I. Einführung

„Ganz so blind ist unser holländisches Volk nicht, dass es nicht erkennt, dass Deutschland nunmehr ganz und gar von Preußen überflügelt wird. Und [...] dass Preußen ein Staat ist, der durch Raubzüge in alle Richtungen zusammengebracht worden ist“, so die Aussage des Utrechter Hochschullehrers Quack in der Nieuwe Rotterdamsche Courant einen Monat nach der deutschen Vereinigung des Jahres 1871. Aus Deutschland kamen in jenen Jahren Töne, die den Eindruck erweckten, Berlin erwäge auch eine Expansion auf Kosten der Niederlande. So entglitt dem preußischen König, dem gleichen, der 1871 die Kaiserkrone erlangte, 1869 bei einem Besuch des kürzlich annektierten Hannovers gegenüber dem Groninger Kommissar des niederländischen Königs die Bemerkung, Berlin hege keine Pläne, auch die Niederlande zu unterwerfen, und Napoleon III. enthüllte 1870, Bismarck sei einige Jahre zuvor mit der Frage an ihn herangetreten, was er davon halte, wenn sich Berlin Holland einverleibe. Schließlich hieß es gerüchteweise, beide Herren – und damit die französische und die preußische Regierung – hätten sich über die Aufteilung der Niederen Lande beraten. Bismarck tat dies aber ab als „lächerliche Märchen“, die lediglich in „Damenkreisen vorübergehend Anklang“ gefunden hätten.[1]

Für die Jahre der deutschen Reichseinigung (1862-1871) stellen van Zanden und van Riel in den Niederlanden den Beginn von Industrialisierung und modernem wirtschaftlichem Wachstum fest. Ursache hierfür war neben dem Bau der Eisenbahn auch die Abschaffung institutioneller Hemmnisse, wie die Erhebung von Zollgebühren an den Stadttoren. Die regionale, kleinteilige Segmentierung ging zu Ende, der Markt erhielt eine Chance, und es entstand eine nationale Ökonomie.[2] Auch die deutsche Wirtschaft erlebte einen Wachstumsschub. Da die Industrie des 19. Jahrhunderts häufig in der Nähe von Steinkohlevorkommen entstand, ließ sich das wichtigste deutsche Industriezentrum, das Ruhrgebiet, an der Grenze des sich formierenden Reiches nieder. So entstanden wie von selbst Transportrouten sowie Ableger jenseits der Grenze. Es drängt sich daher die Frage auf, ob das niederländische Wirtschaftswachstum mehr war als eine Ableitung des Wachstums im Ruhrgebiet, das sich kurz hinter der Grenze zum Herzen des industrialisierten Europas entwickelte. Entstand dort eine nationale Ökonomie, oder nahmen die Niederlande, als die deutschen Staaten im Kaiserreich aufgingen, wirtschaftlich an diesem Integrationsprozess teil? Wenn ja, wie konnte sich das Land dann dauerhaft der politischen Integration, die damit einherging, entziehen? Mit anderen Worten: Warum gibt es die Niederlande eigentlich noch?

Fragestellung

Die politischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind vielfach untersucht worden. Die ökonomischen sind hingegen stiefmütterlicher behandelt worden. Natürlich berichtet jeder, der über die deutsch-niederländischen Beziehungen schreibt, dass auch die wirtschaftlichen Kontakte von großer Bedeutung waren. Zumeist bleibt aber undeutlich, von wie großer Bedeutung. Dennoch scheint ein Einblick in diese Beziehungen für das Verständnis der politischen Verhältnisse notwendig zu sein. Mit der Feststellung, dass wirtschaftliche Kontakte politische Bedeutung haben, ist noch nichts über die Art der Beziehung zwischen Politik und Wirtschaft gesagt. Es gibt allerdings eine ganze Menge Literatur über die politischen Folgen der ökonomischen Interdependenz, der wechselseitigen ökonomischen Abhängigkeit, die hier definiert wird als wechselseitig profitable wirtschaftliche Beziehungen.[3] Liberalen Interdependenztheorien zufolge sollten solche Beziehungen politische Sicherheit garantieren, und es gibt tatsächlich Beweise dafür, dass ein enger wirtschaftlicher Kontakt dem Frieden dienlich ist.[4] Die Niederlande und Deutschland haben bereits seit anderthalb Jahrhunderten intensiven wirtschaftlichen Kontakt zueinander, während sich die politischen Beziehungen in weiten Teilen dieses Zeitraumes durch Spannungen auszeichneten. Dennoch sind die Wirtschaftsbeziehungen bislang noch kaum systematisch mit den politischen Kontakten verglichen worden. Daher wird hier einleitend die Frage gestellt, wie stark die niederländische Wirtschaft mit der deutschen verwoben war und wie intensiv diese ökonomischen Kontakte waren. Anschließend können dann die politischen Beziehungen diesem Bild gegenübergestellt werden.


[1] Quack, H.P.G.: Herinneringen uit de levensjaren van mr. H.P.G. Quack, 1834-1914, Nijmegen [1977], S. 181 ff; Doedens, A.: Nederland en de Frans-Duitse oorlog. Enige aspecten van de buitenlandse politiek en de binnenlandse verhoudingen van ons land omstreeks het jaar 1870, Zeist 1973, S. 18 u. 91-92; Bismarck, Otto Fürst von: Gedanken und Erinnerungen, Erster Band, Stuttgart 1904, S. 12.
[2] Zanden, J.L./Van Riel, A.: Nederland 1780-1914. Staat, instituties en economische ontwikkeling, Amsterdam 2000, S. 218.
[3] Waltz, K.N: The myth of interdependence, in: Kindleberger, C.P.: The international corporation, Cambridge 1970, S. 205-207.
[4] Mansfield, E.D./Pollins, B.M.: The Study of Interdependence and Conflict: Recent Advances, Open Questions, and Directions for Future Research, in: The Journal of Conflict Resolution 45/2001, S. 834-859.

Autor:
Hein A.M. Klemann
Erschienen: Klemann, H.: Die Niederlande und Deutschland: Wirtschaftliche Integration und politische Konsequenzen 1860–2000, in: Wielenga, Friso/Geeraedts, Loek: Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien 17/2006. Die Integration von Zuwanderen, Münster, Februar 2007, S. 101-118.