X. Infrastruktur: Handel und Abhängigkeit in Zeiten der Krise

Für das Jahr 2009 sagt die niederländische Statistikbehörde CBS aufgrund der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise eine Schrumpfung des niederländischen Bruttoinlandsproduktes um 4,75 Prozent voraus. Im Jahr 2010 erwartet man sodann ein Nullwachstum und die Arbeitslosigkeit soll sich Schätzungen nach von 2008 bis 2010 von 4 auf 8 Prozent verdoppeln.[1] Da die Kaufkraft sich 2009 allerdings günstig entwickelte und für 2010 nur wenig sinken soll, fühlt noch nicht jeder die Krise. Bei den Staatsfinanzen sind in den Niederlanden jedoch schon jetzt die ersten Rückschläge zu verzeichnen. Erst im Laufe des Jahres 2010 erwartet man – speziell für die Euro-Länder – wieder ein einigermaßen gutes Wachstum für die Wirtschaft. International prognostiziert das CBS eine moderate Erholung: Der Welthandel soll demnach 2010 wieder zunehmen – jedoch lange nicht so stark, um die enormen Verluste von 2009 und 2008 zu kompensieren – und bleibt deshalb auf einem viel geringeren Niveau als 2008. Vor allem die Industriezweige Basischemie, Basismetall und Transportmittel werden in den Niederlanden stark vom abnehmenden Welthandel getroffen. Weniger weit zurück fiel hingegen die Nahrungs- und Genussmittelindustrie. Trotz dieser wirtschaftlich schlechten Zeiten zeigt der Konjunkturindikator für die europäische Wirtschaft jedoch ein Ende der Talfahrt auf. Hinzu kommt auch das starke Ansteigen der Geldmenge, was einen zukünftigen Anstieg des Ausgabevolumens vermuten lässt.

Handel mit Gütern
Handel mit Gütern
Absatz im Ausland von Januar bis Mai 2009
Absatz im Ausland von Januar bis Mai 2009

In Nordrhein-Westfalen gibt es insgesamt drei Regionen, denen für die Zukunft ein sehr hohes Wachstumspotential prognostiziert wird: Düsseldorf, Köln und Dortmund. Hinzu kommen sechs Regionen mit einem hohen Potential, worunter Teile des Ruhrgebiets sowie die Region Bonn und das dezentral gelegene Gütersloh zählen. Auffällig ist insgesamt, dass allen Regionen in NRW seit dem Jahr 2007 eine bessere Zukunftsperspektive prognostiziert wird – möglicherweise ein Indikator dafür, dass der Strukturwandel von der Schwerindustrie hin zum Dienstleistungssektor erfolgreich verlaufen ist. Bei einer Untersuchung des deutschen Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmens Prognos wurde die Vielfalt NRWs und die Anzahl der Branchen mit Zukunftspotential betont. NRW schneidet dabei vor allem bei hochwertigen Unternehmens- und Forschungsdienstleistungen, der Forschung, der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie dem Maschinen- und Fahrzeugbau und der Gesundheitswirtschaft gut ab.

Auch für den gegenseitigen Handel bedeutet die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise viel Gegenwind. Deutschland bleibt jedoch auch in diesen schwierigen Zeiten weiterhin der wichtigste Handelspartner der Niederlande: Etwa 25 Prozent der niederländischen Ausfuhr (inklusive der Wiederausfuhr) geht nach Deutschland, weshalb die ökonomischen Entwicklung des östlichen Nachbars für die Niederlande von großer Bedeutung ist.[2] Die deutsche Wirtschaft leidet unter den weltweiten Entwicklungen nach der Pleite der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers viel mehr als die Niederlande und wird von der weltweiten Krise weit schwerer getroffen. Dies hat seine Ursache in dem generellen Unterschied beider Ökonomien: die relative Größe der Industrie in beiden Ländern. Liegt ihr Anteil am gesamtwirtschaftlichen Mehrwert in den Niederlanden bei 19,7 Prozent, sind es in Deutschland 26 Prozent (Tabelle 12). Und grade die Industrie ist von der Krise am schwersten betroffen. Für die in Deutschland traditionell sehr starke Kraftwagenindustrie gilt dieses im Besonderen.

Tabelle 13: Anteil an der Wertschöpfung pro Industriesparte
Vorläufige Zahlen, Quelle: CBS: De nederlandse economie 2008, S. 35.
Deutschland Niederlande
Land-, Forstwirtschaft, Fischerei 0,9 % 1,8 %
Industrie (inkl. Energie) 26,0 % 19,7 %
Baugewerbe 4,2 % 5,8 %
Handel, Transport und Kommunikation 17,9 % 21,0 %
Finanzielle- und Unternehmensdienstleistungen 29,3 % 28,3 %
Staat, Gesundheitssektor und übrige Dienstleistungen 21,8 % 23,5

Die beim niederländischen Export nach Deutschland auffällig hohen Anteile an Erdöl, Erdgas und anderen Mineralölen ergeben sich aus der großen Bedeutung für die energieintensive deutsche Industrie. Der ebenfalls relativ hohe Anteil an Metallprodukten am Handel hängt zudem mit den vielen Abnehmern der deutschen Automobilindustrie zusammen. So kann eine niedrige Konjunktur der deutschen Wirtschaft aufgrund der Größe Deutschlands und dessen Konjunkturabhängigkeit große Folgen für den Umfang und die Zusammenstellung des niederländischen Exports bedeuten: Wenn Deutschland hüstelt ist Holland krank.

Und so zeigen die aktuellen Zahlen für das niederländische Wirtschaftswachstum auch, dass die dortigen Betriebe momentan eher magere Zeiten durchmachen. Die 2 Prozent Wachstum im Jahr 2008 fielen so viel kleiner aus als noch in den vergangenen Jahren und auch der Export hat an Stärke verloren: War in den Jahren 2005 und 2007 noch etwa die Hälfte des niederländischen Wirtschaftswachstums durch den Export bestimmt, hat sich dieses Bild in 2008 durch einen Rückgang auf circa 25 Prozent stark verändert.[3] Profitierte die niederländische Wirtschaft in den vergangenen Jahren durch ihre Rolle als Warendrehscheibe für das europäische Hinterland noch vom beispiellosen Wachstum der chinesischen Wirtschaft, erwartet das niederländische Statistikamt CBS für 2009 eine Abnahme des Welthandelsvolumens von mehr als 9 Prozent und des chinesischen Exportvolumens von 6,5 Prozent gegenüber einem Wachstum von noch 10 Prozent im Jahr 2008.


[1] Vgl. Centraal Bureau voor de Statistiek: Macro Economische Verkenning 2010, Heerlen/Den Haag 2009, Online.
[2] Vgl. Centraal Bureau voor de Statistiek: De nederlandse economie 2008, S. 35, Online.
[3] Vgl. Centraal Bureau voor de Statistiek: De nederlandse economie 2008, S.24, Online.

Autor:
Robert van der Veen
Erstellt:
November 2009