V. Die lange Flucht nach vorn (1960–heute)

Die niederländische Gewerkschaftsbewegung hatte in den 1950er Jahren den Höhepunkt ihres Einflusses erreicht. In der Mitte der Dekade organisierte sie fast die Hälfte der Arbeitsbevölkerung. Ihre Position war durch die Institutionalisierung der Stiftung der Arbeit, des Sociaal-Economische Raad und der betrieblichen Mitbestimmung gefestigt. Die ‚römisch-rotenʻ Regierungskoalitionen der 1950er Jahren waren aufgrund ihres sozialpolitischen Eifers an einer Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften interessiert und nahmen regelmäßig Gewerkschaftsfunktionäre in ihre Reihen auf. Mit großem Selbstverstrauen konnte die Gewerkschaftsbewegung in das neue Jahrzehnt eintreten.

In den 1960er Jahren zeigten sich die Gewerkschaften jedoch eher verunsichert als selbstbewusst. Die Verstaatlichung der sozialen Sicherheit, die bis dahin von den Gewerkschaften teilweise selbst reguliert worden war, relativierte ihre Bedeutung für die Arbeitnehmerschaft. Nachdem die Jahre der Lohnmäßigung eine blühende Wirtschaft hervorgerufen hatten, wollte die Mitgliedschaft nun außerdem nicht länger auf Lohnerhöhungen verzichten. Durch das Ende des wirtschaftlichen Nachkriegsbooms und die graduelle Transformation der Wirtschaft hin zu einer flexibilisierten Dienstleistungs-wirtschaft musste sich ihre Stellung in der Welt der Arbeit ohnehin verändern. Außerdem transformierten sich die sozialmoralischen Milieus der Katholiken, orthodoxen Protestanten und Sozialdemokraten in der Nachkriegszeit hin zu weniger verbindlichen Gemeinschaften. Damit wurde eine selbstverständliche Stütze der Gewerkschaftsbünde allmählich wackelig. Die Suche nach einer neuen, diesen Veränderungen angemessenen Identität hält die Gewerkschaftsbewegung bis heute in ihrem Griff.

Neuausrichtung

Als erste betrat die katholische Gewerkschaftsbewegung den Weg zur Neuausrichtung. Schon beim Aufstellen des Hirtenbriefes der katholischen Bischöfe aus dem Jahre 1954 hatte sich gezeigt, dass es unter den niederländischen Katholiken unterschiedliche Auffassungen herrschten über gesellschaftliches Engagement. Während ältere Bischöfe überwiegend für ein Primat der katholischen Gemeinschaft plädierten, stellten die jüngeren Bischöfe häufig das gläubige Individuum in den Vordergrund. Diese Zweifel und die auf die Publikation folgende Debatte stießen eine Besinnung auf die eigene Identität an, die innerhalb der katholischen Gewerkschaftsbewegung vor dem Hintergrund der Frage diskutiert wurde, wie die KAB schlagfertiger aufgestellt werden könnte. Daraus ging Anfang der 1960er Jahre der Plan einer Neustrukturierung hervor, der die Doppelstruktur von Standesvereinen und Gewerkschaften aufhob zugunsten eines stärker zentralisierten Gewerkschaftsbundes, in dem die Gewerkschaften selbst sowohl die geistige als die materielle Hebung ihrer Mitgliedschaft übernahmen. Im Zuge dieser Neustrukturierung benannte die Bewegung sich 1964 um in Nederlands Katholiek Vakverbond (NKV, dt. Niederländischer Katholischer Gewerkschaftsbund).

Mit der Neustrukturierung der katholischen Gewerkschaften ging auch eine Besinnung auf ihre Aufgaben einher, die nun überwiegend sozioökonomisch definiert wurden. Im Laufe dieser Besinnung stellte sich heraus, dass die Spitze der Bewegung daran zweifelte, ob es weiterhin eine Grundlage für eine eigenständige katholische Organisation gebe. Folglich zeigte sie sich interessiert an Gesprächen über eine mögliche Fusion der drei großen Gewerkschaftsbünde NVV, CNV und NKV. Nach einer längeren Anlaufphase kamen diese Gespräche ab 1972 in eine entscheidende Phase. Es zeigte sich jedoch, dass der CNV nicht bereit war, seine Eigenständigkeit Preis zu geben. Daraufhin entschieden sich NVV und NKV, dennoch eine Fusion anzustreben. 1976 kam es zur Gründung der Federatie Nederlandse Vakbeweging (FNV, dt. Föderation Niederländischer Gewerkschaftsbewegung).

Internationalisierung

In zweifacher Hinsicht fand in den 1960er Jahren auch eine Neuorientierung auf internationaler Ebene statt. Erstens engagierten sich NVV, NKV und CNV bereits seit ihrer jeweiligen Gründung in internationalen Zusammenschlüssen gleichgesinnter Organisationen. NKV (und ihre Vorläufer) und CNV waren beide der internationalen christlichen Gewerkschaftsbewegung beigetreten, während der NVV sich an einem allgemei-nen internationalen Verbund beteiligte. Letzter war Ende der 1940er gespalten durch die Konfrontation zwischen Osten und Westen. Seitdem war der NVV Mitglied in dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften (IBFG), in welchem der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die amerikanische American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations (AFL-CIO) bedeutende Mitglieder waren. In diesem Rahmen interessierte man sich seit den 1950er Jahren auch für Entwicklungsländer. Das Engagement im IBFG trat aber in der zweiten Hälfte der 1960er Jahren in den Hintergrund zugunsten von Versuchen, die Gewerkschaftsbünde auf europäischer Ebene zu einer stärkeren Zusammenarbeit zu bewegen.

NKV und CNV waren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dem wieder gegründeten Internationalen Bund Christlicher Gewerkschaften (IBCG) beigetreten, welcher Vorläuferorganisation sie auch in der Vorkriegszeit angehört hatten. Als der IBCG sich zum Ende der 1950er Jahre verstärkt um eine Aufnahme von Gewerkschaften aus Afrika und Asien einsetzen wollte, standen ihre Mitglieder vor der Frage, ob sie auch Organisatio-nen zulassen wollten, die keine ausdrücklich christliche Ausrichtung aufwiesen. Diese Frage wurde umso dringlicher, als sich 1964 der französische Gewerkschaftsbund Confédération Française des Travailleurs Chrétiens, ein bedeutendes Mitglied des IBCG, von ihrer christlichen Titulatur verabschiedete und sich als Confédération Française Démocratique du Travail als eine zwar christlich inspirierte, aber für alle Interessierte offene Organisation aufstellte.

Eine ähnliche Wende machte daraufhin auch der IBCG durch, der sich 1968 zu Weltverband der Arbeitnehmer (WVA) umbenannte. Der CNV war ein ausgesprochener Gegner dieser Neuausrichtung zu einer ‚gläubigenʻ Organisation, die für alle Menschen, die an einer immateriellen Bestimmung des Menschen glaubten, offen sein wollte. Versuche seitens des CNV, eine solche Umbenennung zu blockieren, scheiterten jedoch an mangelnder Unterstützung anderer Mitgliedsorganisationen. Als NVV und NKV 1976 fusionierten, wurde von der FNV ausschließlich die Mitgliedschaft im IBFG aufrechterhalten.

Solidarität mit der Dritten Welt

Neben diesen Neuorientierungen in der praktischen Arbeit auf internationaler Ebene versuchten die niederländischen Gewerkschaften sich im Laufe der 1960er Jahre außerdem auch verstärkt, Solidarität mit der Dritten Welt zu üben. Die drei Gewerkschafts-bünde knüpften in ihrer internationalen Arbeit Kontakte zu Schwesterorganisationen in Länder der dritten Welt und bauten auch Projekte auf, welche den eigenen Mitgliedern die Notwendigkeit einer Solidarität mit der Arbeiterschaft in anderen Teilen der Welt bewusst machen sollte. Diese Versuche stießen jedoch nicht nur auf positive Reaktionen, denn Teile der eigenen Anhängerschaft waren durchaus nicht davon überzeugt, dass Engagement für Länder der dritten Welt zu dem Kerngeschäft ihrer Gewerkschaften gehörte.

Auch diese Versuche, die Solidarität mit der Dritten Welt als neues Arbeitsfeld zu definieren, können als Teil der Suche nach einer neuen Identität in der Gewerkschaftsbewegung seit den 1960er Jahren verstanden werden. Diese Suche, die zur Fusion von NKV und NVV führte, hat keine niederländische Gewerkschaft unberührt gelassen. Wie es auch der NKV gemacht hatte, besann der CNV sich in den 1960er Jahren mittels Um-fragen, Diskussionsabenden und wissenschaftlichen Analysen auf ihre eigene Identität. Im Zuge dieser Selbstbefragung stellte sich heraus, dass eine Mehrheit der Anhängerschaft von der Notwendigkeit einer eigenständigen protestantischen Gewerkschaftsbewegung nicht überzeugt war. Anders als der NKV folgerte die Spitze des CNV daraus jedoch vor allem, dass sie ihre eigene Identität besser vermitteln müsse. Nachdem der katholische Schwesterverbund 1976 fusionierte, trug sie vor allem eine interkonfessionelle Identität aus, die einen Teil der ehemaligen Mitgliedschaft des NKV mehr zusagte als die noch inklusivere, allgemeine Ausrichtung der FNV.

Arbeitsplätze versus Lohnerhöhung

Die ersten Jahre nach dem Zusammenschluss von NKV und NVV war die Arbeit in der Gewerkschaftsbewegung schwierig. FNV und CNV machten sich gegenseitig für das Scheitern einer weitergehenden Zusammenarbeit verantwortlich und gingen auf Distanz. Gleichzeitig hatte sich der Staat durch ein neues Lohngesetz aus dem Jahre 1970 aus dem Bereich der Arbeitswelt teilweise zurückgezogen, wonach die Bestimmung der Löhne wieder zur Sache der Arbeitnehmer und Arbeitgeberverbände wurde. Nur in Notfällen würde der Staat sich in ihre Angelegenheiten einmischen. In Kombination mit den wirtschaftlichen Krisen der 1970er Jahre und die steigende Arbeitslosigkeit wurde die Arbeit der Gewerkschaftsbewegung so zusätzlich erschwert. Während im Jahre 1979 eine der größten Streikwellen  ihrer Geschichte die Niederlande in ihrem Griff hielt, sahen sich die Gewerkschaften gefangen zwischen dem Streben nach dem Schaf-fen von Arbeitsplätzen und dem Ziel der Lohnerhöhung.

Aus dieser schwierigen Situation fand die Gewerkschaftsbewegung 1982 mittels des Akkoord van Wassenaar (dt. Abkommen von Wassenaar) heraus. Besprechungen im Rahmen der Treffen von Gewerkschaftsbünde und Arbeitgeberverbände in der Stiftung der Arbeit führten im Herbst dieses Jahres zu einer Übereinstimmung zwischen den Beteiligten. Unter Druck der steigenden Arbeitslosigkeitszahlen und des drohenden Einschreitens der Regierung vereinbarten sie, dass die Gewerkschaftsbünde geringe Steigungen der Löhne akzeptieren, und die Arbeitgeberverbände im Tausch kürzere Arbeitszeiten befürworten würden. Dieses Abkommen gilt als einer der wichtigsten Schlüssel zur Regeneration der niederländischen Wirtschaft in den 1980er Jahren. Gleichzeitig hatte es für die Arbeitnehmerschaft allerdings auch zur Folge, dass die reellen Löhne in den 1980er Jahren nicht mehr das im Jahr 1979 erreichte Niveau erlangen würden.

Organising model

Die Zahl der Mitglieder der Gewerkschaftsbünde war in diesen Jahren leicht rückläufig. Insgesamt ist der Organisationsgrad der niederländischen Arbeitnehmerschaft seit den 1950er Jahren stetig zurückgelaufen. Je nach Schätzung waren um den Anfang des neuen Jahrtausends noch 25–30 Prozent der Arbeitnehmer Mitglied einer Gewerkschaft, gegenüber circa 40 Prozent Anfang der 1960er Jahre. Als Ursachen für diesen Rücklauf werden die Zunahme von Teilzeitarbeit, die schwierige Anpassung der Gewerkschaften an dem veränderten Arbeitsmarkt und das Fehlen eines klaren Profils seit den 1960er Jahren gewertet.
Dennoch spielen die Gewerkschaftsbünde auch heute noch eine bedeutende Rolle in den Niederlanden. Das zeigt sich nicht nur in der weiterhin elementaren Bedeutung der Tarifverhandlungen, die von den Gewerkschaften getragen werden, sondern auch an der fortwährenden Autorität des SER und der Stiftung der Arbeit. Ihre Schlagfertigkeit stellten die Gewerkschaftsbünde am 2. Oktober 2004 unter Beweis, als schätzungsweise 300.000 Demonstrierende ihrem Aufruf folgten und unter dem Motto ‚Nederland verdient beter!ʻ (dt. Die Niederlande verdienen mehr!) auf dem Amsterdamer Museumplein gegen die Sparmaßnahmen der Regierung-Balkenende zu protestieren. Die Demonstration war Anlass für neue Verhandlungen der Regierung mit den Gewerkschaftsbünden, die schließlich in die moderaten Sparmaßnahmen des Museumpleinakkoord (dt. Abkommen des Museumplein) mündeten.

Trotz dieser anhaltenden Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung ist die Suche nach einer neuen Identität nicht abgeschlossen. Der rückläufige Organisationsgrad, die teilweise überholte Organisationsstruktur und das als gering betrachtete Interesse jüngerer Arbeitnehmer für die Gewerkschaftsbewegung haben in den letzten Jahren zu verschiedenen Vorschlägen geführt, die Gewerkschaftsbewegung zu erneuern. Erstens haben Vordenker wie der Ökonom Paul de Beer vorgeschlagen, die Gewerkschaften könnten Teile der Sozialversicherung, die von staatlicher Seite in den letzten Jahren abgebaut wurden, wieder selbst in die Hand nehmen und damit ihre Bedeutung steigern. Zweitens hat unter anderem der Gewerkschaftshistoriker Sjaak van der Velden dafür plädiert, die Gewerkschaften müssten ihr Profil schärfen, indem sie die Interessen der Arbeitnehmerschaft stärker in den Vordergrund stellen und dabei den Konflikt mit Arbeitgebern und dem Staat weniger scheuen. Schließlich lassen sich neuerdings Teile der Gewerkschaftsbewegung von dem in angelsächsischen Ländern propagierten ‚Organising modelʻ inspirieren. Dieses Modell setzt auf eine Regeneration der Gewerkschaftsbewegung durch eine gezielte Mobilisierung an der Basis.

Die Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung haben sich auch die Initiatoren von ‚De Nieuwe Vakbewegingʻ Ende 2011 als Antwort auf die interne Krise der FNV auf die Fahne geschrieben. Ziel sei es die Gewerkschaftsbewegung ‚von untenʻ neu aufzubauen. Die sektoralen Gewerkschaften sollten laut Initiatoren weiterhin eine wichtige Rolle spielen innerhalb des Gewerkschaftsbundes, allerdings soll auch die Möglichkeit geschaffen werden, Mitglied des Bundes statt einer Einzelgewerkschaft zu werden. Außerdem wolle man die Föderation auch für neue Vereine – beispielsweise von Jugendlichen, Arbeitslosen oder Rentnern – öffnen. Mit den Neuerungen wird versucht, eine größere Solidarität der Mitgliedschaft untereinander zu fördern, den Berufswechsel innerhalb des Gewerkschaftsbundes erleichtern und die Schlagfertigkeit des Bundes zu vergrößern. Ob dieser Versuch zu einer wesentlichen Transformation der jetzigen Organisationen führen wird, ist ebenso unsicher, wie der mögliche Erfolg der erwähnten Vorschläge. Welche Form sie auch haben wird, die Arbeitnehmerschaft wird auch im neuen Jahrhundert eine angemessene Vertretung brauchen.


Autor: Peter van Dam
Erstellt: Dezember 2012