II. Die Wertschöpfungskette Fleisch: Ein grenzüberschreitend integrierter Markt

Bevor der Verbraucher Frischfleisch oder Wurstwaren im Handel erwerben kann, müssen viele Arbeitsschritte entlang einer komplexen Wertschöpfungskette vollzogen werden. Am Anfang steht die tierische Erzeugung mit Zucht, Aufzucht und Mast, es folgen Schlachtung, Zerlegung bis hin zur Weiterverarbeitung zu Frischfleisch, Wurst und einer breiten Palette an industriellen Produkten. In nordwesteuropäischen Ländern ist der Produktionsablauf „From Farm to Fork“ hoch spezialisiert und einer Vielzahl von sensiblen Qualitätskontrollen unterworfen.

Im deutsch-niederländischen Grenzgebiet ist die Menge an Nutztieren und Produktionsstätten im Vergleich zu allen anderen EU-Mitgliedsstaaten enorm hoch konzentriert. Längst ist über die Landesgrenze hinweg ein erfolgreicher gemeinsamer Markt entstanden, dessen Produkte regional, national und international verkauft werden. Betrachtet man die verschiedenen Wertschöpfungsketten im Grenzgebiet, so findet man eine zunehmend arbeitsteilige Produktion, die ein gigantisches Transportaufkommen zur Folge hat. In der Schweinefleischproduktion fällt auf, dass die deutschen Mastbetriebe immer stärker auf niederländische Ferkelerzeuger angewiesen sind, während Geflügel hauptsächlich in Deutschland gemästet und in den Niederlanden geschlachtet wird. Kalbfleisch wiederum wird in den Niederlanden produziert und in Deutschland gegessen.

Diese intensive Form der grenzüberschreitenden Wertschöpfung beinhaltet natürlicherweise auch Risiken für die Unternehmer beider Länder: Zu den wesentlichen Herausforderungen bei der Aufrechterhaltung der Produktion zählt die Gefährdung durch hoch ansteckende Tierseuchen und zoonotische Erkrankungen. Dabei sind mit Gefährdung vor allem wirtschaftliche Risiken gemeint, denn die Mehrheit der für das Tier relevanten Krankheitserreger ist für die menschliche Gesundheit bedeutungslos. So genannte Tierseuchen traten im deutsch-niederländischen Grenzgebiet zuletzt mit dem Ausbruch der Klassischen Schweinepest (2006), sowie mit der Blauzungenkrankheit (2006), dem Q-Fieber (2007) und dem Schmallenberg-Virus (2012) auf.

Starke Viehbestände

Um die enorme Konzentration an Nutztieren auf beiden Seiten der Grenze besser nachzuvollziehen, muss man sich nur die statistischen Jahresberichte der Branchenverbände anschauen. Nach Ergebnissen der repräsentativen Erhebung über die Viehbestände (Stand Mai 2013) verfügt Deutschland derzeit über 27,7 Millionen Schweine, 12,6 Millionen Rinder sowie 1,6 Millionen Schafe. Während der Schweinebestand um insgesamt 2,6 Prozent geringer ausfiel als noch im Vorjahr, hat sich der Rinderbestand in Deutschland insgesamt um 0,6 Prozent vergrößert. Der Schafbestand sank um 1,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Bestände steigt zwar in den vergangenen Jahren wieder leicht an, aber der generelle Trend ist mehr als eindeutig: Waren im Jahr 1990 in Deutschland noch 34.178 Schweinebestände registriert, so waren es im Jahr 2012 nur noch 28.331. Die Struktur der Schweinehaltung in Deutschland ist dabei sehr unterschiedlich. Die größten Bestände finden sich in den neuen Bundesländern, wo nahezu 90 Prozent der Tiere in Anlagen mit mehr als 1.000 Tieren gehalten werden. Auch in Niedersachsen stehen etwa 50 Prozent der Tiere in großen Anlagen. In Süddeutschland ist das Verhältnis jedoch beinahe umgekehrt: Hier werden fast 80 Prozent der Schweine in Beständen kleiner als 1.000 Tiere gehalten.

Ein Großteil der Tiere steht jedoch in direkter Nähe zur niederländischen Grenze. Die Hälfte der deutschen Schweine wird im Nordwesten gemästet. Fast jedes dritte von den bundesweit etwa 27,7 Mio. Schweinen steht in einem niedersächsischen Stall. Besonders stark ist die Tierhaltung in den Landkreisen Emsland, Cloppenburg und Cuxhaven. Sie zählen bundesweit zu den Landkreisen mit der höchsten Viehbesatzdichte. Unter zwölf Landkreisen, die bundesweit diesen Titel tragen, sind neben den drei genannten mit Osnabrück, Vechta, Rotenburg-Wümme und Diepholz insgesamt sieben in Niedersachsen gelegen. In NRW zählen die nördlich gelegenen Kreise Borken, Steinfurt, Coesfeld und Warendorf zu den Topregionen in puncto Nutzviehhaltung. Ähnlich verhält es sich bei den Landkreisen mit der höchsten Viehbestandsdichte. Gemeint ist die Zahl der Tiere im Verhältnis zur Fläche. Hier rangiert das Oldenburger-Münsterland mit den Landkreisen Vechta und Cloppenburg unangefochten an der Spitze, gefolgt von der Grafschaft Bentheim, Wesermarsch, Friesland, Cuxhaven und dem Emsland. Sie bilden den so genannten Nordwestgürtel, der von Schleswig-Holstein über Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (wiederum Borken, Coesfeld, Warendorf und Steinfurt) bis in die benachbarten Niederlande reicht. Diese Region ist wirtschaftlich betrachtet sehr erfolgreich.

In den Niederlanden verzeichnet man eine vergleichbare Entwicklung. Im Jahr 1990 standen hier noch 13.788 Schweine haltende Bestände, in 2012 waren es nur noch 12.104. Die Niederlande – in ihrer Fläche etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen – halten rund 12 Millionen Schweine, 2,4 Millionen Rinder und 1,1 Millionen Schafe. Damit ist der Schweinebestand im Vergleich zu den Vorjahren leicht angestiegen, der Rinder- sowie der Schafbestand haben jedoch leicht nachgelassen. Auch hier steht die Mehrheit der Nutztiere an der deutschen Grenze im Süd-Osten des Landes. Die meisten Betriebe stehen in den Provinzen Noord-Brabant, Limburg, Gelderland und Overijssel. Gleiches gilt auch für die Schlacht- und Weiterverabeitungsbetriebe. Seit dem Jahr 2000 ist der Anteil der Schweine haltenden Betriebe um 49 Prozent auf rund 4.000 Betriebe im Jahr 2012 gefallen. In diesem Zeitraum verringerte sich auch die Fläche, die die Betriebe beanspruchen um 23 Prozent. Trotzdem stieg der Zahl der Tiere im gleichen Zeitraum um etwa 7 Prozent an. Dies liegt unter anderem auch an der stetig wachsenden Zahl so genannter Mega-Betriebe. Die Zahl der Betriebe, auf denen mehr als 5.000 Tiere gehalten werden, stieg in den Jahren 2009 und 2010 von 113 auf 133. Die Mehrheit dieser Großbetriebe steht in der Provinz Noord-Brabant (74 Betriebe).

Grenzüberschreitende Geschäfte

Die Niederlande sind eine Handelsnation mit großer Tradition. Dies trifft auch auf den Agrarsektor zu. Mit stetig wachsender Beständigkeit beliefern die Niederlande ihre deutschen Nachbarn mit Nutztieren. Die imposante Entwicklung der grenzüberschreitenden Geschäftsbeziehungen wurde einmal mehr im aktuellen Jahresbericht des niederländischen Branchenverbands Productschappen Vee, Vlees en Eieren (PVE) hervorgehoben. Während im Jahr 1995 der Anteil der nach Deutschland exportierten Ferkel bei lediglich 13,4 Prozent lag, stieg die Zahl über die Jahre beständig an bis zu einem zwischenzeitlichen Spitzenwert von 50,4 Prozent im Jahr 2009: Jedes zweite Ferkel, das in den Niederlanden erzeugt wird, geht somit nach Deutschland. In der Kategorie Schwein (Mastschweine, Zuchtschweine, Sauen) sind die Zahlen noch beeindruckender, wenngleich hier die Menge der Tiere bei Weitem nicht so hoch ist wie in der Kategorie Ferkel: Im Jahr 2009 liegt der Exportanteil bei 75,4 Prozent. Dies liegt daran, dass die Niederlande rein strukturell immer stärker auf deutsche Schlachthöfe angewiesen sind. Im Gegenzug benötigen deutsche Mastbetriebe, wie eingangs bereits erwähnt, immer mehr Ferkellieferungen aus den Niederlanden, um ihre Produktionskapazitäten auszuschöpfen. Will man die Arbeitsteilung innerhalb der Wertschöpfungskette verkürzt darstellen, so kann man sagen, dass die Niederlande die Ferkel erzeugen, während die Mast und die Schlachtung in Deutschland stattfinden.

Im Handel mit Schweinefleisch nimmt Deutschland innerhalb der EU eine Art Schlüsselposition ein: Die Importe von Schweinefleisch sind hier seit Jahren konstant und hoch. Der Großteil kommt aus den Niederlanden, aus Dänemark und aus Belgien. Auch im Bereich Lebendimporte bedient man sich vor allem in den Niederlanden. Der überwiegende Anteil sind Ferkel. Seit 2005 sind die Ausfuhren von Schweinefleisch höher als die Einfuhren. Die Niederlande sind hier nach Italien der zweitgrößte Markt. Doch vor dem Hintergrund steigender Produktionsmengen gewinnt der Handel mit Drittländern immer mehr an Bedeutung. Derzeit sind die wichtigsten Absatzländer China und Russland. Gleiches gilt für die Niederlande: Vor allem der Export lebender Tiere nach Russland und nach Hongkong hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen.

Immer größere Schlachthöfe

In den Wertschöpfungsketten der Fleischwirtschaft dominieren nur noch wenige große Schlachtunternehmen. Die drei marktführenden Unternehmen – Tönnies, VION und Westfleisch – sind inzwischen für die Schlachtung von deutlich mehr als 50 Prozent der deutschen Schweine zuständig. Im Vergleich ist die Zahl der landwirtschaftlichen Erzeugerbetriebe zwar deutlich höher, aber auch diese nimmt im Zuge des landwirtschaftlichen Strukturwandels kontinuierlich ab. Für die Vermarktung der Tiere werden im Wesentlichen zwei verschiedene Modelle verwendet: Die Tiere gelangen entweder auf direktem Wege vom Landwirt zum Schlachthof, oder aber der Landwirt schaltet einen Viehhändler als Transferstelle ein. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass in Deutschland die zweistufige Vermarktung von Schlachtvieh bevorzugt wird. Viele Betriebe sind zu diesem Zweck an eine Erzeugergemeinschaft (EZG) oder eine Viehverwertungs- bzw. Viehvermarktungsgenossenschaft (VVG) angeschlossen oder sie bedienen sich einer Organisation des privaten Viehhandels.

In den Niederlanden ist die VION-Gruppe klarer Marktführer im Bereich Schlachtung von Rindern und Schweinen. Drei der sechs größten Schlachthöfe – diese schlachten jährlich jeweils mehr als 1 Millionen Tiere – befanden sich im Jahr 2009 im Besitz des Unternehmens, dass auch den deutschen Markt zu seinen Kerngeschäften zählt. Zusätzlich zur Schlachtung betreibt das in 2003 gegründete Unternehmen auch Fleischverarbeitung und Verwertung von Nebenprodukten (z.B. Gelatine). Im Jahr 2012 realisierte die VION Food Group einen Umsatz von 9.7 Milliarden Euro. Anfang 2013 beschäftigte VION rund 21.000 Mitarbeiter. Die Gruppe ist nicht an der Börse notiert. Sie verfügt über einen Teilhaber aus der Landwirtschaft: es handelt sich dabei um die Zuidelijke Land- en Tuinbouworganisatie (ZLTO) mit insgesamt 16.500 Mitgliedern.

Brutaler Wettbewerb um Absatzmärkte

Doch seit nunmehr einigen Jahren zeichnet sich ein negativer Trend ab: War die Fleischproduktion jahrelang ein klarer Wachstumsmarkt, so verzeichnet die Branche im eigenen Lande mittlerweile stagnierende bzw. rückläufige Absatzwerte. Immer mehr Menschen reduzieren ihren Fleischkonsum – sei es aus gesundheitlichen Motiven oder aufgrund von immer wiederkehrenden Berichten über Skandale. Ein zunehmend schwieriger Markt, sagen viele Fachleute. Forderungen nach mehr Tierwohl und Nachhaltigkeit bestimmen die aktuelle Diskussion in beiden Ländern und lassen aus Sicht der Erzeuger höhere Produktionskosten befürchten. Die Wachstumschancen sehen daher viele Unternehmen der Fleischwirtschaft im asiatischen Raum. Nicht nur in China steigt die Nachfrage nach Fleisch gewaltig. Doch es waren gerade die Chinesen, die erst kürzlich mit der Milliarden-Übernahme eines US-Konzerns für einen gewaltigen Paukenschlag sorgten: Für sieben Milliarden Dollar kaufte Chinas größter Schweinefleischproduzent Shuanghui den weltweit größten Hersteller von Schweinefleisch Smithfield: Dieser bedient insgesamt allein 25 Prozent des US-Schweinefleischmarktes und ist auch in Europa mit verschiedenen Marken vertreten.

Experten in den Niederlanden und Deutschland sehen in diesem Deal zunächst ein Signal für die weitere Entwicklung des globalen Marktes. Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden in den kommenden Jahren zwangsläufig folgen: Noch mehr Wettbewerb, noch mehr Preisdruck. Ob ihre eigenen Unternehmen, die mehrheitlich mittelständisch organisiert sind, überhaupt die Finanzkraft und den Willen haben, sich im asiatischen Markt zu etablieren, ist derzeit mehr als fraglich. In bestimmten Sparten gelingt dies bereits jetzt sehr gut: Schweineohren, Nasen und Pfoten lassen sich in China bestens verkaufen. Perspektivisch wird man sich aber fragen müssen: Will man im weltweiten Preiskampf um große Wachstumsmärkte bestehen oder richtet man seine Produktion lieber verstärkt auf Märkte und Konsumenten aus, die einen hohen Qualitätsanspruch haben? Entscheidend wird sein, was dem Verbraucher der eigene Qualitätsanspruch wert ist, denn höhere Standards kosten mehr Geld.

Risikofaktor Tierseuche

Zusätzlich zu den Risiken, die der Wettbewerb um globale Märkte mit sich bringt spielen Faktoren wie hoch ansteckende Tierseuchen eine wesentliche Rolle bei der Produktion von Fleisch. Von besonderer Bedeutung – und dies zeigte sich vor allem im Verlauf des Schweinepestgeschehens im Jahr 2006 in den Landkreisen Borken und Recklinghausen – ist Deutschland für die Niederlande nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch als Transportkorridor auf dem Weg in andere Länder. Wird ein Teil Deutschlands – so wie im Frühjahr 2006 der Fall – aufgrund von Seuchenbekämpfungsmaßnahmen gesperrt, müssen die niederländischen Unternehmen ihre Produkte zwischenlagern oder anderweitig absetzen. Wirtschaftliche Einbußen sowie Tiergesundheitsprobleme sind in diesen Fällen auf beiden Seiten nahezu unvermeidbar.

Die einzelnen Betriebsarten – von der Erzeugung bis zur Mast – sind strukturell nicht auf einen längeren Verbleib der Tiere ausgelegt. Wenn zum Beispiel ein Schwein das Schlachtgewicht erreicht hat, muss es umgehend zum Schlachthof gebracht werden. Ist dies aufgrund von Transportverboten nicht möglich, platzt der Betrieb schon in kurzer Zeit wortwörtlich aus allen Nähten. Es wird schlichtweg eng im Stall. Wird der Transport wieder freigegeben, haben die Unternehmen zusätzlich mit Gewinneinbußen zu rechnen: Zu schwere Tiere erzielen eben nur noch geringe Preise. Sowohl das staatliche als auch das privatwirtschaftliche Risiko- und Krisenmanagement ist immer mehr um intelligente Lösungen bemüht, um den Schaden im Krisenfall sowohl für die Tiere als auch für die betroffenen Unternehmer so gering wie möglich zu halten.

Autor: Dr. Oliver Breuer
Erstellt: Juli 2014