II. Spezialisierung und Anpassung

Businessman Landwirt

Der niederländische landwirtschaftliche Betrieb besitzt wegen diesem organisatorischen Aufbau eine Vielzahl externer Kontakte. Bedingt durch die ungenügende Betriebsgröße im Verhältnis zu dem notwendigen Produktionsumfang werden viele Produkte für den Produktionsvorgang angekauft, wie zum Beispiel Futtermittel. Die eigene Ackernahrung, in Deutschland lange Zeit richtungsgebend, wird in den Niederlanden schon seit der Landwirtschaftskrise Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr angestrebt. Futtermittel werden von Viehbetrieben meistens angekauft, der Mais wird in Lohnarbeit in die Silos gefahren, das Grasland ausnahmsweise noch vom Landwirt gedüngt und gemäht. Dem landwirtschaftlichen Betrieb werden noch viel mehr Produkte zugeliefert. Weil auf dem Betrieb fast nichts mehr im Hause verzehrt wird, sind auch die Absatzverbindungen zahlreich. Es werden Verträge mit verarbeitenden Betrieben und mit der Genossenschaft abgeschlossen. Ein Teil der Produktion, besonders in der intensiven Viehwirtschaft mit Hühnern, Kälbern und Schweinen, wird über Verträge mit anderen Betrieben oder mit der Industrie geführt. Doch auch der freie Markt, oft wirklich an der freien Luft, spielt eine wichtige Rolle, insbesondere in der Viehwirtschaft. Mit Handschlag wird auf den Viehmärkten von Leiden, Leeuwarden und auf vielen anderen über das noch lebende Vieh verhandelt. Gartenbauprodukte (Blumen und Pflanzen, Gemüse) werden zu den spezialisierten Versteigerungseinrichtungen (Veilingen) gebracht. Und dies nicht nur seit der Zeit der new economics, sondern bereits seit mehr als einem Jahrhundert. Der Landwirt ist ein Unternehmer, sein landwirtschaftlicher Betrieb wurde immer mehr zur Produktionsstätte von Rohstoffen: Fleisch, Milch, Zuckerrüben.

Eine solche ausgeklügelte Landwirtschaft macht eine ausreichende Ausbildung der Landwirte erforderlich. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein intensives Netz landwirtschaftlicher Ausbildungseinrichtungen unterschiedlichem Niveaus aufgebaut; auch wissenschaftliche Forschungseinrichtungen wurden gegründet wie die Landwirtschaftshochschule Wageningen und das Testlabor für den Gartenbau in Naaldwijk (im Westland, südwestlich von Den Haag). Die Schüler und Studenten wurden mit den neuesten Errungenschaften bekannt gemacht und konnten sie nachher in der Praxis umsetzen. Sie konnten für ihre Ausbildung an Tagesausbildungsstätten, aber auch an abendlichen Wintergartenbau- oder Winterlandwirtschaftsschulen absolvieren. Inhaltlich zielen Landwirtschaft und Gartenbau auf Intensivierung und Spezialisierung. Neben der Ausbildung spielt ein weit vernetztes und spezialisiertes Beratungssystem eine wichtige Rolle. Ausbildungs- und Beratungsstätten werden nicht vom Staat, sondern von privaten Schulverbänden und von mit der Standesvertretung LTO (jetzt regional untergliedert, früher nach dem Prinzip der Versäulung) verbundenen Beratungsstellen geführt.

Spezialisierung

Die schon erwähnte Spezialisierung schlägt sich in vielerlei Hinsicht auf die Betriebsführung nieder. In den landwirtschaftlichen Betrieben, insbesondere in den Betrieben mit im Vollerwerb tätigen Betriebsleitern, sind nur noch ganz wenige Betriebszweige vorhanden: Rindvieh mit Weidewirtschaft, Schweineproduktion mit getrenntem Ackerbau oder ohne flächengebundene Landwirtschaft, usw. Oft hat ein Betrieb nur einen Teilabschnitt eines Betriebszweiges, wie bespielsweise bei der Ferkelaufzucht: Ein solcher Betrieb hat nur Sauen und Ferkel bis zu sechs Wochen. Die Spezialisierung ist auch im Gartenbau recht stark: bestimmte Gemüsesorten, Blumen, usw. Der Betriebsleiter hat sich durch diese Betriebsführung zu eine spezialisierte Fachkraft entwickelt. Stellt sich eine Senkung der Nachfrage nach seinen Produkten ein, dann steht er dieser Entwicklung ziemlich hilflos gegenüber. Durch die Spezialisierung hat die Flexibilität des Landwirts nachgelassen.

Entwicklung zu Agrokomplexen

Bedingt durch die Spezialisierung und die damit verbundene intensieve Verflechtung landwirtschaftlicher Betriebe in den Niederlanden, hat sich der landwirtschaftliche Betrieb von einer mehr oder wenig geschlossenem Einheit zu einer Produktionsprozess-Kette entwickelt. Jeder der zu der Kette gehörenden Betriebe mag juristisch selbständig sein, wirtschaftlich sind sie eng miteinander verbunden. Der landwirtschaftliche Betrieb als Produktionsstätte von Rohstoffen – Getreide wie Schweine werden nicht vor Ort, sondern von andern Betrieben weiter verarbeitet – steht unmittelbar mit Zulieferbetrieben (z.B. Futtermittelhersteller), Verarbeitungsbetrieben (wie Fleischverarbeitung), Verteilerbetrieben (wie Veilings, Viehmärkten) und Dienstleistung (z.B. Kreditinstituten) in Verbindung. Insbesondere in der intensiven Landwirtschaft sind die Glieder der Produktionskette ganz klein, die Landwirte sind daher auch von anderen landwirtschaftlichen Betrieben abhängig. Die juristische Unabhängigkeit ist ein Überbleibsel des früheren Bauernbetriebes, der wirtschaftlich in die Produktionskette integriert wurde.

Anpassung der agraräumlichen Verhältnisse

Räumlich orientierte sich die landwirtschaftliche Produktion an den natürlichen Verhältnissen: auf guten Marschböden wurden Kartoffel, Weizen, Zuckerrüben und viele andere hochwertige Früchte geerntet, der karge Sandboden reichte noch für den Anbau von Roggen oder Futterrüben, Moorböden eignen sich für die Weidewirtschaft. Als sich die niederländische Landwirtschaft jedoch über die regionale und nationale Arbeitsverteilung hinaus zu entwickeln begann, gerieten diese durch die natürlichen Bodenverhältnisse bedingten Agrarstrukturen unter Druck: sollte man die Böden für den Anbau von Roggen nutzen, dessen Nachfrage ständig rückläufig ist, während Silomais als Futtermittel immer mehr gefragt wird und die Böden auf dem dieser wächst zusätzlich als Deponie von überflüssigen Jauchemengen benutzt werden kann. Immer stärker konnte sich die Bodennutzung durch die Anwendung neuer Anbaumethoden und Düngungstechniken von den naturbedingten Gegebenheiten entfernen.

Auch die traditionelle Nutzung der natürlichen Voraussetzungen im Bauernbetrieb änderte sich, insbesondere auf den kleinbäuerlichen Betrieben auf den Sandböden im Osten und Süden des Landes. Fruchtwechsel, das heißt die systematische Abwechslung von Früchten auf dem selben Grundstück mit dem Ziel die Bodenfruchtbarkeit aufrecht zu erhalten, verliert an Bedeutung, da durch gezielte Düngungsmethoden der Anbau der gleichen Frucht nun mehrjährig auf der gleichen Parzelle möglich ist. Der Anbau richtet sich damit immer mehr nach den Marktverhältnissen als nach den natürlichen Gegebenheiten. Und wenn der Kauf von Futtermitteln billiger ist als der Anbau im eigenen Betrieb, dann entwickelt sich die sogenannte bodenunabhängige Agrarproduktion. Dieser Begriff ist eigentlich falsch, weil die Futtermittel tatsächlich angebaut werden, allerdings an irgend einem andern Platz. Diese Art von Landwirtschaft ermöglicht Viehhaltung in großer Anzahl ohne die früher benötigten Anbauflächen. Daraus entsteht die Intensivlandwirtschaft: Stallungen mit mehreren Zehntausenden von Hühnern, Hunderten von Kälbern oder Schweinen. Diese Art der Landwirtschaft stellte für die kleinbäuerlichen Betrieben eine Chance zum Überleben dar: die Flächen waren nicht mehr ausschlaggebend, sondern die Bereitschaft des Unternehmers sich auf diese Art der Viehhaltung einzulassen, dafür große Kredite aufzunehmen und genaue Verträge mit Zuliefer- und Abnehmerbetrieben abzuschließen.

Westland

Daraus entstehen neue agrarräumliche Verhältnisse: diese Intensivbetriebe liegen schwerpunktmäßig in den kleinbäuerlichen Sandgebieten des Osten und des Süden: de Peel und angrenzende Gebiete von Noord-Brabant und Limburg, Achterhoek und Gelderse Vallei in Gelderland, vereinzelt in kleinbäuerlichen Gebieten. Während die Landwirtschaft im Osten und im Süden seit etwa 120 Jahren in die Marktwirtschaft integriert wurde, war dies in den westlichen und nördlichen Marsch- und Moorgebieten schon seit mehreren Jahrhunderten der Fall. Marktorientierte Agrarbetriebe mit Kartoffeln, Weizen und Zuckerrüben existieren schon seit langem in den Provinzen Zeeland und Groningen, Weidewirtschaft in Friesland und Holland. Trockenlegungsgebiete aus dem 17. (wie Beemster, Wormer und Teile von Zeeuws-Vlaanderen), dem 19. (Haarlemmermeer, Wilhelminapolder in Zeeland) selbstverständlich auch aus dem 20. Jahrhundert (IJsselmeer), orientierten sich mit ihrer Landwirtschaft am Markt, ebenso wie der Gartenbau in Noord- und Zuid-Holland mit seinem Anbau von Blumenzwiebeln hinter den Meeresdünen. Der Gartenbau erlebte im 19. Jahrhundert aufgrund verstärkter Absatzmöglichkeiten in den umliegenden Ländern, in denen wie im deutschen Ruhrgebiet ein industrieller Aufschwung stattfand, eine erhebliche Ausdehnung. Erst zu diesem Zeitpunkt blühte das heute so bekannte Gemüseanbaugebiet des Westlands (südwestlich von Den Haag) oder der Blumenanbau bei Aalsmeer auf. Das räumliche Gefüge im Westen und Norden änderte sich also weniger aufgrund der landwirtschaftlichen Umwandlungen, als durch die einsetzende Urbanisierung im Osten und Süden und die damit einhergehenden außerwirtschaftlichen Ansprüchen: statt landwirtschaftlich genutzten Flächen entstanden Industrieflächen, Wohngebiete, Erholungsflächen, Natur- und neuerdings auch Renaturierungsflächen.

Flurbereinigung

Ein landwirtschaftlicher Betrieb enthält Wohn- und Betriebsgebäude sowie landwirtschaftlich genutzte Flächen. Diese Flächen liegen auf Landstücken, Flure oder Parzellen genannt, in der Nähe der Betriebsgebäude. In neugewonnenen Poldern ist die Lage meistens betriebwirtschaftlich optimal, im Altland verschlechtern sich die Verhältnisse im Laufe der Zeit: Flure werden aufgeteilt, neue, weiterab gelegene Flächen zugekauft oder gepachtet. Um wieder eine betriebswirtschaftlich ausreichende Parzellierung zu schaffen, wurden so genannte Flurbereinigungen durchgeführt. Sie entstanden im Laufe des 19. Jahrhunderts und erhielten 1924 eine gesetzliche Grundlage: Ruilverkavelingswet. Anfangs war Flurbereinigung ein Instrument zur Verbesserung der Agrarstruktur, jetzt setzt diese auch zum Erreichen weiterer Ziele auf die Neueinrichtung ländlicher Räume: Bereitstellung von Flächen für Naturschutz und –entwicklung, Erholungszwecke, Gewerbegebiete, Wohnungsbau und weitere. Interessenausgleich zwischen unterschiedlichsten Bodenbenutzungsformen ist jetzt das Hauptziel. Der Name hat sich mit dem letzten Gesetz aus dem Jahr 1985 von “Ruilverkaveling” in “Landinrichting” gewandelt.


Autor: Jan Smit
Erstellt:
Januar 2004