V. Nach dem Krieg

Nach dem Krieg führten die Niederlande mit Blick auf Deutschland eine dualistische Politik. Eine Wiederherstellung der ökonomischen Beziehung war, so die häufig vertretene Meinung, notwendig, aber dies zu akzeptieren, fiel nicht jedem leicht. Bis 1949 machten darüber hinaus die Alliierten den Handel mit den deutschen Besatzungszonen und zwischen diesen Zonen faktisch unmöglich.[42] Für Den Haag lautete in dieser Zeit die vorrangige Frage, wie ein Wiederaufbau ohne Deutschland und wie Sicherheit mit einem wieder aufgebauten Deutschland möglich sein würde. Die europäische Integration löste dieses Problem. Bereits 1947 führte die Spannung zwischen Ost und West zu der amerikanischen Entscheidung, die westlichen Besatzungszonen in den Westen zu integrieren und dies mit Hilfe des Marshallplans für die Europäer akzeptabel zu machen. Unter einem westlichen Schirm konnten die Niederlande und Deutschland wirtschaftlich wieder eng zusammenarbeiten. So kam es, dass sich die deutsch-niederländischen Wirtschaftsbeziehungen ab den 50er Jahren erholten und das Wachstum ab Mitte der 50er Jahre bis in die 90er Jahre wieder signifikant korrelierte.

In mancherlei Hinsicht war Deutschland ökonomisch sogar wichtiger als zuvor. Die Niederlande verloren ihre Kolonien, wodurch die Konzentration auf Europa sich verstärkte, während sich auch Deutschland durch die Trennung in Ost und West mehr denn je auf Westeuropa konzentrierte. Dennoch glaubt Wielenga, dass Bonn in der ersten Zeit nach der Entstehung der Bundesrepublik gegenüber den Niederlanden kaum eine entgegenkommende Haltung einnahm.[43] Er beschreibt allerdings die Zeit bis 1955, eine Zeit, in der die wirtschaftlichen Kontakte noch nicht die Intensität besaßen, die sie vor dem Krieg ausgezeichnet hatten. Neben devisentechnischen Problemen spielte dabei die geringere Bedeutung der Steinkohle eine Rolle. Darüber hinaus wird von Direct Foreign Investments und finanziellen Kontakten noch kaum die Rede gewesen sein.

Ab den 50er Jahren bis zu den 90er Jahren gab es wieder einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Wachstum in beiden Ländern. Wielengas späterer Arbeit zufolge führte Bonn in dieser Zeit eine Politik, die in den Niederlanden ebenfalls nicht geschätzt wurde.[44] Er betrachtet allerdings in erster Linie den niederländischen Standpunkt im Hinblick auf Deutschland. Dabei fällt auf, dass die Niederländer sicherlich bis in die 80er Jahre die Neigung hatten, Bonn darauf hinzuweisen, dass Deutschland nach allem was geschehen war, immer noch nicht genug Reue gezeigt habe. Dennoch entsteht der Eindruck, dass von deutscher Seite, jedenfalls bis in die 80er Jahre, ein hohes Maß an Wohlwollen an den Tag gelegt wurde. So waren die Niederlande durch ihre wirtschaftliche Position hinsichtlich des mächtigsten EG-Landes in dieser Zeit wichtiger, als es ihre Größe rechtfertigte. In den letzten Jahren hat sich allerdings die wirtschaftliche Position der Niederlande geändert. Durch die Schließung eines erheblichen Teils der Industrie im Ruhrgebiet haben die Niederlande, und hier besonders Rotterdam, ihre besondere Beziehung zum deutschen Hinterland verloren. Zahlen aus den alten Bundesländern zeigen, dass dies nicht unmittelbar durch die politischen Veränderungen verursacht wird, die Deutschland seit 1990 durchgemacht hat. Vielmehr ist die Rheinmündung nicht mehr der Außenhafen des größten Industriegebietes Europas. Damit hat die ökonomische Bedeutung der Niederlande für das mächtigste Land der Europäischen Union nachgelassen, was auch Folgen für die Position der Niederlande innerhalb dieser Union haben kann.

Schlussfolgerungen

Seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts und damit ab dem Augenblick, in dem man in den Niederlanden von einem modernen Wirtschaftswachstum sprechen konnte, waren die wirtschaftlichen Kontakte zwischen den Niederlanden und Deutschland so eng, dass das Wachstum beider Wirtschaften – mit Ausnahme der Zeiträume rund um die beiden Weltkriege – signifikant korrelierte, wobei angemerkt sei, dass diese Korrelation in den Jahren 1880 bis 1900 für Wachstumszahlen galt, die für die Niederlande eine Verlangsamung der Entwicklung zeigten. Die Ursache für diesen engen Kontakt muss in der Tatsache gesucht werden, dass das wichtigste Industriezentrum Europas, das Ruhrgebiet, sich kurz hinter der Grenze befand. Rotterdam und die Häfen an der Rheinmündung wurden wie von selbst zu den Außenhäfen dieser Region, wobei die Niederlande neben Handel und Transport auch einen Beitrag zur Versorgung mit Nahrungsmitteln und verschiedenen damit verbundenen finanziellen und sonstigen Dienstleistungen leisteten.

Interdependenztheorien suggerieren, dass enge wirtschaftliche Kontakte die politische Sicherheit erhöhen. In den Zeiten, in denen der niederländische Markt für Deutschland offen war, scheint dies tatsächlich aufgegangen zu sein. Die Niederlande waren für Berlin beziehungsweise Bonn ökonomisch zu bedeutsam, als dass man die Wirtschaftskontakte durch politische Unruhe belasten wollte. Dies galt aller verbalen Gewalt zum Trotz auch während des Kaiserreichs. Dass die Niederlande 1914 aus dem Krieg herausgehalten wurden, war dann auch zumindest teilweise wirtschaftspolitisch motiviert. Während der Weimarer Republik, aber auch zu Zeiten der Bundesrepublik, scheint es, als habe die Bedeutung der Wirtschaftsbeziehungen dazu geführt, dass Deutschland politisch eine wohlwollende Haltung einnahm. Dass man diese in den Jahren des Dritten Reiches aufgab, hatte neben dem extrem aggressiven Charakter dieses Regimes vermutlich auch mit dem Abbruch des normalen Handelsverkehrs zwischen beiden Ländern zu tun. Deutschland brauchte die Niederlande immer noch, aber die fehlende Konvertibilität der Reichsmark löste die niederländische Wirtschaft von der deutschen ab. Es scheint lohnenswert, einmal zu untersuchen, ob der Beschluss des Jahres 1941, die Niederlande in das deutsche Devisengebiet einzubeziehen, ein abgekartetes Spiel war, auch wenn die Art und Weise, in der dies geschehen ist, wohl nicht beabsichtigt war. Es fällt jedenfalls auf, dass Seyss-Inquart es als seine Aufgabe betrachtete, die Niederlande eher ökonomisch als politisch an Deutschland zu binden. Schließlich fällt noch ins Auge, dass die besondere wirtschaftliche Beziehung zwischen den Niederlanden und Deutschland, die einhundertdreißig Jahre existiert hat, seit rund zehn Jahren Vergangenheit ist. Die fundamentalen Veränderungen im Ruhrgebiet, die dazu geführt haben, dass dort kaum noch eine Zeche existiert und auch die übrige Schwerindustrie weitgehend verschwunden ist, bedeuten für die Niederlande eine grundsätzliche Positionsänderung. Niederländische Politiker auf nationaler Ebene scheinen gut beraten zu sein, wenn sie einkalkulieren, dass die wohlwollende Haltung, die Deutschland den Niederlanden gegenüber lange Zeit eingenommen hat und die vermutlich ökonomisch bedingt war, inzwischen – gemeinsam mit der Bindung – der Vergangenheit angehört.


[42] Abelshauser, W.: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, Bonn 2004. S. 60ff.; Kleßmann, Ch.: Bruins’ Berlijnse besprekingen. Een selectie uit het archief van prof. mr. G.W.J. Bruins, in het bijzonder de jaren 1924-1930, Bonn 1986, S. 67ff; Wemelsfelder, J.: Het herstel van de Duits-Nederlandse economische betrekkingen na de Tweede Wereldoorlog, Leiden 1954, passim.
[43] Wielenga, F.: West-Duitsland: Partner uit noodzaak. Nederland en de Bondsrepubliek 1949-1955, Utrecht 1989. S. 480ff.
[44] Wielenga, F.: Van vijand tot bondgenoot. Nederland en Duitsland na 1945, Amsterdam 1999, passim.

Autor:
Hein A.M. Klemann
Erschienen: Klemann, H.: Die Niederlande und Deutschland: Wirtschaftliche Integration und politische Konsequenzen 1860–2000, in: Wielenga, Friso/Geeraedts, Loek: Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien 17/2006. Die Integration von Zuwanderen, Münster, Februar 2007, S. 101-118.