III: Wirtschaft digital: Beispiele aus der Praxis

Ideenschmieden abseits der Metropolen

Volkswirtschaften sind auf Innovationen angewiesen – und die entwickeln sich am besten im Zusammenspiel von Wissenschaft und Betrieben. Dieser Gedanke liegt der Initiative „Smart Industry“ zugrunde, die das niederländische Wirtschaftsministerium gegründet hat und die von 2018 bis 2021 über ein Budget von rund 165 Millionen Euro verfügt.[1] Sie soll Betriebe animieren, „smarte“ Technologien umzusetzen und weiterzuentwickeln. Ein zentraler Bestandteil der Strategie sind die sogenannten Fieldlabs: Technologische Innovationen aus der Wissenschaft sollen dort schnell den Weg an den Markt finden. Dafür schaffen die regionalen Labs die nötige räumliche Nähe und Kontakte.

Im August 2019 gab es in den Niederlanden 41 dieser regionalen Labore, in denen rund 550 Unternehmer aktiv waren.[2] Die Beispiele für konkrete Themenschwerpunkte sind zahlreich. Die einzelnen Standorte beschäftigen sich zum Beispiel mit der Weiterentwicklung des 3D-Drucks, mit Robotern im Landbau oder der Individualisierung in der Pflege. Auffällig ist, dass diese „Feld“-Labore ihrem Namen alle Ehre machen, denn ihre Ausbreitung beschränkt sich keineswegs auf die größten Städte – im Gegenteil: Führende Standorte mit jeweils mindestens fünf Labs sind die Universitätsstadt Delft, der frühere Industriestandort Eindhoven sowie Enschede unweit der deutschen Grenze.

Vor allem Eindhoven hat sich in den vergangenen Jahren weit über die Grenzen des Landes hinaus einen Namen gemacht. In den 90er Jahren war die größte Stadt der Provinz Noord-Brabant noch in den Schlagzeilen, als der Gerätehersteller Philips und der Lkw-Produzent DAF dort in großem Umfang Mitarbeiter entlassen mussten. Inzwischen ist auf einem 27 Hektar großen früheren Philips-Areal eine Umgebung für innovative Unternehmer und Start-ups entstanden. Unter dem Namen Brainport treiben Staat und Unternehmen in Eindhoven gemeinsam die Transformation der Wirtschaft voran. Der Thinktank ICF verlieh der Region schon 2011 den Titel der „intelligentesten Kommune des Jahres“.

Flüssigerer Verkehr im Stauland

In einem so dichtbesiedelten und mit dem Ausland vernetzten Land eröffnen digitale Technologien auch dem Verkehrssektor neue Möglichkeiten. Die Rotterdamer Hafenbetriebe zum Beispiel bieten ihr digitales Managementsystem auch als Produkt für andere Häfen der Welt an: Schon während ein Schiff noch auf dem Weg zum Hafen ist, können die Mitarbeiter der Hafenbetriebe auf alle nötigen Informationen über Größe, Herkunft oder Fracht zugreifen und die nötigen Dienstleistungen anordnen. In keinem anderen Hafen, so schreiben es zumindest die Rotterdamer selbst, werden so viele Daten verarbeitet, analysiert und angereichert.[3]

Transport und Logistik spielen eine große Rolle für die niederländische Wirtschaft. Da gleichzeitig auch die Bürger stets mobiler werden, wird es auf den Straßen immer enger. Dem Statistikamt CBS (Centraal Bureau voor de Statistiek) zufolge wohnt der Niederländer im Schnitt 22,6 Kilometer von seinem Arbeitsplatz entfernt.[4] Trotz des gut ausgebauten Schienennetzes spielt das Auto für den Weg zur Arbeit immer noch eine große Rolle. Im ersten Halbjahr 2019 habe die Gesamtlänge der Staus im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fünf Prozent zugenommen, teilte der Verkehrsclub ANWB mit.[5] An einem extremen Tag – dem 22. Januar 2019 mit Schnee und Glatteis – summierten sich die Staus im Land auf 2.287 Kilometer.

Der Kollaps auf den Straßen belastet nicht nur die Natur, er hat auch finanzielle Folgen für die Volkswirtschaft. 90 Millionen Euro investieren Staat und Partner aus der Wirtschaft daher in das gemeinsame Verkehrssystem Talking Traffic. Autofahrer können sich damit gegenseitig vor entstehenden oder entstandenen Staus, drohenden Unwettern oder Sperrungen warnen. Das Verkehrsministerium erwartet, dass der Verkehr so flüssiger und sicherer wird. 1,5 Millionen Bürger nutzen den Dienst bereits, 2020 sollen es 2,5 Millionen sein.

Ein weiterer Schritt ist die Einführung von intelligenten Verkehrszeichen. Bis 2023 sollen laut Verkehrsministerium 2.000 bis 3.000 davon im Einsatz sein. Die Systeme ermöglichen es, dass Ampeln zum Beispiel Verkehrsströme erfassen und sich gegenseitig Signale geben. So können sie länger auf Grün schalten, wenn die Verkehrslage es möglich macht. Das Ministerium sieht darin nicht nur eine Möglichkeit, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Auch der Zeitverlust für Arbeitnehmer und Unternehmen, dessen Folgekosten sich auf jährlich 90 Millionen Euro belaufen, soll geringer werden. Zudem sei das System eine erste Vorbereitung, um selbstfahrende Autos auf die Straßen zu bringen.

Unterstützung für den Mittelstand

Noch nutzen nicht alle Unternehmen die Möglichkeiten der Digitalisierung umfassend, Nachholbedarf haben besonders die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Der bereits erwähnt Digitalisierungsindex DESI der Europäischen Kommission ergab 2019, dass nur 17 Prozent der KMU ihre Produkte und Dienstleistungen über das Internet verkaufen.[6] Der elektronische Handel macht bei ihnen im Schnitt nur zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus. Damit liegen die eigentlichen Vorreiter nur auf dem 15. Platz der 28 untersuchten EU-Staaten. Der Jahresbericht der Regierung zum Zustand der kleinen und mittleren Betriebe führte 2017 niedrige Produktivität in verschiedenen Branchen auch darauf zurück, dass Innovationen zu langsam den Weg in Kleinbetriebe und Mittelstand finden.

Im Gegensatz zu Großkonzernen fehlen in KMU häufig Zeit, Wissen um Geld, um das Thema anzugehen. 2018 stellte das Wirtschaftsministerium deswegen einen Aktionsplan für KMU auf. Bis 2021 stellt es dafür 200 Millionen Euro zur Verfügung. Eine von zahlreichen Maßnahmen sind spezielle KMU-Digitalisierungswerkstätten (MKB-werkplaats digitalisering). Dort sollen Unternehmer mit Experten zusammentreffen und Hilfe dabei erhalten, digitale Technologien in das eigene Unternehmen zu integrieren. Ein Vorzeigebeispiel ist die Plattform Driven by Data in der Region 's-Hertogenbosch. Dort erfahren Unternehmer, wie sie Big Data im eigenen Betrieb einsetzen und davon profitieren können.


[1] Smart Industry Implementatieagenda (https://smartindustry.nl/wp-content/uploads/2019/03/SI-implementatieagenda-2018-DEF-LR.compressed.pdf).
[2] Smart Industry: Fieldlabs (https://smartindustry.nl/fieldlabs/).
[3] Port of Rotterdam: Digitale producten en diensten (https://www.portofrotterdam.com/nl/zakendoen/haven-van-de-toekomst/digitalisering/digitale-producten-en-diensten).
[4] Trouw 10. August 2017: Zes op de tien Nederlanders is een kleine forens https://www.trouw.nl/nieuws/zes-op-de-tien-nederlanders-is-een-kleine-forens~b4d52c8f/.
[5] ANWB: 5 procent filegroei 1e halfjaar 2019 https://www.anwb.nl/verkeer/nieuws/nederland/2019/juni/filezwaarte-eerste-half-jaar-2019.
[6] Europäische Kommission: Index van de digitale economie en maatschappij (DESI) – Landverslag 2019 Nederland, Seite 10 https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/scoreboard/netherlands.

Autor: Fabian Busch
Erstellt: 2019