III. Krisenmanagement: Die Risiken von Tierseuchenausbrüchen im deutsch-niederländischen Grenzgebiet

„Wenn wir die Klassische Schweinepest (KSP) bekommen, dann bekommen wir die aus Deutschland“. Dieses recht pauschale Urteil eines niederländischen Tierarztes, das keinesfalls als Schuldzuweisung zu verstehen ist, spiegelt das Ergebnis einer Einschätzung wider, die auf den Erfahrungen der letzten Jahre, den geographischen Voraussetzungen und auf den aktuellen Rahmenbedingungen in der europäischen Fleischwirtschaft beruht. Das die KSP von Deutschland aus in die Niederlande gerät, ist schlichtweg sehr wahrscheinlich. Dies gilt natürlich auch für den Umkehrschluss: Bereits 1965/66 war die Maul- und Klauenseuche aus den Niederlanden in deutsche Ställe gelangt: Man vermutet, dass der Erreger damals über kontaminierte Fahrzeuge nach Nordrhein-Westfalen gekommen sein könnte. Fest steht, dass das Grenzgebiet zwischen den Niederlanden und Deutschland aufgrund seiner hohen Viehdichte, den intensiven Handelsbeziehungen und dem massiven Personenverkehr grundsätzlich als ein zusammenhängendes Risikogebiet für Tierseuchen betrachtet werden muss. Die tierstarken Regionen der Niederlande liegen allesamt in Grenznähe; in Deutschland zählen Niedersachsen und Teile von NRW zu den führenden Ländern in der Tierproduktion. Dass nordrhein-westfälische Wildschweinbestände in bestimmten Regionen des Landes endemisch von der Krankheit betroffen sind, erhöht die Wahrscheinlichkeit auf einen Seuchenausbruch in den Hausschweinbeständen im Grenzgebiet zusätzlich.

Tierseuchenfälle im Grenzgebiet

Die Ereignisse in der Vergangenheit haben mehrfach gezeigt, dass ein Tierseuchenausbruch in der Nähe der Landesgrenzen eine unmittelbare Wirkung auf beide Länder haben kann. Als im Jahr 1997 die Klassische Schweinepest in den Niederlanden ausbrach, bekamen dies auch die Schweinehalter in Nordrhein-Westfalen zu spüren. Vom 1. Januar 1997 an waren etwa 110.000 Schweine aus den Niederlanden nach Nordrhein-Westfalen verbracht worden. Nachdem Anfang Februar die ersten Seuchenfälle in den Niederlanden bekannt wurden, mussten vorsorglich alle Betriebe in Nordrhein-Westfalen gesperrt werden, sofern sie Schweine aus den Niederlanden bezogen hatten. Von diesen Maßnahmen waren rund 400 Betriebe betroffen. Die wirtschaftliche Dimension einer KSP-Epidemie verdeutlichen die Zahlen aus den Niederlanden aus den Jahren 1997/1998. Bei insgesamt 429 Ausbrüchen wurden mehr als 12 Millionen Schweine getötet und unschädlich beseitigt. Die direkt entstandenen Kosten wurden mit 2,3 Milliarden Euro beziffert. Schätzungen zufolge ergaben sich indirekte Kosten in vergleichbarer Höhe. In Deutschland wurden rund 1,2 Millionen Tiere getötet. Alleine zwischen 1993 und 1996 beliefen sich die Kosten für die Tötung und Entsorgung der Schweine auf rund 660 Millionen Euro.

Maul- und Klauenseuche (2001)

2001 brach die Maul- und Klauenseuche in Großbritannien aus. Die Niederlande waren ebenfalls betroffen, weil Kälber aus Irland in Frankreich am gleichen Ort wie eine Herde Schafe eingestallt wurden, bevor sie weiter nach Holland transportiert worden waren. In der Folge kam es zu 26 Ausbrüchen in den Niederlanden. Auf deutscher Seite kamen die Verantwortlichen damals mit dem Schrecken davon. Es gab lediglich Verdachtsfälle, die sich allerdings nicht bestätigten. Die vier EU-Mitgliedstaaten, in denen 2001 die Seuche auftrat, gaben allein für Ausgleichszahlungen an Landwirte und andere an den Arbeiten beteiligte Vertragspartner sowie für Bekämpfungsmaßnahmen wie die Desinfizierung von landwirtschaftlichen Betrieben insgesamt 2,7 Milliarden Euro aus. Die Maul- und Klauenseuche (MKS) ist eine weltweit verbreitete Viruserkrankung der Paarzeher. Folgende Tierarten können von der MKS infiziert werden: Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Rot-, Reh-, Dam- und Schalenwild. Die MKS gilt als die wirtschaftlich gefährlichste Erkrankung bei Nutztieren.
Aviäre Influenza (2003)

Nur zwei Jahre später traf es wiederum die niederländische Fleischwirtschaft. Der Ausbruch der so genannten Vogelgrippe (Aviäre Influenza) hatte dort verheerende Folgen. Insgesamt wurden in den Niederlanden innerhalb kürzester Zeit knapp 31 Millionen Tiere getötet. Der Schaden in den Niederlanden ist kaum zu beziffern. Aktuellen Berechnungen zufolge hätte ein durchschnittlicher Betrieb in einem entsprechenden Fall einen Schaden von etwa 120.000 Euro zu befürchten. Damals gingen rund 80 niederländische Betriebe an den Folgen des Ausbruchs Bankrott.

Bei der Vogelgrippe handelt es sich um eine Viruserkrankung, die Geflügel und verschiedene Vogelarten, unter anderem Enten, Truthähne, Schwäne und Tauben, befallen kann. Das Virus existiert in verschiedenen Varianten, von denen wohl H5N1 die bekannteste ist. Die hoch ansteckende Form des Virus (HPAI) führt meist zum Tod der Tiere. Das Virus verbreitet sich durch direkten Kontakt oder durch die Luft. Einige wenige Varianten des Virus sind dem menschlichen Grippevirus ähnlich und können in seltenen Fällen tatsächlich auch für Menschen gefährlich werden.

In Deutschland wurde trotz großer Befürchtungen letzten Endes lediglich ein einziger Ausbruch (Kreis Viersen/NRW) registriert. Aus Gründen der Vorsorge waren jedoch mehr als zehntausend nordrhein-westfälische Landwirte von Schutzmaßnahmen betroffen. Dazu zählten das Freilandverbot in grenznahen Kreisen, das Verbot von Geflügelschauen und -märkten sowie zusätzliche Transportuntersuchungen. Entlang der Grenze zu den Niederlanden waren zudem knapp 100.000 Tiere getötet worden.

Klassische Schweinepest (2006)

Die Klassische Schweinepest ist eine Viruserkrankung, die bei Schweinen schwere Krankheitssymptome (unter anderem Fieber, Husten, Appetitlosigkeit) und eine hohe Sterblichkeitsrate hervorruft. Im Frühjahr 2006 kam es zu einem Ausbruch der Klassischen Schweinepest in NRW. Insgesamt waren acht Betriebe in den Landkreisen Recklinghausen und Borken betroffen. Rund 110.000 Tiere mussten im Zuge der Bekämpfungsmaßnahmen getötet werden. Die Niederländer wurden glücklicherweise von Ausbrüchen im eigenen Land verschont, wenngleich sie mit indirekten Konsequenzen aus dem Tierseuchenfall im Nachbarland konfrontiert wurden. 19 Höfe mit insgesamt 15.000 Schweinen waren auf niederländischer Seite – im Südosten von Winterswijk – von dem im Rahmen der Bekämpfungsmaßnahmen verhängten Transportverbot betroffen. Was für die Niederlande im Jahr 1997 noch in eine wahre Katastrophe gemündet war, verlief im Jahr 2006 relativ glimpflich.

Blauzungenkrankheit (2006)

Das Blauzungenvirus wurde in Deutschland erstmals am 20. August 2006 im Bereich des Dreiländerecks mit den Niederlanden und Belgien in acht Rinderbeständen und einer Schafherde nachgewiesen. Zeitgleich fand sich die Krankheit erstmals auch bei Schafen in der niederländischen Provinz Limburg sowie in der belgischen Provinz Lüttich. Erstmalig wurde der Virus-Serotyp 8 in Europa festgestellt, der bislang nur südlich der Sahara beschrieben wurde. Der Virus der Blauzungenkrankheit – die Abkürzung BTV stammt vom englischen Bluetongue-Virus, vermehrt sich in Insekten der Gattung Culicoides. Der Stich dieser Insekten überträgt das Virus und führt zur Infektion der Tiere.

Im Oktober 2008 wurde dann an der niederländischen Grenze zu Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen der zuvor in Europa nicht verbreitete Virustyp 6 (BTV 6) festgestellt. Nur einen Monat später fand sich derselbe Virustyp in einem deutschen Rinderbetrieb in der Grafschaft Bentheim. Für diesen neuen Virustyp, der normalerweise nur in Mittelamerika und Afrika vorkommt, ist derzeit noch kein Impfstoff vorhanden.

Das vorübergehende Fazit: Durch den Einsatz der flächendeckenden Impfung der betroffenen Tierarten ab 2008 konnte die Anzahl der Neuerkrankungen deutlich reduziert werden. Die letzte Neuinfektion eines empfänglichen Tieres mit dem Blauzungenvirus vom Typ 8 (BTV 8) in Deutschland wurde im November 2009 nachgewiesen. Seit dem 15. Februar 2012 sind Deutschland und die Niederlande BTV 8-frei. Auf niederländischer Seite waren rund 110.000 Betriebe betroffen. Der Schaden wird auf bis zu 175 Millionen Euro geschätzt. In Deutschland wurden die direkten Schäden auf etwa 152 Millionen Euro beziffert.
Q-Fieber (2007)

Bei Q-Fieber handelt es sich um eine bakterielle Infektion, die trächtige Ziegen und Schafe befallen kann. Beim Ablammen beziehungsweise durch Fehlgeburten kann der Erreger in die Umwelt gelangen. Die Krankheit ist eine Zoonose und somit auch für Menschen gefährlich, wo sie meist symptomlos bzw. grippeähnlich verläuft. In den Niederlanden kamen in den Jahren 2008 bis 2012 insgesamt mindestens 25 Personen infolge einer Infektion mit Q-Fieber ums Leben.

Der niederländische Ausbruch, der im Jahr 2007 begann, gilt weltweit als bislang größtes Q-Fieber Geschehen. In der ersten Hälfte des Jahres 2007 traten 59 Fälle in den Provinzen Gelderland und Noord-Brabant auf. Noord-Brabant verfügte zu diesem Zeitpunkt über die höchste Dichte an Ziegen im Verhältnis zur Fläche weltweit (44 Ziegen je Quadratkilometer). In 2008 folgten bereits mehr als 1.000 Infektionen, bevor im Jahr 2009 im gesamten Land mehr als 4.000 Fälle von Q-Fieber verzeichnet werden mussten.

Insgesamt waren 88 Betriebe betroffen und es wurden im Zuge der Bekämpfungsmaßnahmen rund 55.000 Tiere getötet, nachdem Impfungen und Sparmaßnahmen nicht den erhofften Erfolg gebracht hatten. In einer Studie, die im Auftrag der Provinz Gelderland durchgeführt wurde, wurde der wirtschaftliche Gesamtschaden auf bis zu 336 Millionen Euro beziffert.[1] Die Folgen für die niederländische Schaf- und Ziegenzucht sind katastrophal: Da die betroffenen Landwirte nur für den Wert ihre Tiere und nicht für Folgeschäden Entschädigung erhalten, steht Schätzungen nach zu urteilen jeder Zweite vor dem Aus.

Langfristige Auswirkungen und Strategien

Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Tierseuchenausbruchs sind für eine betroffene Region nicht nur von kurzfristiger, sondern immer auch von langfristiger Natur. Nimmt man noch einmal das Beispiel der Klassischen Schweinepest, so wurde damals deutlich: Durch den stark eingeschränkten Handel und die weitreichenden Tötungen waren die Schweinebestände am 3. Mai 2006 in NRW um rund 328.000 Stück (7,3 %) kleiner als noch ein Jahr zuvor. Zudem gingen den betroffenen Unternehmern aufgrund der umfangreichen Sperrmaßnahmen Geschäftskontakte im Ausland verloren. Und in einem heiß umkämpften globalen Wettbewerb ist es sehr schwer, einmal eingebüßte Handelskontakte wieder zurückzuerobern. Es gibt weltweit genügend Konkurrenten, die die Nachfrage bedienen können.

Die Niederlande und Deutschland sind somit einerseits Wettbewerber im globalen Markt. Andererseits haben sie aus vielen (gemeinsamen) Krisen die Erkenntnis gewonnen, dass die Tierseuchen-Prävention und -bekämpfung nicht nur eine gemeinsame Aufgabe für alle EU-Staaten ist, sondern in besonderer Weise auch für zwei aneinander grenzende Länder, die beide in hohem Maße voneinander abhängig sind. Welche Vielfalt an Kooperationen mittlerweile etabliert ist, lesen Sie in Kapiel V dieses Dossiers.


[1] SEO Economisch Onderzoek: Economische gevolgen van de uitbraak van Q-Koorts, eindrapport, Amsterdam 2011, Onlineversion.

Autor: Dr. Oliver Breuer
Erstellt: Juli 2014