Gesunde Tiere und sichere Lebensmittel

I. Einführung: Partner und Wettbewerber im globalen Markt

Im Zeitalter der global economy ist die Art und Weise, wie Lebensmittel hergestellt und gehandelt werden, richtungsweisend für die weitere Entwicklung der gesamten Menschheit. Vor dem Hintergrund stetig steigender Bevölkerungszahlen und klimatischer Veränderungen ist die Sicherstellung der Ernährung eine große Aufgabe. Die aktuelle Verfassung der global food economy, so der Autor Tony Weis in seinem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 2007, entspricht jedoch einem wahren Paradoxon: Während die so genannte entwickelte Welt, zu der sich auch Deutschland und die Niederlande zählen dürfen, die eigene Landwirtschaft kräftig subventioniert, mit Handelsrestriktionen schützt und sich massive Produktionsüberschüsse erlaubt, kämpfen die Entwicklungsländer mit Hunger, Mangel und eklatanten Wettbewerbsnachteilen. Auf der einen Seite werden Nahrungsmittel aufgrund des enormen Angebots immer günstiger, auf der anderen Seite sind sie – falls überhaupt vorhanden – rar und äußerst kostspielig. Die individuelle Situation der Menschen, die in diesen beiden Welten leben, könnte unterschiedlicher nicht sein: Der eine hungert, der andere ist immer übergewichtiger oder er befürchtet, es bald zu sein.

Man muss dies wissen, bevor man sich mit der aktuellen Situation in hoch technisierten und von Wohlstand geprägten Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden vertraut macht, denn diese Länder erleben derzeit eine rasante Entwicklung in der Agrar- und Ernährungswirtschaft, deren Triebfeder das Geschehen in einem äußerst wechselhaften und unberechenbaren globalen Markt ist. In aller Kürze lässt sich die Situation in Nordwesteuropa wie folgt beschreiben: Immer weniger Betriebe erzeugen immer mehr Rohstoffe und Nahrungsmittel, die längst nicht mehr alle im eigenen Land gekauft und gegessen werden können, da hier bereits Überfluss herrscht. Man differenziert sich hauptsächlich über den Preis, was einerseits durch den hohen Anteil an Discountern auf dem eigenen Markt zu belegen ist, andererseits aber auch durch den immer stärkeren Wettbewerb der nationalen Erzeugerbetriebe um neue Märkte in der ganzen Welt. In manchen Bereichen gelingt zwar mittlerweile auch eine Vermarktung über besondere Qualitätsmerkmale, wie zum Beispiel biologische Produktion, Tierschutz, Regionalität oder Fair trade, aber hierbei handelt es sich nach wie vor um kleine Nischen im globalen Markt.

Für den deutschen und den niederländischen Konsumenten bedeutet dies auf den ersten Blick paradiesische Zustände. Ein derartiger Wettbewerb sorgt für eine breite Produktpalette zu günstigen Preisen im eigenen Land. Man ist gewohnt gut zu leben, ohne viel dafür zu bezahlen. Während in Deutschland und den Niederlanden durchschnittlich lediglich 11 Prozent des Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgegeben werden, sind es in den Ländern wie Frankreich (13 Prozent), Italien (14 Prozent) und Estland (20 Prozent) deutlich mehr (Eurostat 2013). Und Essen ist hier nicht nur sehr preiswert, sondern auch so sicher wie sonst nirgendwo auf der Welt: Hohe Standards im Lebensmittelgesetz und aufwendige Sicherungssysteme sorgen u.a. dafür, dass gefährliche Erkrankungen wie Salmonellen eine immer geringere Rolle im menschlichen Alltag spielen. Die Erkrankungen, die die Überwachungsbehörden vermehrt vor Probleme stellen, haben nicht selten damit zu tun, dass gerade junge Menschen die Küchenhygiene nicht mehr beherzigen, da es Ihnen an Wissen und Erfahrung mangelt (z.B. Campylobacter).

Befragt man Konsumenten in den Niederlanden und in Deutschland, so erhält man allerdings ein ganz anderes Meinungsbild. Anstatt mehrheitlich Zufriedenheit über die sichere Versorgung mit hochwertigen Lebensmitteln zu äußern, prägen immer stärker Verunsicherung, Sorge und Misstrauen gegenüber den Herstellern das allgemeine Bild. Die regelmäßige Berichterstattung über Krisen und Missstände bei großen Unternehmen – seien es nun Tierhaltungsprobleme, Rückrufaktionen oder Schadstoffbelastungen – leisten hier sicherlich einen Beitrag, aber viele Fachleute sehen auch in der zunehmenden Entfremdung zwischen Bürger und Landwirt ein großes Problem. Der Präsident des Deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung, Prof. Andreas Hensel, machte diese Entwicklung im Rahmen eines Vortrags auf einer Fachveranstaltung in Münster auf sehr anschauliche Weise deutlich. Das Bild, so Hensel, das sich der durchschnittliche Bürger heutzutage von der Landwirtschaft mache, entspräche dem Bauernhof des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Es handelt sich dabei um ein romantisches Bild von einem kleinen Familienbetrieb, der alle möglichen Tierarten auf seinem Hof beherbergt, Ackerbau betreibt und Obstbäume im Garten hat. Wir alle, so Hensel weiter, fördern dieses verklärte Bild, indem wir unseren Kindern Bilderbücher kaufen, in denen Bauernhöfe in dieser Form abgebildet sind bzw. in denen Freundschaften zwischen Kindern und Tieren im Mittelpunkt stehen. Einen Einblick in die tatsächlichen Produktionsprozesse erhalten die Kinder nicht. Doch nicht nur der Konsument sei für diese Entwicklung verantwortlich. Auch die Erzeuger selbst: Sie seien zunehmend dazu übergegangen, die Art und Weise wie Nutztiere gehalten werden und wie Fleisch produziert wird, vor den Bürgerinnen und Bürgern zu verbergen. Daher, so Hensel weiter, müsse man in erster Linie zu einem konstruktiven Dialog zurückfinden.

Das Interesse auf Seiten der Verbraucher scheint jedenfalls zunehmend vorhanden. Immer mehr Menschen in Nordwesteuropa beginnen sich für die Art und Weise zu interessieren, wie Landwirtschaft heute funktioniert und unter welchen Bedingungen Lebensmittel hergestellt werden. Es ist ein Problembewusstsein entstanden, nicht zuletzt dadurch, dass die Schattenseiten der heutigen Lebensmittelindustrie mittlerweile regelmäßig den Weg in die Medien finden. In diesem gesellschaftlichen Klima etablieren sich zudem immer mehr Meinungsmacher, etwa in Form von NGOs oder politischen Splitterparteien, durch die die Bürgerinnen und Bürger im besten Fall auf tatsächliche Missstände aufmerksam gemacht werden, aber im schlechtesten Fall eben auch gezielt manipuliert werden. Es zeichnet demokratische Gesellschaften aus, dass sie Missstände erkennen und Mehrheiten bilden können, um diese zu beheben. Verschiedene deutsche und niederländische Meinungsumfragen belegen, dass immer mehr Bürger bereit sind, einen Beitrag zu leisten, damit die wirtschaftliche Tragfläche für nachhaltigere und moralisch wertvollere Produkte wachsen kann. Doch wie viel solche Meinungsumfragen wert sind, muss die Praxis erst zeigen: Erste Versuche, entsprechende Produkte im niederländischen und deutschen Markt dauerhaft zu etablieren, sind keineswegs erfolgreich. Die Diskrepanz, so scheint es zumindest, zwischen gesellschaftlich breit getragener medialer Schelte an konventionellen Produkten und der tatsächlichen Veränderung der persönlichen Entscheidung im Supermarkt ist immer noch recht groß.

Die Niederlande und Deutschland befinden sich in einer nahezu identischen Situation. Die Unternehmer beider Länder wissen längst, dass sie den Wettbewerb um globale Märkte auf Dauer nicht über den Preis gewinnen können. Nicht nur China, sondern auch Indien, Brasilien und Russland verfügen über ein enormes wirtschaftliches Potenzial, dass sie Jahr für Jahr besser auszuschöpfen beginnen. Die Zukunft, so die Einschätzung vieler Experten, kann also nur in der Differenzierung über die Qualität liegen. Dieser Schritt kann aber nur gelingen, wenn die Verbraucher mehrheitlich mitspielen. Sie stehen am Ende der Wertschöpfungskette und treffen die Entscheidung darüber, ob mehr Qualität tatsächlich mehr Geld wert ist. Für die Niederlande und Deutschland stellt sich demnach die Frage: Sind wir Wettbewerber oder sind wir Partner im globalen Markt? Soviel lässt sich vorweg sagen: In der Geschichte der europäischen Gemeinschaft haben die Menschen im deutsch-niederländischen Grenzgebiet immer wieder auf Neue unter Beweis gestellt, dass sie die Keimzelle für innovatives Denken und Handeln waren. Und nicht selten wurden dort entwickelte und erprobte Konzepte später zum allgemeinen Standard.
Gliederung des Dossiers

Im Mittelpunkt der Betrachtung des Dossiers steht die Produktion von Nutztieren und Produkten aus tierischer Herkunft. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil der Agrar- und Ernährungsbranche und zugleich ein besonders stark kritisierter Bereich. Daher soll zunächst die aktuelle Situation in beiden Ländern aufgezeigt werden. In welcher Form werden Nutztiere in beiden Ländern gehalten, welche Risiken beinhalten die vorhandenen Strukturen und welche verschiedenen Auffassungen werden in beiden Ländern vertreten, wenn es um die Art und Weise der modernen Nutztierhaltung geht?

Anschließend soll ein kurzer Überblick über die Natur der Krisen und Skandale gegeben werden, mit denen sich die Branche beider Länder in den vergangenen Jahren konfrontiert sah. Welcher Schaden wurde angerichtet, welche Erkenntnisse wurden gewonnen und inwiefern bereitet man sich auf zukünftige Entwicklungen vor?

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil dieses Dossiers ist die Sichtweise der Verbraucher auf die Vor- und Nachteile der modernen Nutztierhaltung im eigenen Land. Welche Sorgen und Ängste haben die Menschen und wie begegnen sie diesen? Gibt es überhaupt einen konstruktiven Dialog zwischen den Menschen, die Nutztiere halten bzw. Nahrungsmittel erzeugen, denjenigen, die Risiko- und Krisenmanagement betreiben und denen, die jeden Tag aufs Neue entscheiden, welches Produkt sie kaufen und welches nicht?

Abschließend soll der Blick auf die gemeinsamen Aktivitäten bezüglich der Verbesserung der Lage gerichtet werden: Inwiefern ergreifen beide Länder Maßnahmen, um mögliche Lücken zwischen der ökonomischen Wirklichkeit rentabler Produktion und dem Anspruch von Verbrauchern zu schließen? Welche gemeinsamen Sicherungssysteme gibt es im grenzüberschreitenden Markt und wo besteht weiteres Potenzial für Kooperationen zwischen den Niederlanden und Deutschland?

Autor: Dr. Oliver Breuer
Erstellt: Juli 2014