VI. Reportage Leiderdorp

Mit ordentlicher Verspätung

Jahrelang gab es viel Theater um die HSL-Zuid. Gerard van der Hoeven hat die Strecke immer verteidigt.
Da kommt er an. Mit fünf Minuten Verspätung zwar, aber dafür in einem rasenden Tempo. Mit 160 Stundenkilometern rauscht der TGV über die Piste, zischt unter eine Brücke, in den Tunnel und ist verschwunden. Gerard van der Hoeven steht über den Gleisen und hat den Fahrtwind noch in seinen Haaren: „Wahnsinn, was? Die fahren hier bald noch schneller. Wenn die richtigen Züge da sind, rauschen die mit 300 Stundenkilometern an uns vorbei.”

Gerard van der Hoeven hat lange darauf gewartet, dass der erste Hochgeschwindigkeitszug hier in Leiderdorp an ihm vorbeifährt. Nach jahrzehntelangem Diskutieren, Planen und Bauen haben die Niederländer am 19. September 2009 ihre erste und einzige Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Amsterdam und belgischer Landesgrenze in Betrieb genommen. Es ist wohl die modernste Bahnstrecke, die es derzeit in Europa gibt – und vermutlich auch die teuerste. 10 Milliarden Euro haben sich die Holländer das Ganze kosten lassen, damit man von Amsterdam Centraal in die Brüsseler City in weniger als 100 Minuten fahren kann.

Gerard van der Hoeven kennt die Strecke fast auswendig. Der Sprecher des niederländischen Verkehrsträgers Rijkswaterstaat hat die Entwicklungen der Hochgeschwindigkeitsstrecke HSL-Zuid seit 2001 verfolgt und alle Höhen und Tiefen mitbekommen. „Dieser Bau war ein sehr einschneidendes Projekt für die Niederlande”, sagt van der Hoeven, und man muss nur kurz aus seinem Arbeitsfenster schauen, um zu erkennen, was er damit meint: Die 100 Kilometer lange Bahnlinie zieht sich wie ein Band von Amsterdam-Schiphol über Leiderdorp und Rotterdam nach Breda und Belgien. Ein Großteil der Schienen liegt in luftiger Höhe auf gigantischen Betonpfählen. 170 Brücken und Viadukte wurden für die HSL gebaut, die Autobahn A4 tiefer gelegt, ein komplett neues Hochspannungsnetz für 25 000 Volt angelegt – und nicht zuletzt der größte Tunnel der Welt gebohrt.

„Die einen finden die Strecke phantastisch, die anderen finden sie hässlich”, sagt van der Hoeven. Ärger hat es um die Ausführung der HSL-Zuid  von Beginn an gegeben - und das nicht zu knapp: „Die zusätzlichen Bauwerke und Wünsche der Kommunen haben natürlich die Kosten in die Höhe getrieben”, sagt der Bahnsprecher, der Verständnis dafür hat, dass sich die Anlieger nicht alles haben gefallen lassen: „Ein vernünftiger Protest führt auch zu besseren Lösungen.”

Die größte Baustelle war sicherlich die gigantische Brücke über den Hollandsch Diep bei Rotterdam  und der so genannte „Groene Hart Tunnel” von Leiderdorp nach Hazerswoude, der alleine schon 900 Millionen Euro verschlungen hat. 7,2 Kilometer lang ist die Röhre, die in der Mitte von einer Betonwand geteilt wird und einen Durchmesser von 15 Metern hat. „Der Tunnel liegt immerhin 30 Meter tief in der Erde”, erzählt Gerard van der Hoeven,  er schütze vor allem die grüne Lunge der Randstad – das so genannte Groene Hart. An dem Tunnel wäre beinahe das Projekt gescheitert, wenn nicht Premierminister Wim Kok persönlich die Lösung durchgedrückt hätte.

Lange haben die Politiker darüber diskutiert, wie viele Haltepunkte die  Hochgeschwindigkeitsstrecke denn  haben darf, wenn man noch von einem Hochgeschwindigkeitszug sprechen möchte. Die Regierungsstadt Den Haag wollte unbedingt ans Netz, was allerdings zu gehörigen Reisezeitverlusten geführt hätte. Letztendlich hat man sich auf drei Bahnhöfe einigen können: Amsterdam, Amsterdam-Schiphol und Rotterdam.   Für Gerard van der Hoeven liegt das Projekt „HSL-Zuid” gedanklich schon ganz weit weg. Obwohl  die Züge erst seit dem 19. September 2009 fahren und die ersten „richtigen” Hochgeschwindigkeitszüge  am 15. Dezember 2009 an den Start gegangen sind, hat der Sprecher von Rijkswaterstaat mit dem Megaprojekt schon abgeschlossen. Die größten Schlachten sind für ihn geschlagen, die Bahn ist fertig und der Ärger - fast - verflogen. „Ich denke, dass diese Strecke eine Investition in die Zukunft ist. Und da braucht man mitunter einen langen Atem.”



Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Dezember 2009