II. Die ökonomischen Beziehungen zu Deutschland

Im Jahr 1995 stellte der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman fest, dass in sechs Ländern – zu denen auch die Niederlande zählten – der Export mehr als 50% des Bruttoinlandprodukts (BIP) betrug. Er sprach von Supertrading Economies und hielt diese für ein typisches Phänomen des späten 20. Jahrhunderts. Zwar lag das Ausmaß der internationalen wirtschaftlichen Vernetzung gegen Ende des 20. Jahrhunderts global nur wenig höher als im Jahr 1913, aber Krugman erkennt erst in den neunziger Jahren zum ersten Mal Länder, für die der Handel eine so wichtige Rolle spielte.[5] Nach der Krugmanschen Definition waren die Niederlande, allerdings schon ab 1864 ein Superhandelsland. In den Jahren, für die van Zanden und van Riel den Beginn des modernen Wachstums und einer nationalen Wirtschaft nachzeichnen, geht diese Wirtschaft tatsächlich schon wieder in ihrer Umgebung auf. Sie war keine mehr oder weniger selbständige Einheit, sondern lediglich Teil eines größeren Ganzen.[6] 1914, mit dem Ersten Weltkrieg, erlebte der Handel wieder einen Einbruch, um erst ab den sechziger Jahren wieder aufzuleben (Grafik 1).[7]

Nach der Feststellung, dass die Niederlande von 1864 bis 1913 ein Superhandelsland waren, lautet die Frage, ob dies durch die Entwicklungen im Deutschland des 19. Jahrhunderts bewirkt wurde. Handelszahlen geben hierüber keinen Aufschluss. Es lässt sich nicht nur der Dienstleistungsverkehr nicht aufschlüsseln, es fehlen auch Zahlen über finanzielle Beziehungen und direct foreign investments (DFIs). Daher nahm der Rotterdamer Wirtschaftswissenschaftler van Paridon den Korrelationskoeffizienten zwischen dem Wachstum des BIP in beiden Ländern als Maßstab. Dieser erwies sich in den Jahren 1981-1992 als so hoch, dass es abgesehen von Kanada und den USA keine zwei anderen Länder gab, in denen diese Zahl ein derartiges Niveau erreichte.[8] Es fällt auf, dass dies auch bereits im 19. Jahrhundert galt. Grafik 2 zeigt, dass der Korrelationskoeffizient in den Jahren nach 1860 zunahm und ab 1865 signifikant war. Als das moderne Wachstum in den Niederlanden in Gang kam, korrelierte dieses sofort signifikant mit dem in Deutschland.[9]

Grafik 3, die bis zum Jahr 1913 reicht, zeigt, dass der Korrelationskoeffizient nach der deutschen Vereinigung nicht mehr signifikant war. Die Ursache hierfür lässt sich zu diesem Zeitpunkt der Untersuchung noch nicht angeben, aber Berechnungen, nach denen die niederländischen Zahlen eine Verzögerung von zwei Jahren aufweisen, erwecken den Eindruck, dass die dortige Wirtschaft zwischen 1880 und 1900 der deutschen hinterherhinkte. Zwar schwenkt auch diese Kurve im Jahr 1883, in dem sie die Signifikanzlinie überschreitet, plötzlich zurück, aber dann steigt die Kurve ohne Verzögerung wieder auf ein signifikantes Niveau an. Darüber hinaus ist dann von 1888 bis 1892 der Korrelationskoeffizient mit einer Verzögerung für die Niederlande von einem Jahr – in der Grafik nicht wiedergegeben – signifikant. Die Tatsache, dass das niederländische Wachstum dem deutschen folgte, scheint darauf hinzuweisen, dass die Niederlande wirtschaftlich von Deutschland abhängig wurden. Die Zeiträume, in denen das Wachstum signifikant korrelierte und die, für die dies für die verzögerte Reihe galt, weisen jeweils keinerlei Verbindung zueinander auf. Die Korrelation zwischen dem deutschen Wachstum und dem ein Jahr später in den Niederlanden zu verzeichnenden war jedoch ab 1909 signifikant. Es scheint also so zu sein, dass es auch in diesen Jahren eine Verbindung gab, dass diese jedoch durch das lückenhafte Zahlenmaterial nicht nachzuweisen ist.

Als sich die Industrialisierung in den Niederlanden ab 1890 ausweitete, holte das Land seinen Rückstand auf. Der Korrelationskoeffizient erreichte im frühen 20. Jahrhundert wieder ein signifikantes Niveau. Durch einen Wachstumsschub im Ruhrgebiet nahm der Transitverkehr sprunghaft zu. Die Steigerung des Güterverkehrs, mit der dies einher ging, verhalf Rotterdam gegenüber Antwerpen zu einem Vorsprung. 1913 machten deutsche Transportgüter 80% des Umschlags in Rotterdam aus, aber diese Entwicklung wurde durch den Krieg schon bald unterbrochen. Dennoch zeigt Grafik 4, dass es ab 1911 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts – unterbrochen durch die beiden Kriege und ihre Nachwirkungen – zwischen dem Wachstum in beiden Ländern einen Zusammenhang gab. Setzt man Dummys für den Krieg und die ersten Nachkriegsjahre ein, so sieht man, dass von 1909 bis einschließlich 1994 die Wachstumszahlen beider Länder signifikant korrelieren. Zählt man die verzögerte Beziehung aus dem 19. Jahrhundert hinzu, dann kann man – abgesehen von den Kriegsperioden – für einen Zeitraum von einhundertdreißig Jahren von solch einer Verbindung zwischen beiden Ländern sprechen. Seit den 90er Jahren entwickeln sich die niederländische und die deutsche Wirtschaft jedoch wieder auseinander. Dies ist nicht mit dem Aufgehen der DDR in der Bundesrepublik zu erklären. Auch wenn man sich lediglich das Wachstum in den alten Bundesländern oder selbst nur das in Nordrhein-Westfalen ansieht, ist die Verbindung verschwunden. [10]. Die Ursache muss vielmehr in der Schließung großer Teile der Industrieanlagen im Ruhrgebiet gesucht werden. Rotterdam hat seine Position als Außenhafen des industriellen Herzens Europas verloren.

Um zu sehen, ob die Korrelation zwischen dem Wachstum in beiden Ländern nicht einfach ein Beleg dafür ist, dass die Wirtschaft mit der Entwicklung in der Umgebung Schritt hielt, wird in Grafik 4 auch getestet, ob es zwischen dem Wachstum in Großbritannien und in den Niederlanden eine ähnliche Beziehung gab. Dabei zeigt sich allerdings, dass – so wichtig der Handel mit den britischen Inseln für die Niederlande auch gewesen sein mag – nur selten von einem signifikanten Bezug zwischen dem Wachstum in beiden Ländern gesprochen werden kann. Lediglich von 1953 bis 1964 gibt es einen starken Zusammenhang zwischen dem britischen und dem niederländischen Wachstum, aber als die kontinentale Integration sich fortsetzte, lief die niederländische Wirtschaft wieder parallel zur deutschen. Im 20. Jahrhundert gab es also eine besondere Verbindung zwischen der deutschen und der niederländischen Wirtschaft.


[5] Krugman, P.: Growing World Trade: Causes and Consequences, in: Brookings Papers on Economic Activity 25/1995, S. 330-335.
[6] Brady, R.A.: Industrial policy, in: Journal of Economic History, Nr. 3/1943, Supplement: The task of Economic History, S. 114-116.
[7] Die Reihe betrifft eine Anzahl von Punkten, die jeweils das Ergebnis des Korrelationskoeffizienten r in einem Zeitraum von elf Jahren wiedergeben. Jeder Punkt wird beim mittleren Jahr dieses Zeitraumes angegeben. Die horizontale Linie steht auf der Höhe r= 0,521. Bei einem r über dieser Linie ist bei einer Reihe, in der elf Paare verglichen werden, der Zusammenhang mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% signifikant. Die gestrichelte Kurve, die sich ebenfalls in der Grafik befindet, ist ein Polynom.
[8] Paridon, Kees van: Profijtelijke relatie of knellende band? Over economische ontwikkelingen in Duitsland en de invloed op Nederland, Amsterdam 1993.
[9] Die Rekonstruktion der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Hoffmans Berechnungen werden lediglich als Indiz betrachtet. Siehe Fremdling  (1998) u. Hoffmann (1965). Carsten u. Wolff haben Hoffmanns Zahlen korrigiert und zum Teil neu berechnet. Ihre Reihe betrifft das Nettonationalprodukt, nicht das BIP.
[10] Statistische Ämter des Bundes und der Länder.


Autor:
Hein A.M. Klemann
Erschienen: Klemann, H.: Die Niederlande und Deutschland: Wirtschaftliche Integration und politische Konsequenzen 1860–2000, in: Wielenga, Friso/Geeraedts, Loek: Jahrbuch des Zentrums für Niederlande-Studien 17/2006. Die Integration von Zuwanderen, Münster, Februar 2007, S. 101-118.