II. Arbeiterschaft in Bewegung (1850-1914)

Erste Schritte auf dem Weg zu einer Organisation ging die Arbeiterschaft in den Niederlanden – ähnlich wie in anderen europäischen Ländern – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Noch im Jahr 1848 kam eine angekündigte Kundgebung einer Gruppe Marxisten in Amsterdam aufgrund mangelnden Zuspruchs nicht zustande. 1914 dann konnte sich ein niederländischer Arbeiter sogar zwischen drei etablierten Gewerkschaftsbünden entscheiden.

Während Frankreich und die deutschen Staaten 1848 von revolutionärer Gewalt erschüttert wurden, zitterte man im Frühjahr des Jahres auch in Amsterdam. Einige Mitglieder des Internationalen Bundes der Kommunisten waren im März in Amsterdam und riefen die lokale Bevölkerung auf, sich am 24. März zu einer Kundgebung vor dem ehemaligen Rathaus am Dam-Platz  zusammenzufinden. Trotz der Bitte des Oberbürgermeisters, nicht an dieser Veranstaltung teilzunehmen, kamen am genannten Tag viele neugierige und schaulustige Bürger – vor allem aus den ärmeren Schichten der Bevölkerung. Noch ehe aber ein Vertreter des Kommunistenbundes ein Wort zu der versammelten Masse sprechen konnte, klirrte es am Rande der Menge: Bei einer Prügelei zweier Jugendlicher war das Fenster eines Weinhauses zerbrochen worden. Daraufhin brachen überall in der Menge Unruhen aus und alsbald teilte sich die Menschenmasse in mehrere Gruppen auf, die plündernd durch die Stadt zogen.

Damoproer 1848
Damoproer 1848
© Amsterdam Museum/public domain

Im europäischen Vergleich ist die Gewerkschaftsbewegung in den Niederlanden relativ spät in Erscheinung getreten. Ein erster Grund dafür findet sich in der vergleichsweise späten Industrialisierung des Landes. Weil das Agrarwesen und der Dienstleistungsbereich im 19. Jahrhundert vergleichsweise stark entwickelt waren, war der Lohnstand relativ hoch. Außerdem versprochen sich potenzielle Investoren keine erheblich größeren Gewinne in der Industrie. Schließlich war der Import von Kohle und Stahl durch Zölle teuer, bis die Regierung diese seit der Mitte des Jahrhunderts immer weiter abzubauen begann. Deshalb kam es in den 1860er Jahren zu einer bedeutenden Industrialisierung, zunächst in Sektoren wie beispielsweise der Produktion von Kartoffelmehl im Süden und Textilwaren im Osten des Landes, die an bereits erfolgreiche Aktivitäten anknüpfen konnten.

Auch die Gesetzgebung hemmte lange Zeit das Aufkommen von Gewerkschaften in den Niederlanden. Bis 1872 galt für die Arbeitnehmer- und die Arbeitgeberschaft ein Koalitionsverbot, das die organisierte Zusammenarbeit mit dem Zweck, höhere oder niedrigere Löhne zu erzwingen, untersagte. Dennoch organisierten sich Arbeiter auch vor diesem Jahr in Vereinigungen, die sich abgesehen von vereinzelten öffentlichen Aktivitäten vor allem der Geselligkeit und der gegenseitigen Hilfe verschrieben. So gründeten einige Vorarbeiter, angeführt von dem Klempner Evert Hendrik Hartman, 1854 in Amsterdam die Maatschappij tot Verbetering van den Werkenden Stand (dt. Gesellschaft zur Verbesserung des Arbeitenden Standes), die sich für eine gemeinsame Krankenkasse sowie die Bekämpfung von Trink- und Spielsucht einsetzen wollte. Diese Gesellschaft beriet sich auch darüber, wie höhere Löhne zustande gebracht werden könnten. Das Drängen Hartmans, reguläre Arbeitnehmer ebenfalls aufzunehmen, stieß jedoch auf den Widerstand der angeschlossenen Vorarbeiter. Enttäuscht verließ Hartman daraufhin die Vereinigung. 1861 machte er mit der Maatschappij tot Nut van de Arbeidenden Stand (dt. Gesellschaft zum Nutzen des arbeitenden Standes) einen zweiten Anlauf, mit dem er zum einen bezweckte, durch eine Einkaufsgenossenschaft günstige Lebensmittel anzubieten und zum anderen durch Vorträge die Mitglieder zu bilden.

Diese Versuche Hartmans, Arbeitnehmer zu vereinigen, seien hier nur als Beispiele angeführt, um den Charakter dieser frühen Organisationsversuche zu illustrieren. In der Regel standen die Bildung der Mitglieder und gegenseitige Hilfeleistungen im Mittel-punkt der Aktivitäten. In manchen Fällen organisierten sich Berufsgenossen in eigenen Vereinen zusammen, um sich in diesem Rahmen der beruflichen Weiterbildung zu widmen. Solche Vereine gingen manchmal dazu über, Kranken- und Witwenkassen zu verwalten, die von der Mitgliedschaft mit regelmäßigen Beiträgen unterhalten wurden.

So tat es zum Beispiel eine Gruppe Amsterdamer Schreiner, die 1866 den Verein Concordia Inter Nos (dt. Harmonie zwischen uns) gründeten, um sich als Berufsgruppe zu etablieren, sich gegenseitig zu unterstützen und weiterzubilden. Im gleichen Jahr entstand mit dem Algemene Nederlandse Typografen Bond (dt. Allgemeiner Niederländische Typographen Bund) auch die erste nationale fachspezifische Arbeiterorganisation, die ihren Schwerpunkt ebenfalls auf gegenseitige Unterstützung bei Krankheits- und Todesfällen sowie gemeinsame Weiterbildung legte. Dieser Bund beschränkte sich aber nicht auf solche Ziele, sondern wollte sich auch für strukturelle Veränderungen einsetzen. So forderte er alsbald höhere Löhne und eine Begrenzung der Arbeitszeit auf neun Stunden pro Tag.

Soziale Frage

Diese Orientierung hin zu strukturellen Verbesserungen für die Arbeiterschaft weist auf eine dritte Veränderung hin, die sich in den Niederlanden erst in den 1860er Jahren vollzog: das Aufkommen der Sozialen Frage als gesellschaftspolitisches Thema. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dominierte bezüglich der materiellen Lage einzelner Menschen die Auffassung, dass der Einzelne für seinen Wohlstand selbst verantwortlich sei. Wenn jemand der Armut verfiel, war dies nicht den gesellschaftlichen Umständen, sondern seiner eigenen Veranlagung und Lebensführung geschuldet.

Mit dem Aufkommen der „Sozialen Frage“ etablierte sich eine neue Sicht auf die Gesellschaft: Nicht nur der Einzelne, sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen konnten Armut verschulden. Dieses Umdenken förderte zum einen eine Beschäftigung einflussreicher politischer Kreise mit der Frage, wie die gesellschaftlichen Umstände zugunsten der ärmeren Schichten verbessert werden könnten. Des Weiteren waren immer mehr Anführer der Arbeiterbewegung davon überzeugt, dass strukturelle Forderungen eine wichtige Funktion im Kampf für die Besserstellung der arbeitenden Bevölkerung erfüllten.

Obwohl unter anderem durch die Aktivitäten von Karl Marx und Friedrich Engels und anderer weniger bekannter Vorkämpfer für die Sache der Arbeiterschaft wie Evert Hendrik Hartman (siehe oben) die Frage nach strukturellen materiellen Verbesserungen bereits früher diskutiert worden war, erreichte das Thema in den 1870er Jahren in den Niederlanden ein breiteres Publikum. 1870 gründete sich in Utrecht das Comité ter Bespreking van de Sociale Quaestie (dt. Komitee zur Diskussion der Sozialen Frage), in dem einflussreiche liberale Herren die Möglichkeiten besprachen, wie die Lage der Arbeiterschaft verbessert werden könne.

Durch die Beschäftigung mit der Sozialen Frage etablierte sich zwar die Idee, dass es struktureller Verbesserungen bedurfte, um den Wohlstand der Arbeiterschaft sowohl geistig als auch materiell anzuheben. Allerdings hatten die liberalen Mitglieder des Komitees eine Abneigung gegen jegliche Eingriffe des Staates in die gesellschaftlichen Verhältnisse. Dennoch hatte sein Wirken ein konkretes Ergebnis, denn das Komitee forderte erfolgreich, das Koalitionsverbot, welches eine Gewerkschaftsgründung bisher verhindert hatte, aufzuheben. Desweiteren bedeutete seine Beschäftigung mit der Sozialen Frage eine Aufwertung dieses Themas, welches sodann nicht mehr als ein anrüchiges, sondern als ein gewichtiges Problem galt, mit dem sich auch respektable Herren beschäftigen konnten.

Gleichzeitig organisierte sich auch die niederländische Arbeitnehmerschaft weiter. Im August 1869 tagte zum ersten Mal die niederländische Abteilung der 1864 in London gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation. Es zeigte sich jedoch bald, dass viele bereits existierende Arbeitervereine sich dieser Assoziation nicht anschließen wollten. Nachdem sich bei einem allgemeinen Kongress niederländischer Arbeiterassoziationen zu Pfingsten 1871 gezeigt hatte, wie groß die Unterschiede zwischen den verschiedenen Organisationen waren, gründete eine Gruppe gemäßigter Arbeiterführer im Oktober des gleichen Jahres eine eigene Föderation, den Algemeen Nederlands Werklieden Verbond (ANWV, dt. Allgemeiner Niederländischer Arbeiterverbund). Dieser sozialliberale Bund, der den 1869 in Berlin gegründeten Hirsch-Dunkerschen Gewerkvereine ideologisch nahestand, sollte der Föderation der Internationalen Konkurrenz machen, indem er versuchte, die verschiedenen berufsspezifischen Assoziationen niederländischer Arbeit-nehmer, die sich nicht bei den Sozialisten anschließen wollten, zusammenzuführen.

Damit zeigt sich, dass die niederländische Arbeiterbewegung dem Aufruf von Karl Marx aus dem Jahre 1848, ‚Arbeiter aller Länder, vereinigt euchʻ, nie gerecht geworden ist. Die Versuche, die lokalen Vereinigungen in einen einzigen Bund zusammenzuführen, scheiterten von Anfang an stets an Meinungsverschiedenheiten. Dabei spielte nicht nur der Gegensatz zwischen sozialistischen und gemäßigten Standpunkten eine bedeutende Rolle, sondern traten auch bald auch religiöse Meinungsverschiedenheiten auf.

De Werkmansbode - das Organ des ANWV
De Werkmansbode - das Organ des ANWV
© Wikimedia Commons/gemeinfrei

Religiöse Gewerkschaften

Der ANWV setzte sich vom Anfang an nicht nur für Bildung, sondern auch für materielle Verbesserungen ein. Der Bund tat dies in dem er höhere Löhne forderte, aber auch durch Konsumvereinigungen und die Herstellung von Arbeiterwohnungen . Die ersten Jahre seines Bestehens konnte er bei diesen Aktivitäten einige Erfolge vorzeigen. Daher kam Mitte der 1970er Jahre die Frage auf, ob er sich nicht auch politisch betätigen sollte. Als politische Forderungen formulierte die Anhängerschaft 1976 bei einer allgemeinen Versammlung allgemeines Wahlrecht und öffentliche, weltanschaulich neutrale Schulen.

Mit letzterer Forderung war aber die orthodox-protestantische Mitgliedschaft des ANWV nicht einverstanden. Zu diesem Zeitpunkt eiferte diese Bevölkerungsgruppe in den Niederlanden unter Anführung des charismatischen Pfarrers Abraham Kuyper  für die Gleichberechtigung privater konfessioneller und öffentlicher Schulen. Die Forderung des ANWV konterkarierte dieses Bestreben. Daher entschieden sich die orthodox-protestantischen Mitglieder des ANWV einen eigenen Verbund zu gründen. Noch im gleichen Jahr gründeten sie die Christelijke Werkliedenvereniging Patrimonium (dt. Christlicher Arbeiterverein Patrimonium), an deren Spitze der Maurer Klaas Kater trat.

Patrimonium positionierte sich zunächst als ein Verein, der sich für die geistige Bildung seiner Mitgliedschaft einsetzte. In ihrem Kreis war umstritten, ob man sich auch für materielle Ziele einsetzen dürfe. Auch nachdem man bei dem Ersten Christlich-Sozialen Kongress 1891 den Konsens herausstellte, dass materielle Umstände nicht unbeachtet bleiben dürften, blieb die Frage, welche Rolle Patrimonium dazu spielen sollte ungeklärt. Offene Konflikte mit der Arbeitgeberschaft auszutragen erachteten viele orthodoxe Protestanten als unerwünscht; lieber strebte man ein harmonisches Verhältnis innerhalb der Betriebe an. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts konnte der engagierte Pfarrer und Vorkämpfer Patrimoniums Syb Talma seine Meinung, christliche Arbeiter dürften sich gegen ungerechte Arbeitsverhältnisse aktiv zur Wehr setzen, unter seinen Glau-bensgenossen durchsetzen.

Allerdings sah sich Patrimonium als Sammelbecken verschiedenster Berufsgruppen nicht im Stande, eine derartige Zielsetzung umzusetzen. Die orthodox-protestantische Arbeiterschaft bestand aus Teilgruppen, die in Kuypers Anti-Revolutionaire Partij als politische Vertretung, in Patrimonium als geistig orientierter Arbeiterverein, im Christelijk Nationale Werkmansbond (Protestanten, die nicht mit Kuypers Anhängerschaft kooperieren wollten) und vielen kleineren berufsspezifische Verbänden organisiert waren. Die Versuche, sie in einen Verband zusammenzuführen, sollten erst 1909 mit der Gründung des Christelijk Nationaal Vakverbond (CNV, dt. Christlich-Nationaler Gewerkschaftsbund) gelingen.

Auch in katholischen Kreisen engagierten sich Arbeiter und ihnen Wohlgesonnene für gerechtere Arbeitsverhältnisse. Auch sie lehnten die Zusammenarbeit mit sozialistischen Organisationen ab und versuchten, Alternativen zu etablieren. In den 1880er Jahren war in der östlichen Region Twente, wo die Textilindustrie aufgeblüht war, vor allem der Geistliche Alphons Ariëns dabei erfolgreich. Seine Tätigkeit wurde von dem umstrittenen Stand der Arbeitervereinigungen innerhalb katholischer Kreise zunächst erheblich erschwert. 1891 prangerte jedoch Papst Leo XIII. in der Enzyklika Rerum Novarum den Sozialismus an. Folglich rief der Papst selbst die katholische Arbeiter-schaft dazu auf, sich in eigenen Verbänden zusammenzufinden.

Die Enzyklika war eine wichtige Stütze für die Initiativen von Ariëns und seine Mitstreiter, die im eigenen Lager oft kritisch betrachtet wurden. Sie gründeten verschiedene Fachabteilungen für die Arbeiterschaft vor Ort und kritisierten offen Arbeitgeber, die ihrer Meinung nach ihre sozialen Pflichten vernachlässigten. Zusätzlich zu den Fachverbänden organisierte sich die katholische Arbeiterschaft auch in katholischen Arbei-tervereinen, die das geistige Wohl in den Vordergrund stellten. Dieser Zwiespalt zwischen Fachvereinigungen als materielle Interessensvertretung und geistig orientierten Arbeitervereinen sollte die katholische Arbeiterbewegung bis in die Nachkriegszeit prägen.

Sozialistische Gewerkschaften

Die Entwicklung sozialistischer Gewerkschaften war von der Spannung zwischen verschiedenen gesellschaftspolitischen Strömungen geprägt. Während sich immer mehr Arbeiter in Gewerkschaften organisierten, stritt die sozialistische Führung um den richtigen Kurs. Zunächst sahen sich von dem Sociaal-Democratische Bond um Ferdinand Domela Nieuwenhuis politisch vertreten. Dieser Bund förderte die Bildung neuer Gewerkschaftsabteilungen und bezog diese in ihren politischen Kampf ein. Nachdem in Folge einer Wirtschaftskrise Ende der 1880er eine Streikwelle ausgebrochen war, bei der in manchen Fällen die neuen Gewerkschaften recht erfolgreich auftreten konnten, versuchten syndikalistisch gesinnte Sozialisten 1893 die Kräfte der zerstreuten Gewerkschaftsgründungen in einen gemeinsamen Dachverband zusammenzuführen, das Nationaal Arbeids-Secretariaat (NAS, dt. Nationales Arbeitssekretariat).

Als sich die Führung des NAS um die Jahrhundertwende radikalisierte, distanzierten sich parlamentarisch orientierte Sozialisten. Unter ihnen war Pieter Jelles Troelstra , der das Gesicht der 1894 gegründete Sociaal Democratische Arbeiders Partij (SDAP, dt. Sozialdemokratische Arbeiterpartei) wurde. Anfangs war die Partei Mitglied des NAS gewesen, sie trat aber 1896 aus ihm aus. An ihrer Seite fand sie die kräftige Gewerkschaft der Diamantarbeiter mit ihrem behutsamen Vorsitzenden, Henri Polak , die ebenfalls mit dem radikalen Kurs des NAS unzufrieden war.

Ferdinand Domela Nieuwenhuis
Ferdinand Domela Nieuwenhuis
© unbekannt, gemeinfrei

Anfang 1903 kam es zu einem großen Streik, bei dem unter anderem die Eisenbahner aus Solidarität mit den Amsterdamer Hafenarbeitern die Arbeit niederlegten. Daraufhin erließ die Regierung ein Gesetz, welches Streiks in öffentlichen Diensten unter Strafe stellte. Die sozialistischen Gegner dieses neuen Gesetzes riefen als Reaktion zum Generalstreik auf, der aber an Unsicherheit in den Reihen der Gewerkschafter und dem ent-schiedenen Auftreten der Regierung scheiterte. Das radikale NAS war der große Verlie-rer dieses misslungenen Streiks. Nicht nur verloren die Eisenbahner, die ihrem Aufruf gefolgt waren, ihre Stellen, sondern die Streikfähigkeit des Sekretariats stand nach dem Misserfolg grundsätzlich in Frage.

Das Prestige Henri Polaks  hingegen war im Zuge des misslungenen Generalstreiks gewachsen: seine Diamantarbeiter hatten geschlossen die Arbeit niedergelegt, hatten den Streik dank der gut gefüllten Gewerkschaftskasse auch durchhalten können. Polaks Gewerkschaft bildete daraufhin das Rückgrat der Gründung des Nederlands Verbond van Vakverenigingen (NVV, dt. Niederländischer Gewerkschaftsbund) im Jahre 1906, der sich in der Folgezeit erfolgreich als gemäßigter, sozialdemokratischer Verbund in der niederländischen Arbeiterbewegung etablierte.

Nationale Zusammenschlüsse

Der Teil der Arbeiterschaft, die ebenfalls in einer Vielzahl unabhängiger christlicher Gewerkschaften organisiert war, hatte seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts auch nach Möglichkeiten eines nationalen Zusammenschlusses gesucht. 1900 hatten Patrimoniummitglieder die Initiative zur Gründung des Christelijk Arbeiderssecretariaat (CAS, dt. Christliches Arbeitersekretariat) ergriffen. Der Zulauf zu diesem Sekretariat war aber eher gering, weil viele christlichen Gewerkschafter das CAS als einen Ableger Patrimoniums betrachteten. Ein neuer Versuch die christlichen Gewerkschaften zusammenzu-führen ging aus der interkonfessionelle Textilgewerkschaft Unitas hervor. 1909 kam es zur Gründung des Christelijk Nationaal Vakverbond (CNV, dt. Christlich-Nationaler Gewerkschaftsbund), der zunächst die in christlichen Gewerkschaften organisierte protestantische und katholische Arbeitnehmerschaft vereinte.

Diese Einheit der christlichen Gewerkschaften hielt jedoch nur kurze Zeit an. Die niederländischen katholischen Bischöfe hatten, wie auch einige ihrer Amtsbrüder in Deutschland, Bedenken gegen eine interkonfessionelle Organisation. Sie forderten den Austritt der katholischen Arbeiter aus dem CNV zugunsten separater katholischer Gewerkschaften. Diese Aufrufe hatten anfangs wenig Erfolg. Als aber die Bischöfe ein Verbot der Mitgliedschaft im CNV mit der Drohung eines Ausschlusses von den Sakramenten verbanden, hielt auch die Einheit der christlichen Arbeitnehmer nicht stand. Damit bestand die niederländische Arbeiterbewegung seit den 1910er Jahren aus drei großen Strömungen: einer sozialdemokratischen, einer protestantischen und einer katholischen.


Autor: Peter van Dam
Erstellt: Dezember 2012