III. Schwächen der heutigen Landwirtschaft

Aus der Darstellung der Merkmale der niederländischen Landwirtschaft wird schon klar, dass die Intensität und Marktorientierung trotz wirtschaftlicher Vorteile heute auch manchen Nachteil ans Tageslicht gebracht hat.

  • Es entstehen intensive räumliche Konflikte mit weiteren Bodennutzungsformen: Landschaft, Natur, Erholung. Insbesondere im stadtnahen Raum und bei intensiven Landwirtschaftsformen (Bio-Industrie). Gravierend sind die Probleme in der Umgebung der Randstad (Groene hart) und im urbanen Grenzgebiet zwischen den Provinzen Utrecht und Gelderland (Gelderse Vallei)
  • Wegen einer zu großen Intensität entstehen erhebliche Umweltprobleme: durch intensive Schweine- und Hühnerhaltung entstehen Probleme bei der Beseitigung von Gülle, Boden- und Luftverschmutzung treten auf, Trinkwasserverunreinigung ist möglich
  • Probleme durch Änderungen der agrarpolitischen Ziele. Nationale und EU-Landwirtschaftspolitik unterstützten bis vor zwanzig Jahren die Intensivierung und Marktorientierung. Danach wurde dies aufgrund der anwachsenden Überproduktion durch neue Maßnahmen ersetzt. Keine Prämien mehr zur Intensivierung, sondern eher zur Extensivierung, wie z.B. Brachlandsubventionierung. Die Betriebsführung der niederländischen Landwirte stimmte nicht mehr, Investitionen stellten sich als unrentabel heraus. Die neuen Richtlinien brachten außer wirtschaftlichen Verlusten auch psychologische Effekte: weniger Mechanisierung, kleinere Viehbestände, neue Existenzquellen
  • Trotz verfeinerten Krankheitsbekämpfungsmethoden ist die Empfindlichkeit für Krankheiten, insbesondere bedingt durch die Intensität der Landwirtschaft und den ständigen Transport von Tieren, geblieben. Wie beispielsweise die Schweinepest vor einigen Jahren in Nord-Brabant und die im März 2003 herrschende Hühnerpest im Gelderse Vallei.

Neue Möglichkeiten?

Naturschutz und Landwirtschaft hatten in den Niederlanden wenig miteinander zu tun. Naturschutz entwickelte sich seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zum Teil als Reaktion auf die anwachsenden räumlichen Ansprüche der Landwirtschaft, wie sie durch Kultivierungen und Meliorationen deutlich wurden. Naturparks entstanden dort, wo Interessengemeinschaften, wie zum Beispiel die “Vereniging voor Natuurmonumenten”, immer wieder als ‘laatste stukjes natuur’ bezeichnete unkultivierte Flächen ankaufen konnten. Bekannte Beispiele sind der Nationale Park de Hoge Veluwe nördlich von Arnheim oder das Naardermeer südöstlich von Amsterdam - Relikte einer früheren Heide- bzw. Tiefmoorlandschaft. Die Intensivieringsziele der Landwirtschaft ließen auch nachher eine Verbindung mit dem Naturschutz oder dem Fremdenverkehr (wie Ferien auf dem Bauernhof) kaum zu, auch nicht im kleinbäuerlichen Betrieb. Wir sehen darin einen gravierenden Unterschied zu den Entwicklungen in Deutschland. Im kleinbäuerlichen Betrieb versuchte man durch Nebenerwerb (Arbeit außerhalb oder Aufbau von Unterkunftsmöglichkeiten im Rahmen der gerade erwähnten Ferien auf dem Bauernhof) statt durch Intensivierung das Einkommen zu vergrößern. In Berggebieten schonten und pflegten die Bergbauer schon seit langem die Natur und auch anderswo wurde oft aufgrund der Nebeneinkommen aus dem Fremdenverkehr eher naturfreundlich gearbeitet.

Kein gemeinsamer Nenner

In den Niederlanden konnte von solchen Formen der Landbewirtschaftung lange Zeit keine Rede sein. Als in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Bemühungen fehlschlugen, die Landwirte an Landschaftsmaßnahmen zu beteiligen, wurde daraus von Seiten des Naturschutzes die Schlußfolgerung gezogen, dass Landwirte und Naturschutz nicht auf einen Nenner gebracht werden konnten. Deswegen waren die Landwirte Mitte der achtziger Jahre nicht an der sich anbahnenden Entwicklung hin zur so genannten Naturentwicklung, das heißt landwirtschaftliche Flächen zu renaturieren, beteiligt. Naturentwicklungsflächen, zum Beispiel Deichvorländereien entlang der Rheinnebenflüsse, wurden aus dem landwirtschaftlichen Besitz genommen und an öffentliche Naturschutzinstitutionen, wie Staatsbosbeheer, übergeben. Und die Landwirte, die ausreichend für ihre Flächen bezahlt wurden, hatten mit dieser Entwicklung keine Probleme.

Da seitdem die intensieve Landwirtschaft (und nicht nur die Bio-Industrie) allmählich auch durch andere Einkommensquellen ergänzt wird, zeigen nun auch einige Landwirte Interesse an der Beteiligung an Naturschutz- und Naturentwicklungsmaßnahmen. Von staatlicher Seite wird diese Wende besonders aus finanziellen Gründen begrüßt. Die Umsetzung bei den einzelnen Betrieben gestaltet sich manchmal schwierig: die Infrastruktur der Betriebe steht oft nicht mit den neuen Zielen in Einklang. Die ältere Generation von Landwirten steht den Bemühungen der Nachfolgegeneration oft negativ gegenüber. Aber der Anfang ist mancherorts da und im Rahmen einer Vielzahl von Projekten werden mit Landwirten Verträge abgeschlossen: über Vogelschutz, über Wiederanpflanzung und Pflege von Hecken, über den Neubau alter Kirchwege für den sanften Tourismus und vieles mehr. Althergebrachte Planungsinstrumente, wie die Flurbereinigung, werden zur Verwirklichung solcher Projekte angewandt.


Autor: Jan Smit
Erstellt:
Januar 2004