IV. Digitalisierung in Staat, Bildung und Gesundheit

Auch außerhalb der Wirtschaft lohnt sich ein Blick auf den Stand der Digitalisierung in den Niederlanden. Weiter als viele andere Staaten ist das Land zum Beispiel, wenn es darum geht, staatliche Dienstleistungen online verfügbar zu machen. Die Studie eGovernment Benchmark der Europäischen Union reiht das Land zusammen mit Dänemark, Schweden, Finnland und Estland in die Gruppe der Länder mit einem besonders umfangreichen eGovernment ein. 90 Prozent der behördlichen Dienstleistungen sind demnach auch online verfügbar – sie gelten zudem als besonders nutzerfreundlich. Auch bei der Transparenz der Prozesse bekommen die Niederlande in der Studie überdurchschnittlich gute Noten.

Früher Computereinsatz in den Schulen

Die niederländische Regierung macht in ihrer Digitalisierungsstrategie deutlich, dass Schulen eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von technischem Wissen spielen – und zwar schon die Grundschulen. Niederländische Bildungseinrichtungen gelten gemeinhin als modern, innovativ und gut ausgestattet. Auch der Einsatz von Computern ist heute schon vielerorts Alltag.

Für internationales Aufsehen sorgten ab 2012 Schulen, die auf eine Idee des niederländischen Meinungsforschers Maurice de Hond zurückgehen. Er erfand die nach dem Apple-Gründer benannten „Steve-Jobs-Schulen“, in denen schon Grundschüler in erster Linie mit Hilfe von Tablet-Computern lernen. Zwei dieser Schulen in Amsterdam waren in Trägerschaft von De Honds Stiftung Onderwijs voor een nieuwe tijd (Unterricht für eine neue Zeit, O4NT). 2018 wurde aber bekannt, dass die Trägerstiftung insolvent ist. Eine der beiden Schulen ist inzwischen geschlossen, die andere ist an einen neuen Träger übergegangen. Die Schulaufsicht hatte zuvor die Qualität des Unterrichts bemängelt. Auch andere der rund 20 Steve-Jobs-Schulen rückten von dem Konzept zumindest zum Teil wieder ab. Es hatte sich als zu teuer erwiesen – zudem zeigte sich nach Ansicht vieler Lehrer, dass eine allzu dominante Rolle des Tablet-Computers in so frühen Jahren offenbar nicht sinnvoll ist.[1]

Die Digitalisierung des Unterrichts schreitet in den Niederlanden dennoch voran. Der Onderwijsraad, ein Beratungsgremium der Regierung, drückt zudem weiter aufs Tempo: Schüler müssten vorbereitet werden auf das Lernen und Arbeiten in der digitalen Gesellschaft – das passiere derzeit noch unzureichend. Die niederländische Bildungslandschaft ist sehr vielfältig, Schulen in privater Trägerschaft spielen eine viel größere Rolle als in Deutschland. Mehr als 80 verschiedene Schulträger haben deshalb den Verbund Sivon gegründet. Die Einrichtungen können so Erfahrungen mit Infrastruktur und Unterrichtsmaterialien austauschen und diese gemeinsam einkaufen. So sollen die besten Methoden und Lehrmittel den Weg an die Schulen finden.

Patientendaten auf einen Blick

Vom Jahr 2020 an soll jeder Niederländer auf seine „persönliche Gesundheitsumgebung“ (Persoonlijke Gezondheidsomgeving, PGO) zugreifen können. Über eine App oder eine Webseite werden dort alle wichtigen Daten zu seinem Gesundheitszustand gesammelt: Diagnosen, Messwerte, verschriebene Medikamente, Therapien und so weiter. Für diese PGO bestehen bereits mehrere Angebote auf dem niederländischen Markt. Von Oktober 2019 an soll der Staat die Kosten dafür übernehmen – vorausgesetzt, das Modell entspricht den Standards, die das niederländische MedMij-Label erfordert. Sie sollen zum Beispiel garantieren, dass die sensiblen Patientendaten vertraulich behandelt werden.

Das Konzept ist mit der elektronischen Patientenakte zu vergleichen, die ab 2021 auch die deutschen Krankenkassen anbieten sollen. In den Niederlanden vermeidet man den Begriff Patientenakte inzwischen allerdings, denn ein erster Versuch, diese einzuführen, war dort 2011 spektakulär gescheitert. Die Bertelsmann-Stiftung hat im August 2018 die Digitalisierungsstrategien im Gesundheitssektor in 17 Industrieländern verglichen. Die Niederlande landeten dabei mit Platz 9 nur im Mittelfeld. Auf politischer Ebene erkennt die Stiftung in ihrem Bericht zwar ein „hohes Maß an Engagement“ bei dem Thema. Sie lobt zudem die hohe Technikaffinität der Bevölkerung. Als Minuspunkt wird allerdings der erwähnte Misserfolg bei der Einführung einer elektronischen Patientenakte gewertet.[2]

Nictiz, das nationale Wissenszentrum für eHealth, hatte eine landesweite digitale Infrastruktur zum sicheren Austausch von Patientendaten entwickelt, genannt AORTA. 2011 war diese Struktur fertig, Datensätze von fast 50 Prozent aller niederländischen Patienten waren darin erfasst. Erst danach legte das Gesundheitsministerium dem Parlament das dazugehörige Gesetz vor, das in der Ersten Kammer schließlich nicht die erforderliche Mehrheit bekam. Ein Kritikpunkt lautete, dass auch die zahlreichen privaten Akteure des Gesundheitssystems praktisch verpflichtet waren, sich der Struktur anzuschließen. Auf Widerstand stieß aber auch, dass persönliche Patientendaten von allen Bürgern erfasst wurden – es sei denn, sie erklärten sich damit nicht einverstanden (Opt-out-Modell). Durch das Scheitern des Systems mussten sogar die bereits erfassten Datensätze von acht Millionen Patienten vernichtet werden.

Also mussten neue Strukturen her: AORTA ging an den Verband VZVZ über, der wiederum die „Landesweite Schaltstelle“ (Landelijk Schakelpunt, LSP) verwaltet. Arztpraxen und Apotheken können nun selbst entscheiden, ob sie sich an diese Schaltstelle andocken. Um medizinische Daten wie Überweisungen oder Medikationen an andere Einrichtungen zu übertragen, müssen sie aber zunächst den Patienten um Erlaubnis bitten. Der erwähnte „Patientenumgebung“ PGO soll nun ein nächster Schritt sein und es auch den Bürgern ermöglichen, die eigenen Gesundheitsdaten einzusehen. Der Begriff der elektronischen Krankenakte wurde aber vermieden. Thomas Kostera und Cinthia Brisenio, Gesundheitsexperten der Bertelsmann-Stiftung, kommen in einem Blog insgesamt zu dem Schluss: „Im Ausbau der eHealth-Strukturen sind die Niederlande schon wesentlich weiter vorangeschritten als Deutschland, trotz der politischen Achterbahnfahrt von 2011.“


[1] Süddeutsche Zeitung 16. April 2018: „Das Tablet ist nur Mittel zum Zweck“ https://www.sueddeutsche.de/bildung/digitalisierung-das-tablet-ist-nur-mittel-zum-zweck-1.3943993.
[2] Bertelsmann-Stiftung: Stand der Digital-Health-Entwicklung in 17 Ländern https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/der-digitale-patient/projektthemen/smarthealthsystems/stand-der-digital-health-entwicklung/.

Autor: Fabian Busch
Erstellt: 2019