II. Profil eines Vorreiters

Seit 2015 verfolgt die Europäische Kommission, wie erfolgreich die EU-Mitgliedstaaten sich auf die fortschreitende Digitalisierung einstellen. Die Ergebnisse fließen in den jährlichen Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (Digital Economy and Society Index, DESI) ein. Die Niederlande können hier seit Jahren mit Bestnoten glänzen: Das Land erreichte 2019 beim DESI den dritten Platz unter den 28 Mitgliedsstaaten – übertroffen nur von Finnland und Schweden. „Die Niederlande haben die meisten Ziele der digitalen Agenda für Europa bereits erreicht“, stellt die EU-Kommission in ihrem Länderbericht fest.[1]

Beeindruckend sind die Ergebnisse vor allem bei der Konnektivität, also der digitalen Vernetzung im Land. 100 Prozent der Haushalte sind demnach ans Festnetzbreitband angeschlossen, 97 Prozent nutzen es auch. Das sind die höchsten Werte innerhalb der EU. Die Abdeckung mit dem Mobilfunkstandard 4G beträgt mehr als 99,5 Prozent – ebenfalls ein Spitzenplatz. Hoch sind auch die Deckungsraten beim mobilen und ultraschnellen Breitband. Etwas hinterher hinkt das Land allerdings beim Ausbau des neuen Mobilfunkstandards 5G. Auktionen für 5G-Lizenzen sollen Ende 2019 oder Anfang 2020 beginnen (siehe Kapitel V).

Ein ganzes Land nutzt das Internet

Eine wichtige Triebfeder der Digitalisierung ist die große Offenheit der Bevölkerung für neue Technologien. Die Niederländer gehörten zu den technologieoffensten und am besten vernetzten Völkern weltweit, stellte das Weltwirtschaftsforum 2016 in seinem Global Information Technology Report fest. Was den individuellen Gebrauch von Informationstechnik angeht, belegten die Niederlande im Ranking den achten Platz unter 139 Ländern.[2]

Nur vier Prozent der Niederländer haben dem DESI-Bericht zufolge noch die das Internet benutzt – im EU-Schnitt sind es elf Prozent. 94 Prozent der Bevölkerung surfen regelmäßig und benutzen das Netz für alle möglichen Erledigungen und Aktivitäten des Alltags: 92 Prozent hören zum Beispiel Musik oder schauen Filme, 84 Prozent kaufen im Internet ein. Besonders auffällig ist der mit 94 Prozent sehr hohe Anteil von Nutzern des Onlinebankings. Im EU-Schnitt liegt die Zahl nur bei 64 Prozent.

Weit vorangeschritten ist auch die Integration digitaler Technologien ins Arbeitsleben. 36 Prozent der Niederländer nutzen professionelle Soziale Netzwerke. Das klingt zunächst nicht nach einem hohen Anteil, allerdings belegt das Land im EU-Vergleich damit den ersten Platz. Immerhin 22 Prozent der Unternehmen im Land nutzen Big Data, arbeiten also mit großen Datenmengen. Bei diesem Thema belegen die Niederlande EU-weit den zweiten Platz.

Die Voraussetzungen, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, sind also sehr gut – zu diesem Schluss kommt auch der Kreditversicherer Euler Hermes. Das Unternehmen vergleicht für seinen Enabling Digitalization Index (EDI) regelmäßig weltweit, in welchen Ländern Unternehmen die besten Ausgangsmöglichkeiten für die Digitalisierung finden. Dafür analysieren Experten unter anderem Bildungsgrad, Infrastruktur und Marktgröße. Von den 115 untersuchten Ländern belegten die Niederlande 2018 den dritten Platz mit 74,3 von 100 möglichen Punkten – hinter den USA und Deutschland. Der EDI lobt sowohl Deutschland als auch die Niederlande für „eine solide Infrastruktur für den Handel, fortgeschrittene Vernetzung und ein reiches Bildungssystem“.[3]

Die Strategie der Regierung

Die niederländische Regierung veröffentlichte 2018 eine Digitalisierungsstrategie (Nederlandse Digitaliseringsstrategie, NDS). 2019 folgte bereits die aktualisierte Auflage NDS 2.0. Darin beschreibt die Regierung, wie sie die Position des Landes als Vorreiter nutzen und ausbauen will. „Die Niederlande haben eine gute Ausgangsposition, um die ökonomischen und gesellschaftlichen Chancen der Digitalisierung zu versilbern“, heißt es in der ersten Auflage 2018.[4] Einerseits formuliert die Regierung in ihren Strategien bestimmte Ziele und Maßnahmen: So will sie zum Beispiel die Digitalisierung kleiner und mittlerer Unternehmen oder des Verkehrssektors vorantreiben. Digitale Techniken sollen aber auch dabei helfen, die Landwirtschaft nachhaltiger zu machen.

Zudem geht die Regierung auf Herausforderungen und Risiken ein, die die immer weiter voranschreitende Vernetzung mit sich bringt. Die Cybersicherheit spielt dabei zum Beispiel eine Rolle, genau wie der Datenschutz und die sogenannte digitale Inklusion: Die neue Welt der technischen Möglichkeiten verlangt auch von Lernenden und Berufstätigen immer mehr Wissen und Kenntnisse.


[1] Europäische Kommission: Index van de digitale economie en maatschappij (DESI) – Landverslag 2019 Nederland (https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/scoreboard/netherlands).
[2] World Economic Forum: Global Information Technology Report – Netherlands http://reports.weforum.org/global-information-technology-report-2016/economies/#indexId=NRI&economy=NLD.
[3] Euler Hermes: Measuring Digitalization (https://www.eulerhermes.com/en_global/media-news/news/enabling-digitalization-index-2018-measuring-digitagility.html).
[4] Nederlandse Digitaliseringsstrategie https://www.rijksoverheid.nl/documenten/rapporten/2018/06/01/nederlandse-digitaliseringsstrategie.

Autor: Fabian Busch
Erstellt: 2019