IV. Die Zwischenkriegszeit

Nach jedem der Weltkriege lagen die wirtschaftlichen Kontakte zwischen beiden Ländern zunächst größtenteils brach – ein Zustand, der für die Niederlande katastrophal war. Dies erklärt die niederländischen Versuche, nach dem Waffenstillstand von 1918 durch die Entwicklung internationaler Pläne zur Wiederherstellung der deutschen Wirtschaft zur Gesundung Deutschlands beizutragen.[32] Als Deutschland nach der Inflation ab 1924 wieder einigermaßen zur Stabilität zurückfand, erlebten auch die Niederlande einen nie gekannten Wachstumsschub. Dieser erklärt sich größtenteils durch die Zunahme der Exporte nach Deutschland. 1924 und 1925 wuchs das deutsche BIP real um 17 bzw. um 11%, woraufhin der niederländische Güterexport nach Deutschland um 166% anstieg! Deutschland, wohin nur noch 10% des Exports ging, nahm ab 1924 mit 25-30% wieder den ersten Platz ein.[33]

Erstaunlicherweise ist über die politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern in der Weimarer Zeit wenig bekannt. In seinem Band Zwei ungleiche Nachbarn springt Lademacher beispielsweise von den Problemen um den geflohenen Kaiser plötzlich zur Neutralitätspolitik während der Nazizeit.[34] Über die bilateralen deutsch-niederländischen Beziehungen in diesen Jahren und zur Frage, ob die Niederlande an ihrer Neutralität hatten festhalten sollen – als ob es eine Alternative gegeben hätte – gibt es eine ganze Historiographie. Dadurch will es scheinen, als sei Deutschland erst wieder bedeutungsvoll geworden, als Hitler an die Macht kam. [35] Soweit etwas über die Weimarer Jahre zu finden ist, entsteht der Eindruck, dass Berlin die Niederlande schonte. Aber auch in den Jahren 1960-1980 behandelte Bonn, so scheint es, die Niederlande mit Wohlwollen. In den Niederlanden machten sich – als sich Deutschland schon längst zu einer ungefährlichen Demokratie entwickelte – noch wiederholt eher weniger von Sympathie getragene Gefühle gegenüber dem großen Nachbarland Luft, aber faktisch beherrschten zunehmend wirtschaftliche Interessen die Politik. So erhielt Den Haag 1925 in handelspolitischen Verhandlungen das, was es brauchte, auch wenn es keine Konzessionen zu erbitten hatte. [36] In der späten Weimarer Republik zeigten sich deutsche Industrielle sogar zu einer Zusammenarbeit mit dem niederländischen Gesandten bereit, um die niederländische Landwirtschaft zu unterstützen. In dieser dramatischen Zeit, in der Nazis und Kommunisten die Republik zerrissen, wurde der Reichsverband der Deutschen Industrie gemeinsam mit niederländischen Interessenvertretern gegen die Regierung in Berlin aktiv, um die deutsch-niederländischen Kontakte nicht zu belasten. Dass hierdurch die deutsche Landwirtschaft in der Opposition landete und das Kabinett Brüning und sogar die Republik weiter unterminiert wurden, wurde in Kauf genommen.[37] Eine offene Grenze zu den Niederlanden war doch das eine oder andere Risiko wert.

Wenn die gegenseitige Abhängigkeit den Niederlanden 1914 Sicherheit bot, warum galt das dann nicht auch 1940, als die Wirtschaftsbeziehungen doch mindestens ebenso eng waren? Sogar während der Depression blieb eine nachweisbare Verbindung zwischen dem Wachstum beider Länder bestehen. Einige wesentliche Unterschiede zwischen den ökonomischen Beziehungen zum Deutschland von Kaiser Wilhelm und zum Deutschland Hitlers können dies erklären. Erstens hatten westdeutsche Industrielle, die ein Interesse an einem ungestörten wirtschaftlichen Kontakt zu den Niederlanden hatten, im kaiserlichen Deutschland – ebenso wie in der Weimarer Republik und in der Bundesrepublik – eine Lobby, die Gehör fand, während im nationalsozialistischen Deutschland ihre Meinung kaum etwas galt, schon gar nicht nach 1936, als Göring die wirtschaftlichen Geschicke lenkte.[38] Es gab jedoch noch einen Grund, warum Deutschland 1940 danach trachten musste, die ökonomisch nach wie vor wichtigen Niederlande in seine Machtsphäre zu ziehen. 1914 waren die Niederlande für den Freihandel offen, weshalb der Handel reibungslos ablief. Das Kaiserreich musste die Niederlande nicht beherrschen, um seinen Bedarf an Waren und Rohstoffen zu decken. Während der Finanzkrise des Jahres 1931 wurde die Reichsmark allerdings unkonvertierbar. Danach war ein grenzüberschreitender Wirtschaftsverkehr nur noch mit Hilfe zeitraubender und mühsam funktionierender Regelungen, wie der 1934 eingeführten Verrechnung (bilaterales Clearing) möglich. Für Deutschland, das in den Niederlanden 1914 über den normalen Handel alles bekommen konnte, wurde es daher nun wichtig, die Niederlande in seinen Einflussbereich zu ziehen.

Dies alles ist bei der Betrachtung der Beziehung zwischen den beiden Ländern nie berücksichtigt worden. Wenn auf die Bedeutung der wirtschaftlichen Beziehungen hingewiesen wurde, dann ging es dabei um ein niederländisches Interesse. Dass die intensiven Kontakte auch einem deutschen Interesse entsprachen, ist leicht übersehen worden. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch noch zu untersuchen, ob die Veränderung im deutsch-niederländischen Verhältnis tatsächlich im Jahr 1933 anzusetzen ist, dem Jahr der sogenannten Machtergreifung Hitlers, oder ob sie nicht auf das Jahr 1931 zu datieren ist, dem Jahr, in dem Reichspräsident von Hindenburg die Devisenkontrolle einführte, womit er eine schwer zu passierende Devisengrenze zwischen beiden Ländern schuf. Normaler Wirtschaftsverkehr erforderte damit einen hohen Verwaltungsaufwand, während Kontakte, die eine weniger hohe Priorität genossen, sogar in der Regel abgebrochen werden mussten. In diesem Licht ist es vielsagend, dass Seyss-Inquart in seinem ersten Bericht aus den besetzten Niederlanden glaubt, dass es seine „Aufgabe ist [...] eine politische Willensbildung zustande zu bringen, die die wirtschaftliche Bindung der Niederlande an das Reich als Ausfluß des Willens des niederländischen Volkes erscheinen läßt.“[39] Die Niederlande waren zu wichtig, um durch eine Devisengrenze vom Reich getrennt zu werden, so lautet offensichtlich die Schlussfolgerung, und da Deutschland sich ab 1936 dafür entschied, sich mit seiner Devisenkontrolle ökonomisch vom Weltmarkt abzuschirmen [40], musste es politische Mittel anwenden, um wirtschaftlich wichtige Gebiete, die aus dem Devisengebiet herausfielen, in dieses hineinzuziehen. Unter diesem Gesichtspunkt muss die Aufhebung der Devisengrenze zwischen den Niederlanden und Deutschland im Jahr 1941, bei der der Gulden – im Gegensatz zu den anderen Währungen des besetzten Europas – für die Besitzer von Reichsmark frei eintauschbar wurde, erneut begutachtet werden. Dies ist oft, auch von mir, dem Drängen von Seyss-Inquarts Generalkommissar Hanns Fischböck zugeschrieben worden, aber es scheint der Mühe wert, einmal zu untersuchen, ob Fischböck die Angelegenheit nicht lediglich zu früh zugespitzt hat [41]. Dass die Niederlande 1914 geschont wurden während sie 1940 dran glauben mussten, passt in die Theorie. Die Forschung muss erweisen, ob dies tatsächlich eines der Motive für die Besetzung der Niederlande gewesen ist.


[32] Houwink ten Cate, Johannes: "De mannen van de daad" en Duitsland, 1919-1939. Het Hollandse zakenleven en de vooroorlogse buitenlandse politiek, Den Haag 1995, S. 8-14.
[33] Maddison, A.: Dynamic forces in Capitalist Development. A long-run comparative view, Oxford 1991, S. 212-213; CBS, 1969, S. 93-95.
[34] Lademacher, H.: Zwei ungleiche Nachbarn. Wege und Wandlungen der deutsch-niederländischen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert, Darmstadt 1990, S. 108ff.
[35] Houwink ten Cate, J.Th.M. (Hrsg.): Bruins’ Berlijnse besprekingen. Een selectie uit het archief van prof. mr. G.W.J. Bruins, in het bijzonder de jaren 1924-1930, Den Haag 1989, S.207ff.
[36] Blaisse, P.A.: De Nederlandse Handelspolitiek, Utrecht 1948, S. 104ff.
[37] Klemann, H.A.M.: Tussen Reich en Empire. De economische betrekkingen van Neder­land met zijn belangrijkste handelspartners, Duitsland, Groot-Brittannië en België en de Nederlandse handelspolitiek, 1929-1936, Amsterdam 1990, S. 154ff.
[38] Overy, R.J.: War and economy in the Third Reich , Oxford 1995, S. 116ff.
[39] Pater, J.C.H. de: Doel van het Duitse civiele bestuur in Nederland, in: Paape, A.H. (Hrsg.): Studies over Nederland in oorlogstijd, Teil 1, Den Haag 1972, S. 40.
[40] Overy, R.J.: War and economy in the Third Reich , Oxford 1995, S. 96.
[41] Möglicherweise liegt das daran, dass alle Beschreibungen dieser Frage auf die Berichte von Hirschfeld und/oder Trip zurückzuführen sind, zwei Männer, die eng mit den Geschehnissen verbunden waren und engen Kontakt zueinander unterhielten. (Trip, L.J.A.: De Duitsche bezetting van Nederland en de financieele ontwikkeling van het land gedurende de jaren der bezetting , Den Haag 1946, S. 40; Hirschfeld, H.M.: Herinneringen uit de bezettingstijd, Amsterdam 1960, S. 66-71; Klemann, H.A.M.: Nederland 1938-1948. Economie en samenleving in jaren van oorlog en bezetting, Amsterdam 2002, S. 138ff.; Vries, Joh. de: Geschiedenis van de Nederlandsche Bank, Teil V: De Nederlandsche Bank van 1914 tot 1948. Trips tijdperk 1931-1948 onderbroken door de Tweede Wereldoorlog, Amsterdam 1994, S. 275ff.)

Autor:
Hein A.M. Klemann
Erschienen: Klemann, H.: Die Niederlande und Deutschland: Wirtschaftliche Integration und politische Konsequenzen 1860–2000, in: Wielenga, Friso/Geeraedts, Loek: Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien 17/2006. Die Integration von Zuwanderen, Münster, Februar 2007, S. 101-118.