III. Ausgrenzung und Einbindung (1914-1945)

Die niederländische Arbeiterbewegung konsolidierte ihre Position nach den umtriebigen frühen Jahren sowohl innerhalb der Bevölkerung als auch gegenüber dem Staatsapparat und der Arbeiterschaft. Die sozialdemokratischen, katholischen und orthodox-protestantischen Gewerkschaften wurden zu wichtigen Stützen ihrer jeweiligen Gemeinschaften. Sie zeigten sich im Ersten Weltkrieg und in der Wirtschaftkrise der 1930er zur effektiven Zusammenarbeit mit den Behörden im Stande und wurden so feste Bestandteile der sozialpolitischen Landschaft.

Die Soziale Frage war in den westeuropäischen Ländern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein vielbesprochenes Thema. Die Reaktionen seitens der Regierungen waren jedoch sehr unterschiedlich. Im jungen deutschen Kaiserreich hatte Otto von Bismarck mit einer Reihe sozialer Gesetze versucht, der sozialistischen Bewegung den Wind aus den Segeln zu nehmen. In den Niederlanden war es hingegen zu wenig Sozialgesetzgebung gekommen. Nach einem ersten Vorstoß mit einem Gesetz gegen Kinderarbeit im Jahre 1874, scheiterten ambitioniertere Versuche in den 1890er und 1900er Jahren an den unterschiedlichen Vorstellungen der politischen Richtungen. 1901 kam eine Unfallversicherung für Beschäftige in risikoreichen Berufen zustande. In den 1910er Jahren konnte der ehemalige christliche Gewerkschaftsführer Syb Talma als Minister immerhin durchsetzen, dass der Staat für kranke und arbeitsunfähige Arbeitnehmer und für eine Rentenregelung zuständig wurde, wenngleich die Regelungen in der Praxis zunächst auf ein absolutes Minimum beschränkt wurden.

Das Ausbleiben umfassender sozialer Gesetzgebung legt den Schluss nahe, dass die Gewerkschaftsbewegung in den Niederlanden keinen großen Einfluss auf die Regierungen ausüben konnte. Einerseits trifft diese Beobachtung insofern zu, als die Dreiteilung der Gewerkschaftsbewegung eindeutige Stellungnahmen und ein effektives Unter-Druck-Setzen der Zuständigen erschwerte. Andererseits war aber gerade die starke Position der Gewerkschaften ein Grund für die Zurückhaltung der zuständigen Politiker. So strebte Talma bei seiner Gesetzgebung an, dass die Gewerkschaften mittels Arbeitsräten Einfluss auf die Verteilung der Finanzmittel hätten. Lieber wollten er und Gleichgesinnte die Tragkraft der Gewerkschaften in Anspruch nehmen und diese vergrößern, als sie durch direkte staatliche Beziehungen zu den Arbeitnehmern zu übergehen.

Gewerkschaftsführer Syb Talma als Briefmarke 1936
Gewerkschaftsführer Syb Talma als Briefmarke 1936
© Wikimedia Commons/gemeinfrei

Das Ausbleiben umfassender sozialer Gesetzgebung legt den Schluss nahe, dass die Gewerkschaftsbewegung in den Niederlanden keinen großen Einfluss auf die Regierungen ausüben konnte. Einerseits trifft diese Beobachtung insofern zu, als die Dreiteilung der Gewerkschaftsbewegung eindeutige Stellungnahmen und ein effektives Unter-Druck-Setzen der Zuständigen erschwerte. Andererseits war aber gerade die starke Position der Gewerkschaften ein Grund für die Zurückhaltung der zuständigen Politiker. So strebte Talma bei seiner Gesetzgebung an, dass die Gewerkschaften mittels Arbeitsräten Einfluss auf die Verteilung der Finanzmittel hätten. Lieber wollten er und Gleichgesinnte die Tragkraft der Gewerkschaften in Anspruch nehmen und diese vergrößern, als sie durch direkte staatliche Beziehungen zu den Arbeitnehmern zu übergehen.

1.    Weltkrieg

Die Gewerkschaften positionierten sich ihrerseits als verlässliche Partner. Obwohl die Niederlande nicht aktiv am Ersten Weltkrieg teilnahmen, verursachte dieser dennoch erhebliche gesellschaftliche Einbrüche. Die Armee war über vier Jahre lang mobilisiert, während es immer schwieriger wurde, Rohstoffe und Nahrungsmittel zu importieren und den wirtschaftlich äußerst bedeutsamen internationalen Handel weiterzuführen. Bereits 1914 meldete beispielsweise die Gewerkschaft der Diamantarbeiter, dass nur noch ca. fünf Prozent ihrer Mitglieder eine Beschäftigung hätten. In weniger luxusorientierten Branchen waren die Zahlen nicht ganz so dramatisch, aber aus einer gesamtwirtschaftlichen Sicht war die Lage zweifellos besorgniserregend.

Um die schwierige gesellschaftliche Lage in den Griff zu bekommen, suchte die Regierung verstärkt die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen. Die Gewerkschaften waren dabei wichtige Ansprechpartner. Sie bekamen eine bedeutsame Rolle bei der Verteilung des Arbeitslosengeldes: eine Notregelung ermöglichte es, von staatlicher Seite Zuschüsse für die Gewerkschaftskassen bereitzustellen, damit diese die Arbeitslosen angemessen unterstützen konnten. Die gut organisierten Gewerkschaftszentralen übernahmen diese Aufgabe erfolgreich. Sie wurden auch in das Koninklijk Nationaal Steuncomité (KNSC, dt. Königliches Nationales Unterstützungskomitee) berufen, das zur Abhilfe der Not, die durch den Ersten Weltkrieg ausgelöst wurde, von Königin Wilhelmina ins Leben gerufen worden war. Dieses Komitee organisierte unter anderem die Hilfe für diejenigen, die keiner Gewerkschaft angehörten, und für Langzeitarbeitslose.

Die engere Zusammenarbeit von Gewerkschaften und Behörden führte zu einer Aufwertung der gesellschaftlichen Stellung der Arbeitnehmerverbände. 1917 institutionalisierte ein neues Arbeitslosigkeitsgesetz die in der Notregelung bereits akzeptierte Kooperation von Staat und Gewerkschaften: indem der Staat die Beitragszahlungen der Arbeitnehmer in die gewerkschaftlichen Arbeitslosenversicherungen subventionierte, erhielten die Gewerkschaften die Zuständigkeit über die Auszahlung des Arbeitslosengeldes. Das faktische Monopol auf Arbeitslosigkeitsversicherung stärkte die Stellung der Gewerkschaften, die sich über einen Zulauf neuer Mitglieder erfreuen konnten. Gleichzeitig wurde ihre Eigenständigkeit durch diese neue Regelung jedoch eingeschränkt: staatliche Behörden kontrollierten ob die Empfänger des Arbeitslosengeldes tatsächlich arbeitslos waren und prüften die Haushaltsübersichten der Gewerkschaftskassen.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zeigte sich, dass die niederländischen Gewerkschaften die im Krieg errungene Stellung größtenteils erhalten konnten. Zwar wurden viele Komitees, die zur Koordination der vom Krieg verursachten Nöte gegründet worden waren, aufgehoben. Das Zutrauen, das die Gewerkschaften durch die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Behörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen 1914–1918 erworben hatten, blieb aber erhalten und materialisierte sich in neuen Initiativen.

Zwischenkriegszeit

Paradoxerweise bestätigte die aufsehenerregende Ankündigung des sozialdemokratischen Parteiführers Pieter Jelles Troelstra 1918, die Bourgeoisie werde zusammenbrechen, diese Tendenz der Einbindung in die gefestigten Strukturen. Weder die konfessionellen, noch die sozialdemokratischen Gewerkschaften scharten sich hinter Troelstras Revolutionsbestreben. Damit lieferten sie einen neuen Beweis ihrer Vertrauenswürdigkeit, während auch die Dringlichkeit angemessener Sozialgesetzgebung in den Augen der Regierungsparteien erhöht wurde.

Unter diesem Vorzeichen kam es 1919 zur Gründung des Hoge Raad voor de Arbeid (dt. Hoher Rat der Arbeit), in dem Vertreter der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände gemeinsam mit Delegierten der Regierung über Fragen der Arbeit und Sozialgesetzgebung berieten. Ein solches geregeltes Verhältnis zwischen diesen drei Gruppen hatte es zuvor noch nicht gegeben. Auch wenn die Beratungen in diesem Rahmen einen unverbindlichen Charakter hatten, so markierten sie doch einen bedeutenden weiteren Schritt hin zur Akzeptanz und Einbindung der Gewerkschaften. Solche Schritte waren auch ein Gesetz aus 1927, das die Bedingungen festlegte, die Tarifverträge erfüllen mussten, und ein ergänzendes Gesetz, das es zehn Jahre später ermöglichte, solche Tarifverträge für das ganze Land für verbindlich zu erklären.

Die Einbindung der Gewerkschaften in die staatlichen Strukturen war Teil einer Fortschreitenden wechselseitigen Durchdringung von Staat und Zivilgesellschaft, die sich in den 1920er und 1930er Jahren in den Niederlanden immer weiter ausprägte. Orthodoxe Protestanten, Katholiken und Sozialdemokraten hatten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts umfassende Netzwerke eigener Organisationen aufgebaut. Die Grenzen dieser Netwerke waren stets umstritten, wie der Konflikt zwischen Bischöfen und katholischen Arbeitnehmenden über die Frage, ob interkonfessionelle Gewerkschaften wünschenswert seien, bereits zeigte. Die Organisation in segmentierten Gemeinschaften hat in den Niederlanden auch deshalb nie die ganze Gesellschaft umfasst.

Weil aber Katholiken, Sozialdemokraten und orthodoxe Protestanten seit der Reform des Wahlrechts 1917 über eine parlamentarische Mehrheit verfügten, konnten sie das Modell des segmentierten Pluralismus gegen den Willen ihrer Gegner vorantreiben. Zu der vor allem von orthodoxen Protestanten und Katholiken befürworteten Strategie gehörte es, ihre weltanschaulich geprägten Organisationen möglichst viel Verantwortung tragen zu lassen. Zu diesem Bestreben passte die konstitutive Rolle der Gewerkschaften in der Zwischenkriegszeit genauso wie die 1930 nach langem Streit beschlossene Rundfunkgesetzgebung, von der die verfügbare Sendezeit über die verschiedenen Rundfunkvereine verteilt wurde.

Die gesellschaftliche Segmentierung, auch ‚verzuilingʻ (dt. Versäulung)  genannt fand weder die Zustimmung der gesamten Bevölkerung, noch führte sie in den Gemeinschaften der Katholiken, Sozialdemokraten und orthodoxen Protestanten zu Einheitlichkeit. Das Verhältnis zwischen SDAP und NVV war immer wieder von Spannungen geprägt, sowie es auch das Verhältnis vom CNV zu den verschiedenen protestantischen Parteien war. Innerhalb der katholischen Gemeinschaft bestanden sehr unterschiedliche Auffassungen über das Verhältnis von katholischen Gewerkschaften, welche die Vertretung materieller Interessen übernehmen sollten, und katholischen Arbeitervereinen, die von den Bischöfen für das geistige Wohl der Arbeitsbevölkerung zuständig erklärt worden war. Die Frage, ob nicht die Gewerkschaften auch letztere Aufgabe übernehmen könnten, und ob Mitgliedschaft in Arbeitervereinen für Mitglieder der Gewerkschaften verpflichtet sei, spalteten die katholischen Reihen.

Trotz in den 1920er und 1930er immer stärker geregelten Verhältnisses zwischen Arbeitnehmer-, Arbeitgeberverbände und Staat war die Zwischenkriegszeit nicht von einem anhaltenden Arbeitsfrieden geprägt. Nachdem die Wirtschaft sich ab 1918 zunächst rasch erholte, versuchten Arbeitgeber eine wirtschaftliche Stagnierung Anfang der 1920er mit einem Senken der Löhne zu bekämpfen. Es folgten Streiks, die jedoch die Versuche der Lohnsenkung nur mäßigen und nicht verhindern konnten.

Die weltweite Wirtschaftskrise, die auf den schwarzen Donnerstag an der New Yorker Börse im Oktober 1929 folgte, brachte auch die niederländischen Arbeitnehmenden in große Schwierigkeiten. Die niederländische Regierung verweigerte eine Abwertung der niederländischen Münze. Diese Weigerung erschwerte nicht nur eine Beendigung der wirtschaftlichen Rezession, sondern verschlimmerte die Lage für die Arbeitnehmer noch, weil für die Arbeitgeber das Senken der Löhne eine der wenigen Möglichkeiten war, ihre Betriebe aufrechtzuerhalten.

In dieser Lage war es für die Gewerkschaften ungemein schwierig, eine Haltung einzunehmen. Einerseits waren Streiks aussichtslos, andererseits hatten ihre Mitglieder schwer zu leiden. Während die Gewerkschaftszentralen in der Praxis eine Senkung der Löhne nicht verhindern konnten, erarbeitete die Spitze des NVV zusammen mit Vertretern des SDAP den ‚Plan van de Arbeidʻ (dt. Plan der Arbeit), der einen Ausweg aus der Rezession durch eine Keynesianische Politik der Staatsinvestitionen aufzeigte. Zu einer Umsetzung ihrer Vorschläge sollte es vor 1940 jedoch nicht kommen, zumal die SDAP seit ihrem misslungenen Revolutionsaufruf bis 1939 in der nationalen Politik weitgehend ausgegrenzt wurde.

2.  Weltkrieg

Nachdem die Niederlande Mai 1940 von deutschen Truppen besetzt worden waren, schien die Situation für die niederländischen Gewerkschaften zunächst nicht aussichtslos. Der Besatzer verkündete ein Streikverbot und verbot auch das NAS, aber der sozialdemokratische, katholische und protestantische Gewerkschaftsbund mussten ihre Arbeit nicht einstellen. Im Juli 1940 bekam jedoch der NVV die Anweisung den niederländischen Nationalsozialisten Hendrik Jan Woudenberg als Kommissar zugewiesen, der die Führung des Gewerkschaftsbundes damit übernahm. Trotz leiser Proteste setzten viele Vertreter des NVV ihre Gewerkschaftsarbeit zunächst fort. Manche spekulierten sogar, dass es in dieser Situation möglich sein würde, die niederländischen Gewerkschaften zu einen, in dem die weiterhin aktiven konfessionellen Organisationen angegliedert werden könnten.

Alle Gewerkschaften verhielten sich erneut zurückhaltend, als Amsterdamer Arbeiter Februar 1941 aus Solidarität mit verhafteten jüdischen Mitbürgern einen Streik  antraten. Lange sollte aber auch dieses umsichtige Verhalten ihnen nichts nützen: im Juli 1941 wurde Woudenberg auch zum Kommissar der konfessionellen Gewerkschaften ernannt. Damit wurde die bis dahin erhaltene Eigenständigkeit dieser Organisationen de facto beendet. Prinzipientreue CNV-Mitarbeiter weigerten sich unter diesen neuen Bedingungen zu arbeiten, was die Besatzungsbehörden zur Aufhebung des protestantischen Gewerkschaftsbundes veranlasste. Auch viele katholische Gewerkschafter wollten, dazu aufgerufen von ihren Bischöfen, die Aufsicht Woudenbergs nicht akzeptieren. Die Stellen derjenigen, die austraten, besetzte Woudenberg mit Mitarbeitern aus dem von ihm seit längerem kontrollierten NVV, mit dem die katholische Gewerkschaftsbewegung nun gezwungenermaßen fusionierte.

Die letzte Etappe in der Gleichschaltung der niederländischen Gewerkschaftsbewegung kam am 1. Mai 1942. Nach deutschem Modell wurde angeordnet, der NVV solle in die Nederlands Arbeidsfront (dt. Niederländische Arbeitsfront) aufgehen. Daraufhin traten auch die meisten NVV-Funktionäre von ihren Posten zurück. Viele Mitglieder kündigten ihre Zugehörigkeit zur Gewerkschaft. Die Kompromittierung von NVV-Mitgliedern durch Kooperation mit den Nationalsozialisten bis zu diesem Zeitpunkt sollte in der Nachkriegszeit noch wiederholt zu Polemiken in der Gewerkschaftsbewegung führen. Dennoch arbeiteten die ehemaligen Spitzenfunktionäre der drei großen Gewerkschaftsbünde bereits während der Besatzung an Plänen für eine neue Ordnung nach dem erhofften Ende der deutschen Herrschaft. Die Zusammenarbeit der Gewerkschaftsorganisationen untereinander und eine gute Zusammenarbeit mit der Arbeitgeberschaft waren dabei wichtige Ziele.


Autor: Peter van Dam
Erstellt: Dezember 2012