V. Tierwohl, Nachhaltigkeit und Antibiotikareduktion: Die Niederlande und Deutschland auf dem Weg zur Agrarwende?

Im Mai 2012 stellte der Deutsche Bauernverband (DBV) eine Emnid-Untersuchung zum Thema „Image der deutschen Landwirtschaft“ vor. Ein Ergebnis dieser breit angelegten, repräsentativen Umfrage verdeutlicht sehr gut das Dilemma, in dem sich Landwirte nicht nur in Deutschland in zunehmender Weise befinden. Immer mehr Verbraucher erwarten einerseits preisgünstige Produkte, fordern aber andererseits maximale Qualität, nachhaltige Produktionsbedingungen sowie einen aus ihrer Sicht moralisch angemessenen Umgang mit den Nutztieren.

Bedenkt man die Summe dieser Forderungen, so ist nur schwer vorstellbar, dass ein Unternehmer dauerhaft die Qualität seiner Produkte erhöhen und dabei den Preis senken kann. Erst recht, wenn er dabei auch noch nachhaltig mit lebendigen Wesen arbeiten möchte oder soll. Der Verbraucher muss sich also entscheiden: Schaue ich zu allererst auf den Preis, oder suche ich mir das in meinen Augen ideale Qualitätsprodukt? Es ist eine Entscheidung zwischen preiswerten und wertvollen Produkten.

Fest steht dabei längst: Die öffentliche Debatte um die Qualität von Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs verläuft sehr emotional und nicht selten auch unsachlich. Fest steht weiterhin: In weiten Teilen der Bevölkerung gibt es ein enormes Misstrauen gegenüber den Unternehmen der Fleischbranche bzw. der Lebensmittelindustrie, was ganz gewiss kein rein deutsches Phänomen. In den Niederlanden zeigt sich ein entsprechendes Bild. Dort ist seit 2006 mit der Partij voor de Dieren (PvdD) sogar eine politische Partei im Parlament vertreten, deren exklusives Ziel es ist, Tierrechte im niederländischen Grundgesetz zu verankern und Missstände innerhalb der industriellen Tierhaltung zu beheben.

Auch in Deutschland gibt es eine Tierschutzpartei (bereits seit 1993), jedoch hat diese bei Bundestagswahlen nie mehr als 1,3 Prozent der Stimmen erreichen können. Zudem treten in beiden Ländern immer mehr Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) auf den Plan, die sich innerhalb der Lebensmittelkette ihre kritische Nische suchen und die Bevölkerung über ihr Meinungsbild informieren: etwa PETA, Vier Pfoten, Wakker dier oder Dierenbescherming. Während sich einige NGOs auf die reine und grundsätzliche Kritik an industrieller Tierhaltung beschränken, beteiligen sich andere in konstruktiver Weise an einem Dialog, der in den vergangenen Jahren weitere Themen hervorgebracht hat, mit denen Forderungen nach Verbesserungen zum Ausdruck gebracht werden: Neben dem Tierschutz bzw. Tierwohl, geht es vor allem um mehr Nachhaltigkeit und weniger Antibiotokaeinsatz bei Nutztieren aus der Sorge vor Resistenzbildungen beim Menschen.

Betrachtet man das Ausmaß der medialen Berichterstattung sowie die daraus folgende öffentliche Kritik an der Agrar- und Ernährungsbranche, so muss man sich fragen, ob wir vor einer neuerlichen Agrarwende stehen oder ob es sich bei der Debatte lediglich um eine Mode handelt? Um Licht ins Dunkel zu bringen, soll in diesem Beitrag sowohl auf niederländischer als auch auf deutscher Seite zwei zentralen Fragestellungen nachgegangen werden: Zum einen, wo die Ursachen für das große Misstrauen vieler Bürger gegenüber der modernen Nutztierhaltung liegen. Ist es berechtigt oder sind viele Bürger das Opfer einer medialen Panikmache? Zum anderen stellt sich die Frage, wie es um die Möglichkeiten der Verbesserung in den genannten Schwerpunktthemen gestellt ist bzw. welchen Preis der Verbraucher für eine etwas „bessere“ Welt zu zahlen hätte?

Zunächst zu den Ursachen: Nachdem in den Medien beider Länder immer häufiger über angebliche Missstände in Tierbeständen berichtet wurde, sorgen sich immer mehr Bürger um das Wohlbefinden unserer Nutztiere. Da die Mehrheit der Bevölkerung jedoch über wenig bis kein Fachwissen im Bereich Tierhaltung und Lebensmittelproduktion verfügt, ist man stark von der Interpretation der Medien bzw. von seinem persönlichen Bauchgefühl abhängig. Die Meinungen der Landwirte und der Verbraucher gehen jedenfalls immer weiter auseinander.

Eine Studie der Universität Göttingen aus dem Jahr 2012 zeigt beispielhaft die Diskrepanz zwischen der Branchenentwicklung und den Vorstellungen vieler Verbraucher, indem sie die Assoziationen von Konsumenten zum Begriff Massentierhaltung ermittelt und analysiert. Es zeigt sich, dass der Begriff extrem negativ assoziiert wird, ohne dass viele Verbraucher überhaupt verstehen, worum es sich dabei handelt. Etwa 90 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass ein Stall mit 40.000 Masthähnchen niemals tiergerecht sein könne. Entsprechende Haltungsformen seien demnach abzulehnen. Kaum jemand wusste, dass es sich hierbei um die in Deutschland übliche Stallgröße handelt. Einige wenige Anlagen verfügen sogar über bis zu 600.000 Mastplätze. Um konventionelle Fleischprodukte preiswert erzeugen zu können, sind kleinere Ställe eben nicht geeignet.

Die aktuelle Viehzählung belegt diesen Trend: Während die Zahl der Schweine in Deutschland mit 27,7 Millionen Tieren im Vergleich zum Vorjahrestermin nur leicht (-1,6 %) zurückging, verringerte sich die Anzahl der Betriebe um 7 Prozent auf nun 28.100 Halter. Bei den Rindern verhält es sich ähnlich: Mit 12,6 Millionen Rindern wurden fast 1 Prozent mehr Tiere in Deutschland gehalten als zur Vorjahreszählung. Im Gegensatz dazu reduzierte sich die Zahl der Betriebe mit Rinderhaltung weiter um 3 Prozent auf jetzt rund 158.000 Betriebe.

In den Niederlanden ergibt sich gegenwärtig ein vergleichbares Bild. In einer großen Umfrage der nördlichen Land- en Tuinbouw Organisatie (LTO Noord) bestätigt etwa die Hälfte der Befragten, dass sie die intensive Tierhaltung kategorisch ablehnen. Ebenfalls vergleichbar zur deutschen Situation: Besonders beunruhigend findet man den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung sowie die Tatsache, dass nicht genug unternommen würde für das Tierwohl. Aber ist man dort bereit, für mehr Qualität auch mehr zu bezahlen? Eher nicht.

Es lassen sich viele Beispiele anführen, die belegen, dass auch niederländische Konsumenten im eigenen Alltag in erster Linie auf den Preis achten. Einer der vielsagendsten Belege für die aktuelle Debatte in den Niederlanden ist das Wort des Jahres 2012: Es lautet „Plofkip“ und ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein Hähnchen, dass in kurzer Zeit intensiv gemästet wird und dann als „Kiloknaller“ besonders preisgünstig verkauft wird. Die niederländische Tierschutzorganisation Wakker dier erklärte diese Form der intensiven Mast unlängst zur Gallionsfigur einer massiven Kampagne gegen den Lebensmitteleinzelhandel sowie gegen die beteiligten Produzenten. Die „Plofkippen“ stehen somit sinnbildlich für den Widerspruch der aktuellen Debatte in den Niederlanden, in Deutschland und in einigen anderen europäischen Ländern: Entweder preisgünstig, oder qualitativ und moralisch hochwertig.

Aber wie steht es nun um die Kritik vieler Verbraucher? Ist sie vollkommen unberechtigt, basiert sie auf Fehleinschätzungen oder ist sie mitunter nicht auch zutreffend? Und wie begegnen die Unternehmen und die Landwirte dieser Kritik? Hier ist ein differenzierter Blick erforderlich. Die intensive Landwirtschaft ist vergleichbar mit einem Hochleistungssportler. Unter idealen Bedingungen kann er enorme Leistungen (Qualitätsniveau, Produktionsumfang) vollbringen, aber er ist eben auch besonders anfällig für Verletzungen (Stress, Krankheiten). In den Niederlanden und in Deutschland findet man die vielleicht weltweit besten Qualitätssicherungssysteme der Agrar- und Ernährungsbranche.

Und trotzdem gibt es auch hier kein garantiertes Null-Risiko. Vorfälle sind daher unvermeidbar. Der Leidtragende ist dann in erster Linie der Tierhalter und sein Bestand. Der Halter hat somit auch das größte Interesse, Vorfälle zu vermeiden, da die Tiere sein Kapital sind. Ein Aspekt der in der öffentlichen Diskussion viel zu wenig Beachtung findet. Vor diesem Hintergrund ist es logisch, dass Verbände und Unternehmen immer schon an Tierwohl und Nachhaltigkeit interessiert waren, da es bei der Aufrechterhaltung einer leistungsstarken Produktion wesentliche Aspekte sind. Andererseits haben die starke Intensivierung der Nutztierhaltung und der massive Preiskampf der vergangenen Jahre auch immer wieder Raum für Missbrauch geboten. Dieser reicht von Verstößen gegen den Tierschutz bzw. die artgerechte Tierhaltung bis hin zu bewusstem Produktbetrug (en. food frauds), wie es sich erst kürzlich durch die so genannte wiehernde Lasagne im Pferdefleischskandal gezeigt hat. Zudem, und da ist die Debatte um das so genannte „Plofkip“ ein gutes Beispiel, müssen sich Verbraucher vor Augen führen wollen, unter welchen Bedingungen Tiere gehalten werden, um nachhaltig und preiswert sein zu können.

Wer diese Bedingungen dann ablehnt und somit mag, dass zum Beispiel ein Hähnchen mehr Zeit und Raum haben soll, um zu wachsen, der findet mittlerweile alternative Produkte in niederländischen und deutschen Märkten. In Deutschland hatte zuletzt das immer wieder für seine Produktionsweise hart kritisierte Unternehmen Wiesenhof mit einer neuen Produktreihe auf sich aufmerksam gemacht. Unter dem Markennamen Privathof-Geflügel bietet Wiesenhof Masthähnchen an, die langsamer wachsen und demnach weniger anfällig für Belastungsreaktionen sind. Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Ludwig-Maximilians-Universität München entwickelt, sieht die Haltung der Tiere eine verringerte Besatzdichte, mehr Sitzstangen, Strohballen und Picksteine vor. Damit sei laut Wiesenhof der Dreiklang „wirtschaftlich, tierschutzgerecht, verbraucherfreundlich“ möglich. Das Produkt trägt zudem das Siegel des Deutschen Tierschutzbundes. Bislang liegt der Marktanteil dieses Produktes bei drei Prozent des Wiesenhof-Gesamtabsatzes.

Die Situation in beiden Ländern zeigt, dass die Kritik der Verbraucher – egal ob berechtigt oder unberechtigt – durchaus wahrgenommen wird und zu Veränderungen im Markt führt. Entscheidend ist jedoch, ob die Veränderung dann auch im Markt Bestand hat, sprich: Der Verbraucher muss das Produkt dann auch kaufen.

In beiden Ländern findet man derzeit eine Vielzahl weitere Initiativen, mit denen die bereits bestehenden Standards verbessert werden sollen. Im Bereich Tierwohl wurden in den vergangenen Jahren in beiden Ländern ähnliche Initiativen ins Leben gerufen: zunächst auf niederländischer Seite die Initiative Beter leven, auf deutscher Seite dann die Initiative Tierwohl. Beide Programme zielen auf eine generelle Verbesserung der Haltungsbedingungen ab und beinhalten unter anderem Aspekte wie mehr Platz für die Tiere, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten und kürzere Transportwege.

Die Aspekte Nachhaltigkeit und Antibiotikaeinsatz sind im niederländischen Ansatz bereits mit enthalten: so plant man dort beispielsweise, ab 2015 ausschließlich grünen Strom für die Produktion zu verwenden, den Ammoniakausstoß weiter zu verringern und nur noch verantwortungsvolles Soja zu verfüttern. Den Antiobiotikaeinsatz will man ebenfalls bis 2015 um weitere 70 Prozent verringern. Bestimmte Präparate werden dann sogar gänzlich verboten sein. Auf deutscher Seite ist unter anderem ein Antibiotikamonitoring vorgesehen, dass bereits seit dem 1. Januar 2014 für Schweine und Mastgeflügel gesetzlich verpflichtend ist.

In puncto Nachhaltigkeit findet man auf deutscher Seite in der Fördergemeinschaft nachhaltige Landwirtschaft (FNL) eine hervorragende Quelle für Informationen zum aktuellen Stand. In einer aktuellen Publikation betont Prof. Dr. Jörg Hartung vom Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover anhand von verschiedenen Beispielen aus der Praxis die möglichen Wechselwirkungen zwischen Maßnahmen für mehr Tierschutz und für mehr Nachhaltigkeit: Das Verbot der Legehennenhaltung in Deutschland und somit die Hinwendung zu Boden-, Volieren- und Freilandhaltung hat seiner Einschätzung nach zwar den Bedürfnissen der Tiere entsprochen, gleichzeitig sind aber die Gehalte an Ammoniak und Staub erheblich angestiegen, was wiederum die Umwelt massiv belastet.

Hartung spricht sich zudem für eine „Objektivierung“ der Diskussion um die Lebensqualität von Tieren aus. Eine eindeutige Definition gebe es hier nicht, zumal am Ende immer der Mensch beurteilt, ob die Lebenssituation eines Tieres akzeptabel ist oder nicht. Folgt man Hartung, so können hier nur Bewertungssysteme auf klaren wissenschaftlichen Grundlagen weiterhelfen. Tierwohl sei eben ein multidimensionaler Begriff. Zur Kritik aus den Reihen der Verbraucher meint Hartung: Wenn man es schaffe, vom emotionalen zum wissenschaftlichen Tierschutz zu gelangen, dann ließe sich eine sichere Datenbasis für bessere Gesetze beisteuern. Emotionen im Tierschutz, so Hartung, hätten in der Vergangenheit aber auch oft wichtige Impulse gegeben für seine Weiterentwicklung. Allerdings müsse der Verbraucher dann auch sein Kaufverhalten hinterfragen.

Auf niederländischer Seite unterhält die Wageningen Universiteit das umfangreiche Projekt Agrimatie, in dem Informationen aus der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt werden. Auf der Projektwebsite findet man einen eigenen Bereich für das Thema Nachhaltigkeit (nl. duurzaamheid). Für verschiedene Bereiche der Agrar- und Ernährungsbranche lässt sich hier nachvollziehen, wie es um die Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Produktion gestellt ist. Betrachtet man die Produktionsketten Schwein und Geflügel, so wird schnell deutlich, dass 2013 ein wichtiges Jahr war: beide Branchen haben richtungsweisende Vereinbarungen mit dem Centraal Bureau Levenmiddelenhandel (CBL) über die Weiterentwicklung der nachhaltigen Produktion getroffen. Kontaktiert man das CBL direkt, so findet man umfangreiche Informationen zum Thema Nachhaltigkeit: der niederländische Einzelhandel kümmert sich nicht nur um Nachhaltigkeit in der Fleischproduktion, sondern unter anderem auch für Fisch, Soja, Palmöl und Kakao.

Liest man Beiträge von niederländischen und deutschen Fachleuten, in denen mit Blick auf die aktuelle Lage der Nutztierhaltung und der Produktion von Lebensmitteln tierischen Ursprungs Bilanz gezogen wird, so stößt man immer wieder auf die Forderung nach einem konstruktiven Dialog. Beide Seiten, also sowohl Verbraucher als auch Erzeuger, müssen weiter aufeinander zugehen und ehrlich zueinander sein, wenn man mehr erreichen will. Die Landwirte und die Unternehmer der Agrar- und Ernährungsindustrie müssen den Bürgern noch besser und transparenter vermitteln, wie Nahrungsmittel heutzutage entstehen und welche Leistung sie tagtäglich erbringen.

Der Verbraucher wiederum darf nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, dass eine stetig wachsende Weltbevölkerung und eine immer knapper werdende Ressourcenlage nicht mit dem romantischen Bild eines kleinen Bauernhofs aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert einhergehen kann, auf dem jedes Tierchen seinen Platz hat und die Familie fröhlich die eigene Ernte einholt. Gerade unter Westeuropäern findet eine fortschreitende Naturentfremdung statt, die es Ihnen schwer macht, Landwirtschaft und Nutztierhaltung fair zu beurteilen. Kinder entnehmen ihre Vorstellungen von Tierhaltung immer mehr aus Bilderbüchern oder der Werbung, denn die Ställe in der Nachbarschaft, wenn es sie denn überhaupt noch gibt, sind aus Gründen der Seuchenprävention hermetisch abgeschlossen und nicht zugänglich. Es braucht daher mehr Konzepte wie etwa die niederländische Initiative Stap in de stal (dt. Tritt in den Stall ein), die es Menschen ermöglicht, sich in so genannten Sichtställen mit großen Fenstern ein persönliches Bild vom Leben der Nutztiere in modernen Ställen machen zu können.

Autor: Dr. Oliver Breuer
Erstellt: Juli 2014