VI. Deutsch-Niederländische Forschungs- und Entwicklungsprojekte


Grenzregionen gestalten Europa: Starke Initiativen im INTERREG IV-Programm

Die Verfügbarkeit von Drittmitteln ist ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung und Durchführung von grenzüberschreitenden Kooperationen. Grenzen übergreifend zusammenarbeiten bedeutet in der Regel etwas zusätzlich zu den eigentlichen Aufgaben zu leisten. Und somit sind hierfür meist auch zusätzliche Finanzmittel erforderlich. Aufgrund ihrer herausragenden Kompetenzen in den zahlreichen Fachbereichen des Agrar- und Ernährungssektors finden sich deutsche und niederländische Projektpartner häufig in internationalen Konsortien wieder. Für Projekte, die ganz spezifisch auf Fragen der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit zugeschnitten sein sollen, besteht das so genannte INTERREG-Programm, welches ein Bestandteil der Europäischen Regionalpolitik ist. Das INTERREG-Programm startet im November 2014 bereits in seine fünfte Förderphase.

In der vierten Förderphase von 2007 bis 2013 wurden gleich mehrere Projekte aus dem Themenfeld des Agri-Food-Business finanziert. An dieser Stelle soll daher einerseits ein Einblick in die Projektziele und -resultate einiger großer INTERREG IV-Initiativen gegeben werden. Andererseits soll ein Ausblick in die unmittelbar bevorstehende Förderperiode gegeben werden. Welche Themen sollen im neuen Programm berücksichtigt werden und wie kann man sich an entsprechenden Projekten beteiligen? Von den insgesamt elf so genannten majeuren Projekten des INTERREG IV-Programms weisen drei einen unmittelbaren Bezug zum Agrar- und Ernährungssektor auf. Bei den majeuren Projekten handelt es sich um grenzüberschreitende Initiativen, die sich in ihren Aktivitäten und Resultaten nicht nur auf eine Teilregion beschränken, sondern Auswirkungen auf das gesamte Programmgebiet zwischen Nordseeküste und Niederrhein haben. Mit einem jeweiligen Projektbudget von rund zehn Millionen Euro und einer Laufzeit von mehreren Jahren handelt es sich hierbei um die großen Initiativen des INTERREG IV-Programms. Alle majeuren Projekte verbindet miteinander, dass sich Wirtschaftsunternehmen, Forschungseinrichtungen und Behörden beider Länder inhaltlich und finanziell an den Projekten beteiligen. Entwickelt werden nachhaltigen Technologien und Innovationen auf der Basis von angewandter Forschung.

SafeGuard: Gesunde Tiere und sichere Lebensmittel

Der Koordinator des SafeGuard-Projektes ist die internationale Kooperationsplattform GIQS (Grenzüberschreitende Integrierte Qualitätssicherung) e.V. mit Sitz in Kleve. Etabliert in der grenzüberschreitenden Verbundforschung koordinieren die Mitarbeiter des Vereins nun bereits das sechste Verbundvorhaben im Rahmen von INTERREG. Die Vermeidung von Lebensmittelkrisen und Tierseuchenausbrüchen sowie die Unterbindung der Verbreitung von Zoonosen (Krankheiten, die zwischen Tieren und Menschen übertragen werden), gehört nach neuesten Erkenntnissen zu den entscheidenden Voraussetzungen für das wirtschaftliche Überleben und die gesellschaftliche Akzeptanz von intensiven Agrarstandorten. Auch die Qualitätserwartungen an tierische Produkte – insbesondere hinsichtlich ihrer Frische und Sicherheit – ist mit den veränderten Verbrauchergewohnheiten ständig gewachsen. Durch das SafeGuard-Projekt wurde der Technologie- und Wissenstransfer zwischen Forschungseinrichtungen und der Wirtschaft sowie behördlichen Einrichtungen gefördert. Neue Maßstäbe wurden in den Bereichen organisatorischer Abläufe gesetzt (Risikoorientierte Lebensmittelüberwachung, Frühwarnsysteme, Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität, Krisenmanagement, Informations- und Kommunikationsmodelle, etc.). Im Projekt wurden ebenfalls technische Innovationen (Webbasierte Datenbank-Lösungen, Analytik, Diagnostik, E-Learning, etc.) in Wertschöpfungsketten von Lebensmitteln tierischer Herkunft etabliert.

Gezonde Kas: Nachhaltiges Management von Krankheiten im modernen Unterglasbau

Unter der Leitung der Wageningen Universität (Plant Research International) startete im Jahr 2010 das Projekt „Gezonde Kas“ (dt. Gesundes Gewächshaus). Insgesamt 32 deutsche und niederländische Partner entwickelten ein technologisches System, wodurch die Pflanzenzucht unter Glas langfristig optimiert und umweltfreundlicher wird. Das Projekt bildet somit die Grundlage für den zukünftigen Gewächshausanbau der Grenzregion. Zehn Forschungseinrichtungen und 22 Betriebe aus der deutsch-niederländischen Grenzregion entwickelten gemeinsam 21 Technologieprodukte innerhalb eines Robotika-Systems. Durch eine Kombination hoch entwickelter Monitortechniken für den Gewächshausanbau kann dieses System bereits in einem frühen Stadium – größtenteils noch bevor Symptome auftreten – Pflanzenkrankheiten erkennen. Mit Hilfe von Kameraüberwachung, Sensoren und Diagnosegeräten werden Pflanzenkrankheiten lokalisiert, diagnostiziert und die richtigen Maßnahmen automatisch gestartet. Die Bekämpfung kann dadurch frühzeitiger und genauer (selbst pro Pflanze) durchgeführt werden. Der Gebrauch von chemischen Pflanzenschutzmitteln im Gewächshausanbau kann hierdurch eingeschränkt werden.

Food Future: Zukunftsweisende Innovationen für die Ernährungsbranche

Hauptverantwortlicher Partner und Initiator dieses Projektes war das Deutsche Institut für Lebensmitteltechnik (DIL) mit Sitz in Quakenbrück. Die Kernidee von FOOD Future ist es, den Unternehmen der Ernährungswirtschaft ein Instrumentarium zur Verfügung zu stellen, das zur Steigerung ihrer Innovationsfähigkeit und -tätigkeit beiträgt. Dabei soll die Zusammenarbeit von Betrieben und wirtschaftsnahen Forschungseinrichtungen gestärkt und damit der Technologietransfer und die Innovationsentwicklung in die Betriebe gefördert werden. Innerhalb von FOOD Future wurden fünf Instrumente entwickelt und den Betrieben zur Verfügung gestellt: Unter dem Dach des Projektes erfolgten insgesamt 120 Fachinterviews, 50 Innovationsberatungen, 38 Machbarkeitsstudien, 28 Transferprojekte sowie 18 Innovationsprojekte. In den fünf FOOD Future-Teilregionen wurden zudem durch regionale Koordinatoren die Instrumente gemanagt, die Betriebe hierzu beraten und betreut. Zudem wurden zahlreiche grenzübergreifende Begleitmaßnahmen durchgeführt: 6 Stakeholder-Meetings, 45 Technologie-Workshops, 10 Symposien, 20 Fachseminare.

INTERREG V: Mehr Wettbewerbsfähigkeit für Unternehmen hat hohe Priorität

Wenn im November 2014 das fünfte INTERREG-Programm offiziell an den Start geht, dann bedeutet dies auch einige strukturelle Änderungen im Vergleich zum Vorläufer: Zum einen soll eine stärkere Fokussierung auf Ziele und Ergebnisse erfolgen, zum anderen wird es eine höhere Flexibilität für Antragssteller sowie eine Vereinfachung der Vorschriften geben. Inhaltlich gesehen folgt auch das INTERREG-Programm der Gestaltung der EU 2020-Strategie für ein intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum. Darin enthalten ist die Förderung des Themenschwerpunkts Agrobusiness/ Food, was eine von mehreren strategischen Initiativen des neuen INTERREG-Programms darstellt. Diese strategischen Initiativen werden realisiert, um die Wirkung des Programms in für das Programmgebiet besonders wichtigen Schwerpunktsektoren zu verstärken. Eine strategische Initiative ist ein festgelegter thematischer Rahmen für Projekte in bestimmten Wirtschaftssektoren. Bei der Erstellung der Initiativen wurden Experten aus den verschiedenen Sektoren einbezogen.

Wer sich nun vorstellen kann, selber Partner in einem INTERREG-Projekt zu sein bzw. wer eigene Ideen zu einem Projekt machen möchte, der sollte sich zunächst an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines der vier verschiedenen EUREGIO-Standorte wenden. Dort kann er sich beraten lassen und bei Bedarf an weitere Partner bzw. geeignete Koordinatoren vermitteln lassen. Dabei müssen es nicht gleich Projekte im Wert mehrerer Millionen Euro sein: Auch das neue INTERREG-Programm wird wieder die Möglichkeit bieten, Kleinstprojekte mit einem Budget von bis zu 50.000 Euro zu beantragen. Auf diese Weise kann man auch mit kleinen Schritten Innovationen auf den Weg bringen, um Agrar- und Ernährung im deutsch-niederländischen Grenzgebiet weiter nach Vorne zu bringen.

Autor: Dr. Oliver Breuer
Erstellt: Juli 2014