V. Nachholbedarf und Herausforderungen

Bisher war viel von dem die Rede, was die Niederlande bereits erreicht haben. Allerdings bleibt das Megathema Digitalisierung für das Land auch eine Baustelle. Das gilt vor allem für das nötige Personal. Hatten die Niederlande 2014 noch mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen, bereitet inzwischen eher der Fachkräftemangel den Unternehmen Kopfschmerzen. Das gilt besonders für IT-Fachleute. Dem Uitvoeringinstituut Werknemersverzekeringen (UWV) zufolge, einer für Arbeitnehmerversicherungen zuständigen Einrichtung des Sozialministeriums, ist der Mangel in keiner anderen Branche so groß. Arbeitgeber geben demnach an, dass 70 Prozent der ausgeschriebenen Stellen für IT-Spezialisten nur schwer zu besetzen sind.[1] 2018 waren in diesem Berufsfeld fast 57.000 Stellen ausgeschrieben.

Während die Digitalisierung manche Tätigkeiten überflüssig macht, schafft sie gleichzeitig neue Berufe, für die Bewerber aber passend ausgebildet sein müssen. In der niederländischen Bevölkerung sind digitale Kenntnisse – auch jenseits des Basisniveaus zwar weitverbreitet. Der DESI-Index der Europäischen Kommission verortet das Land bei diesem Thema auf Platz zwei unter allen EU-Mitgliedsstaaten. Trotzdem ist Aus- und Weiterbildung nötig. Die Digitalisierungsagenda NDS 2.0. bezeichnet das Thema als einen der Schwerpunkte der kommenden Jahre. Ansetzen will die Regierung auf mehreren Ebenen: In den Schulen soll die Vermittlung der nötigen Kenntnisse eine noch größere Rolle spielen, IT-Experten der Universitäten sollen im Land gehalten werden. Zudem nimmt der „Aktionsplan Digitale Inklusion“ auch die Gruppen in den Blick, die als besonders förderbedürftig bezeichnet werden: zum Beispiel Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung oder Senioren. Etwa 2,5 Millionen Niederländer sagen von sich, dass sie es schwierig finden, mit digitalen Geräten zu arbeiten.[2] Auch sie sollen bei einer immer weiter voranschreitenden Digitalisierung nicht den Anschluss verlieren.

Ruf nach nationaler Strategie zu Künstlicher Intelligenz

Der Mangel an Experten betrifft gerade auch die Branche der Künstlichen Intelligenz (KI), im Niederländischen meistens als AI (von artificiële intelligentie) bezeichnet. Das Land ist in diesem Bereich grundsätzlich nicht schlecht aufgestellt – niederländische Betriebe nutzen KI einer Studie der Unternehmensberatung EY von 2018 zufolge häufiger als Firmen in anderen Ländern. 45 Prozent der für die Studie befragten Unternehmer aus den Niederlanden erwarten demnach, dass die KI die heimische Industrie verändern wird – der vierthöchste Wert unter den 15 untersuchten Ländern.[3]

Trotzdem – oder gerade deshalb – mahnen Wirtschaftsvertreter zu Taten. In einem Bericht zum Thema schreiben die Autoren des Bündnisses AINED, zu dem unter anderem mehrere Wirtschaftsverbände gehören: „Künstliche Intelligenz entwickelt sich rasend schnell und Länder um uns herum versuchen schon seit Jahren, einen Platz in der Spitzengruppe zu erobern. Sie machen das mit einer nationalen Strategie und umfangreichen Investitionen.“[4] Deutschland hat eine solche nationale KI-Strategie im November 2018 verabschiedet. Die AI-Koalition, zu der die wichtigsten Wirtschaftsverbände gehören, fordert sie auch für die Niederlande. Diese Strategie soll dazu beitragen, Forscher und Experten aus der Praxis anzulocken oder im Land zu halten. Viele Unternehmen, die sich mit KI beschäftigen, würden auf ähnliche Probleme stoßen – allen voran den Mangel an Fachleuten. Der Arbeitgeberverband VNO-NCW glaubt, dass rund drei Millionen Niederländer eine Weiterbildung brauchen, um sich auf die KI und die drastischen Folgen für das Arbeitsleben einzustellen. Das bisherige Weiterbildungsangebot sei dafür noch lange nicht ausreichend, teilt der Verband mit – nur bei zehn Prozent der Angebote würde es um die Vermittlung von digitalen Kenntnissen und Fertigkeiten gehen.[5]

Verspätung bei 5G-Versteigerung

Für ihre Internetabdeckung haben die Niederlande wie erwähnt Bestnoten bekommen. Der Landesbericht zum DESI-Index stellt aber auch fest: „Was die 5G-Bereitschaft betrifft, gehören die Niederlande zu den EU-Ländern, die bisher wenig geleistet haben.“ In Deutschland hat die Bundesnetzagentur die ersten 5G-Frequenzen 2019 bereits versteigert, in Ländern wie Österreich und Spanien sind die ersten Netze in einzelnen Städten und Gemeinden bereits in Betrieb. In den Niederlanden soll die Lizenzversteigerung in zwei Schritten bis spätestens Anfang 2022 erfolgen.

Die fünfte Generation der Mobilfunkstandards erlaubt eine deutlich schnellere Datenübertragung als die älteren Techniken. Sie ist damit die Voraussetzung für Entwicklungen wie autonomes Fahren oder das Internet der Dinge, bei denen Personen, Maschinen und Sensoren immer mehr Daten austauschen. „Konsumenten und Betriebe müssen auch in der Zukunft immer und überall Zugang zur schnellsten drahtlosen Kommunikation haben. Unser Zusammenleben ist davon in zunehmendem Maße abhängig“, teilte Mona Keijzer, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, im Juni 2019 mit.[6] Ihr Ziel: Im Jahr 2022 soll schnelles mobiles Internet in 98 Prozent der Niederlande verfügbar sein.

Allerdings hat die Regierung Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Bedenken über bisher wenig erforschte gesundheitliche Aspekte von 5G oder Spionagemöglichkeiten ausländischer Telekommunikationsunternehmen bestehen in den Niederlanden genau wie in anderen Staaten. Ein wichtiges landesspezifisches Problem befindet sich zudem im friesischen Dorf Burum: Mit den dortigen Schüsseln können die niederländischen Geheimdienste auf der Frequenz von 3,5 Gigahertz Satellitenkommunikation abfangen – und so zum Beispiel sogar bei Telefongesprächen im Mittleren Osten mithören. Diese 3,5-Gigahertz-Frequenz wird allerdings in der Regel bei den 5G-Versteigerungen angeboten. Mobilfunk und die Satellitenschüsseln würden sich dann gegenseitig stören – zumindest nördlich der Linie Amsterdam-Zwolle. Die niederländische Regierung sieht daher keine andere Möglichkeit, als die Spionageeinrichtungen umzusiedeln, wahrscheinlich ins Ausland.

Die 3,5-Gigahertz-Frequenz wird daher erst später versteigert. Das Wirtschaftsministerium teilte im Juni 2019 mit, dass die Versteigerungen in zwei Schritten stattfinden: Ende 2019 oder Anfang 2020 für die Frequenzen 700, 1400 und 2100 Megahertz sowie Ende 2021 oder Anfang 2022 für 3,5 Gigahertz. Die Regierung will darauf achten, dass der Wettbewerb bestehen bleibt: Die einzelnen Mobilfunk-Anbieter dürfen nach den Versteigerungen über höchstens 40 Prozent der Frequenzen verfügen – bisherige Frequenzen wie für 4G werden dabei mitgezählt. Das bedeute, dass mindestens drei Anbieter zum Zuge kommen werden, so das Ministerium.

Das Scheitern der „Sensor City

Auch Misserfolge haben die Niederlande in der Vergangenheit bei der Digitalisierung erlebt. Als Sensor City machte vor einigen Jahren die Provinzhauptstadt Assen in Drenthe auf sich aufmerksam. Seit 2008 investierten Gemeinde und Provinz dort 18 Millionen Euro in das gleichnamige Netzwerk aus 200 Messstationen. Diese sollten alle möglichen Daten in der Stadt erfassen: Wo verursachen Autos besonders häufig Staus oder Lärm? Wo wohnen Alzheimerpatienten, die Hilfe brauchen? Wo hat es gerade besonders heftig geregnet und droht die Kanalisation überzulaufen? Wo ist der Feinstaubgehalt in der Luft am höchsten? Dieses Netzwerk sollte die öffentliche Versorgung an die Bedürfnisse der Stadt und der Bürger anpassen und damit ein Experimentierfeld für eine moderne Verwaltung im ganzen Land werden.

„Die Provinz ist um eine Desillusionierung reicher“, schrieb die überregionale Tageszeitung Trouw im Januar 2017.[7] Das Netzwerk hatte zuvor die Gemeinde um 800.000 Euro gebeten, um eine drohende Pleite abzuwenden. Das Projekt sei nie ein Erfolg geworden, schrieb das Dagblad van het Noorden: Die Technik habe immer wieder gestreikt; es gab kaum Anfragen von Forschern, die das Netzwerk und seine Daten nutzen wollten.[8] Im März 2017 wurde Sensor City für zahlungsunfähig erklärt.


[1] UWV: Ict-beropen, Factsheet arbeidsmarkt https://www.uwv.nl/overuwv/Images/factsheet-arbeidsmarkt-ict-2019.pdf.
[2] Digitale Overheid: Digitale inclusie: https://www.digitaleoverheid.nl/overzicht-van-alle-onderwerpen/toegankelijkheid/digitale-inclusie/.
[3] Artificial Intelligence in Europe https://news.microsoft.com/de-de/ki-studie-kuenstliche-intelligenz-steht-bei-deutschen-unternehmen-hoch-im-kurs/.
[4] Vergroten, versnellen en verbinden – AI voor Nederland https://amsterdamdatascience.nl/news/ained-a-national-ai-strategy-for-the-netherlands-is-published/.
[5] VNO-NCW: Bedrijven, instituten en overheden presenteren Nederlandse AI coalitie https://www.vno-ncw.nl/nieuws/bedrijven-instituten-en-overheden-presenteren-nederlandse-ai-coalitie.
[6] Rijksoverheid: Minimaal drie anbieders snelle mobiele communicatie zoals 5G https://www.rijksoverheid.nl/actueel/nieuws/2019/06/11/minimaal-drie-aanbieders-snelle-mobiele-communicatie-zoals-5g.
[7] Trouw: Assen vertilt zich an utopie „Sensor City“ (https://www.trouw.nl/nieuws/assen-vertilt-zich-aan-utopie-sensor-city~b2638a3b/).
[8] Dagblad van het Noorden: Sensor City op rand faillissement (https://www.dvhn.nl/drenthe/Sensor-City-op-rand-faillissement-21860646.html ).

Autor: Fabian Busch
Erstellt: 2019