Politiker

Der Fall ABN-Amro sorgte auch in der Politik für viel Ärger. Kritiker, auch aus den Reihen von ABN, werfen dem Ministerpräsidenten und dem gerade neu ins Amt gewählten Finanzminister Wouter Bos vor, sich zu wenig um die „nationalen Belange“ gekümmert zu haben. Die Übernahme durch das Bankenkonsortium hätte nie genehmigt werden dürfen.

Alexander Rinnooy Kann, Vorsitzender des SER, drückt es diplomatisch aus: „Die Frage ist, ob die Politik nicht eine aktivere Rolle bei den Übernahmegesprächen hätte führen müssen. Der ganze Prozess verdient auf jeden Fall keinen Schönheitspreis.“

Aber es gibt aus dem Bankensektor auch relativierende Stimmen: „Wir hatten drei große Banken und haben wieder drei große Banken. Nur sind es jetzt die ING, Rabo und Fortis, anstelle von ABN Amro“.

Nach der Übernahme kündigte die Fortis-Bank an, dass man die Marke ABN Amro am Markt auch künftig beibehalten möchte. Durch den Kauf bedienen die Banken zusammen weltweit 110 Millionen Kunden.

Im kleinen Belgien hat man sich insgeheim über die Zerschlagung von ABN gefreut. Ihnen war noch der Übernahmeversuch der Generale Bank gut im Gedächtnis. Die große Beneluxbank gibt es jetzt – aber unter dem Vorsitz von Fortis.

Comeback an der Börse

Im August 2013 kündigte Finanzminister Jeroen Dijsselbloem an, die ABN Amro mittelfristig wieder privatisieren zu wollen (NiederlandeNet berichtete). Zwei Jahre später wurden die Pläne konkretisiert:„Der Staat hat ABN AMRO 2008 für einen Betrag von 21,66 Milliarden Euro verstaatlicht um die finanzielle Stabilität sicherzustellen und um die Bank zu retten und für die Niederlande zu erhalten. Es war immer klar, dass dies eine zeitliche Notlösung war und dass ABN Amro wieder verkauft werden sollte“, so Finanzminister Jeroen Dijsselbloem (PvdA) im Mai 2015 (NiederlandeNet berichtete).

Rund 6 Monate später war es dann so weit: Die 2008 verstaatlichte Bank ABN Amro ging Mitte November 2015 wieder an der Börse: Etwas mehr als 20 Prozent des Unternehmens wurden als Anteile für einen Stückpreis von 17,75 Euro ausgegeben. Noch am Tag des Börsenganges stieg ihr Kurs um rund drei Prozent.

Nach den Plänen der niederländischen Regierung wird der Staat die restlichen 77 Prozent des Unternehmens mindestens ein halbes Jahr lang behalten. Danach kann eine zweite Tranche mit weiteren 20 bis 30 Prozent der Anteile folgen, woraufhin wieder eine Pause von mindestens drei Monaten folgt. Die dritte Runde kann also frühestens im August 2016 erfolgen.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt: Januar 2008
Aktualisiert: November 2015, Onlineredaktion


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