IV. Einträchtige Zusammenarbeit? (1945-1960)

Nach dem Ende der deutschen Besatzung der Niederlande standen die Gewerkschafter vor der Frage, wie die Gewerkschaftsbewegung aufgebaut werden sollte. Vertreter aller Gewerkschaftsrichtungen waren sich darüber einig, dass es ein größeres Maß der Zusammenarbeit geben sollte, wenn der Wiederaufbau einer demokratischen und wirtschaftlich erfolgreichen niederländischen Gesellschaft gelingen sollte. Diese Zusammenarbeit wollten diejenigen, die sich an den alten Strukturen orientierten, durch eine verstärkte Kooperation der trauten Gewerkschaftsbünde erreichen. Aber es gab auch Befürworter einer tiefgreifenderen Erneuerung. Diese lehnten ihre Vision an den Versuchen an, in der Politik einen ‚Doorbraakʻ (dt. Durchbruch) zu erreichen. Dieser Durchbruch sollte darin bestehen, die vormals getrennt organisierten sozialdemokratischen, katholischen und protestantischen Bürger nun in eine Organisation zusammenzuführen, die ihre gemeinsamen Interessen vertreten würde.

In der Gewerkschaftsbewegung stellte der NVV sich folglich als der Vertreter eines Durchbruchs in der Gewerkschaftsbewegung dar. Darauf reagierten die Vertreter der katholischen Gewerkschaftsbewegung, die sich als Katholieke Arbeidersbeweging (KAB, dt. Katholische Arbeiterbewegung) neu gegründet hatte, und der CNV sehr empfindlich. Diese Reaktion war nicht nur in der Tatsache begründet, dass der NVV ihnen mit dieser Profilierung faktisch Konkurrenz bei der Mitgliederwerbung machte, sondern auch, weil die Führung der konfessionellen Gewerkschaften sich an den Versuchen einer erzwungenen Einigung während der Besatzungsjahre erinnert sah.

Letztlich konnte der NVV zwar einige protestantische und katholische Mitglieder zum Eintritt überreden, KAB und CNV etablierten sich jedoch ebenfalls erfolgreich. Eine neue Einheit in der niederländischen Gewerkschaftsbewegung konnte es somit nur durch verstärkte Kooperation geben. Diese erreichte man durch die bereits während der Besatzungszeit geplante Zusammenarbeit mit einer Vertretung der Arbeitgeberschaft in der Stichting van de Arbeid (dt. Stiftung der Arbeit) und eine institutionalisierte Beratung der Gewerkschaftsvorstände im Rahmen des so genannten Raad van Vakcentralen (dt. Rat der Gewerkschaftsbünde).

Stärkung der Stellung der Gewerkschaftsbünde

Im Jahre 1950 erweiterte man die bereits gegründeten Beratungsgremien um den Sociaal-Economische Raad (SER, dt. Sozioökonomischer Rat). Dieser Rat hatte zum Ziel die Regierung in sozioökonomischen Fragen zu beraten. Im SER hatten neben Vertreter der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände auch von der Regierung ernannten Experten einen Sitz. Der SER hat seit seiner Gründung eine bedeutende Stellung in der niederländischen politischen Landschaft erhalten. Ihre Stellungnahmen messen Regierung und Parlament bis heute in der Regel großen Wert bei. Eine wichtige Begleiterscheinung dieser Gründung war die Aufteilung des Wirtschaftslebens in fünfzehn Bereiche. Die Aufteilung ging auf einen gemeinsamen Bericht der Gewerkschaftszentralen aus dem Jahre 1946 zurück. Die Anerkennung dieser Aufteilung setzte nun ihrerseits eine Neuorganisation der einzelnen Gewerkschaften entlang der festgelegten Bereiche innerhalb der Gewerkschaftsbünde NVV, CNV und KAB in Gang.

Das Mitspracherecht das den Gewerkschaften durch ihre Mitarbeit in der Stiftung der Arbeit und im SER gestattet wurde, bekam 1950 noch einen weiteren Pfeiler, als das betriebliche Mitbestimmungsrecht in einem neuen Gesetz geregelt wurde. Obwohl dieses neue Gesetz nach der Auffassung der drei großen Gewerkschaftsbünde nicht weit genug ging, war es ein weiterer Schritt hin zur Einbindung der Arbeitnehmenden: die neuen Betriebsräte waren keine Körper der Personalvertretung, sondern Gremien, in welchen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam über den Kurs des Betriebs beraten sollten.

Die in den ersten Nachkriegsjahren entstandene Zusammenarbeit selbständiger Gewerkschaftsbünde entsprach, ungeachtet der Festigung der Position der Arbeitsbevölkerung, den eigentlichen Vorstellungen des NVV nicht. Dennoch diente sie sowohl dem gemeinsamen Ziel des Wiederaufbaus als auch dem Ausschluss der von Kommunisten dominierten Eenheids Vakcentrale (EVC, Einheitsgewerkschaftszentrale), die dem NVV zur linken Seite Konkurrenz machte. Kurzzeitig hatten NVV und EVC nach dem Krieg sogar eine Fusion in Erwägung gezogen. Weil sich aber immer deutlicher eine Verflechtung der EVC mit der kommunistischen Partei herausstellte und die EVC demzufolge immer radikaler auftrat, wurden die diesbezüglichen Gespräche eingestellt. Anlässlich der Auflösung des Bündnisses der Alliierten und der darauf folgenden Frontenstellung des Kalten Krieges wurde die EVC bald vollständig ausgegrenzt. Die Etablierung der Beratungsgremien war auch ein wichtiges Mittel für diese Ausgrenzung, da sie zu einer Unterscheidung anerkannter und nicht anerkannter Gewerkschaften führte.

Die etablierte Gewerkschaftsbewegung setzte somit in der Nachkriegszeit die Tendenz zur gesellschaftlichen Einbindung der Zwischenkriegszeit fort: sie erwies sich als zuverlässiger Partner für die Regierung und die Arbeitgeberschaft. Sie beteiligten sich nicht an den von der EVC unterstützten Streiks, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit ausbrachen. Im Interesse des Wiederaufbaus waren die herkömmlichen Gewerkschaftsbünde außerdem bereit, Forderungen nach Lohnerhöhungen weitgehend zu unterlassen. Der geringe Anstieg der Löhne in den ersten fünfzehn Nachkriegsjahren sollte ein wichtiger Baustein des wirtschaftlichen Aufschwungs in den Niederlanden werden.

Streben nach einer ungeteilten Gewerkschaftsbewegung

Die Stärkung der Stellung der Gewerkschaftsbünde und die Herausbildung der neuen Struktur der Beratung eigenständiger Gewerkschaften verliefen jedoch nicht konfliktlos. Der NVV nahm seinen Anspruch, auch die Mitgliedschaft der anderen Gewerkschaftsbünde in einer einheitlichen Gewerkschaftsbewegung vertreten zu wollen, nicht zurück und kritisierte die Haltung der konfessionellen Gewerkschaften ebenso wie kirchliche Stellungnahmen zugunsten konfessioneller Segmentierung. So bedauerte 1949 der NVV-Sekretär Ad Vermeulen 1949 in einer Rede bei der Internationalen Arbeitskonferenz in Genf das wiederholte Verbot einer Mitgliedschaft im NVV der niederländischen katholischen Bischöfe. Der NVV bleibe bei seinem Streben nach einer ungeteilten Gewerkschaftsbewegung, so betonte er. Das Verbot der Bischöfe, setzte er nach, widerspreche der Versammlungsfreiheit und sei deshalb einem demokratischen Staat unwürdig.

Als der Inhalt dieser Rede in den Niederlanden bekannt wurde, reagierten sowohl die KAB als der CNV wütend. Der NVV stelle die Zusammenarbeit in der Gewerkschaftsbewegung mittels solcher Aussagen und durch das versuchte Abwerben von Mitgliedern anderer Gewerkschaften grundsätzlich in Frage. Die Rede wurde nicht nur in den Zeitungen der Gewerkschaften öffentlich heiß diskutiert, sondern auch im Rat der Gewerkschaftsbünde als dringlicher Punkt auf die Tagesordnung gesetzt. Letzten Endes einigte man sich dort auf eine versöhnliche Stellungnahme: „Einstimmig wurde festgestellt, dass die Zusammenarbeit der drei Gewerkschaften im nationalen Interesse und insbesondere im Interesse der Arbeiter liegt, sodass sie unter Achtung der jeweiligen Prinzipien und Unabhängigkeit der Organisationen fortgesetzt wird.‟

NVV bedroht Religionssinn der Arbeitnehmerschaft

Wenige Jahre später konnte die Zusammenarbeit bei einem ähnlichen Konflikt allerdings nicht erneut aufrechterhalten werden. 1954 wiederholten die niederländischen katholischen Bischöfe in einen Hirtenbrief unter dem Titel „Der Katholik im öffentlichen Leben dieser Zeit‟ das Verbot einer Mitgliedschaft im NVV für Katholiken. Während die Führung der KAB sich vorsichtig gegen die negativen Bewertung seitens des NVV wehrte, ging der CNV – angefeuert von der Verärgerung über die Versuche des NVV, protestantische Mitglieder zu werben – in der Person seines Vorsitzenden Marinus Ruppert zu einem Frontalangriff auf den NVV über. Die katholischen Bischöfe hätten das vollste Recht, ihren Gläubigen die Mitgliedschaft in unchristlichen Organisationen zu untersagen. Auch er könne sich nicht vorstellen, wie ein Christ im sozialistischen Milieu leben könne. Die Bischöfe könne man Rupperts Meinung nach nur dafür kritisieren, dass sie viele Argumente gegen den NVV ausgelassen hätten. Der NVV bedrohe nicht nur den Religionssinn der Arbeitnehmerschaft und den christlichen Charakter der niederländischen Gesellschaft. Er sei auch selbstgerecht, in dem er sich die Erfolge der Gewerkschaftsbewegung auf die eigene Fahne schreibe und die Misserfolge auf die ‚reaktionärenʻ konfessionellen Gewerkschaften abwälze. Wie es der NVV fertigbringe, einerseits von Offenheit für die religiöse Inspiration seiner Mitgliedschaft zu sprechen und andererseits religiöse Überzeugungen aus gewerkschaftlichen Fragen zu wehren, könne er nicht nachvollziehen.

Diesmal konnte die Krise, die auf diese Auseinandersetzung folgte, nicht durch eine gemeinsame Erklärung beschworen werden. Wohl auch in der Hoffnung, KAB und CNV durch den Hinweis auf die Überspitzung des Konflikts durch den CNV zu spalten, erklärte der NVV die Zusammenarbeit im Rat der Gewerkschaftsbünde für beendet. Die Beratungsgremien des Rates auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene wurden abgebaut. Obwohl die Gewerkschaften in anderen Gremien, wie in der Stiftung der Arbeit und in dem SER, weiterhin aufeinander trafen, war dies ein erheblicher Einschnitt für die Zusammenarbeit. Erst 1958 versuchte man wieder vorsichtig, Initiativen zu einem Wiederaufbau institutionalisierter Beratschlagung zu lancieren.


Autor: Peter van Dam
Erstellt: Dezember 2012