Standortverlagerung (seit 1950) und Clusterbildung

Dienstleistungen machen in den Niederlanden 70% des BIP (Bruttoinlandsprodukt) aus. Sie sind deswegen so wichtig, weil sie nicht wie in vielen anderen Ländern nur Dienste für die damit verbundenen Produktionsbetriebe aufbringen, sondern eigenständig auf dem In- und Auslandsmarkt funktionieren und damit einen wichtigen Faktor der spezialisierten Gesellschaft darstellen.

Die Entwicklung in Richtung einer Dienstleistungswirtschaft ist eine der wichtigsten Gründe der Standortänderung der wirtschaftlichen Hauptaktivitäten in den Niederlanden seit 1950. Es ist seitdem eine strukturelle räumliche Verschiebung eingetreten: der wirtschaftliche Kernraum erweiterte sich ständig, zugleich konzentrierte sich wirtschaftliche Tätigkeit zunehmend innerhalb der Zentren. Die Randstad hat sich in den letzten fünfzig Jahren von den westlichen Provinzen Noord- und Zuid-Holland über die Provinz Utrecht auf den Westteil der Provinzen Gelderland, Noord-Brabant und Flevoland erweitert. Innerhalb dieser neuen Randstadzone konzentrieren sich die Aktivitäten an ganz bestimmten Standorten (das sog. Clustering): Schiphol und Amsterdam-Zuid-Oost in der Nähe der Hauptstadt, Den Haag Ost-Voorburg-Zoetermeer, usw. Alle Betriebe dieser regionalen Schwerpunkte gehören der Dienstleistung und außerdem oftmals miteinander verwandten Branchen an. Allerdings können auch Produktionsbetriebe an diesen Clustern teilhaben. Wir finden sie an anderen Stätten, wie im Rotterdamer Hafen oder in Südlimburg.

Die Autoindustrie von Limburg (NedCar) hat sich beispielsweise intensiv mit anderen Betrieben (Zulieferer, Kreditinstitute, usw.) in der Region verbunden. Solche Cluster finden wir also nicht nur in der Randstad, sondern auch anderswo entwickeln sich betriebliche Aktivitäten in ähnlicher Weise. Hier allerdings setzt außer Konzentration auch Abwanderung aus andern Standorten ein. Insbesondere in den drei nördlichen Provinzen Groningen, Friesland und Drente stärkt dieser Clusteringprozess die Schrumpfung der dort vorhandener Aktivitätencenter. Diese periphere Wirtschaftsgebiete sehen sich also immer wieder dem Westen des Landes, besser gesagt der neuen Randstad, die sich neuerdings als Deltametropole präsentiert, gegenüber gestellt. Hier konzentriert sich eine Vielzahl an Aktivitäten, weshalb sich auch die Cluster ausweiten. Der Konzentrationsprozess ist hier gleichzeitig ein Wachstumsprozess.

Güterverkehr

Das wirtschaftsgeographische Muster der Niederlande setzt sich heute also aus einem sich noch immer weiter ausdehnendem Kernraum im Westen des Landes, einem Peripherraum im Norden und einem Zwischenraum, in dem manchmal Schrumpfung, manchmal Wachstum vorherrscht, zusammen. Die Provinz Zeeland grenzt zwar nicht an die nördliche Peripherie, hat jedoch manche wirtschaftliche Ähnlichkeiten. Die weiteren Teile des Zwischenraums schließen sich eher an die Wachstumsregion an. Dabei ist zu bedenken, dass die Mitte und der Süden Limburgs weniger an die Randstad, sondern vielmehr an die umliegenden Wirtschaftsgebiete im benachbarten Deutschland (Aachener Raum) und Belgien (Belgisches Limburg, Lütticher Raum) angebunden ist.

Die meisten der stark zusammenhängenden (clustering) Betriebsregionen sind gut erschlossen. Sie entwickeln sich im Zusammenhang mit den spezifischen Branchen an Standorten mit der für die jeweiligen Betriebe am meisten geeigneten Verkehrsanbindung. Der Rotterdamer Hafen braucht tiefes Fahrwasser mit guten Verbindungen zum Ausland, die Büros in Amsterdam Zuid-Oost müssen mit den privaten und öffentlichen Transportmitteln gut erreichbar sein. Ein anderes Beispiel dieser Art zeigt das Clustering von Verteilerbetrieben im Flussgebiet in und rundum Culemborg und Geldermalsen. Die Lage in der Nähe mehrerer Autobahnen etwa in der geographischen Mitte des Landes macht schnellen Abtransport in alle Teile des Landes möglich. Diese Verteilerfunktion ist zum Teil aus dem Versteigerungssystem des Gartenbaus (hier Obstanbau) hervorgekommen. Verkehrsanbindung, als gewichtiger Standortfaktor, spiegelt sich auch in den Bemühungen des niederländischen Staates wieder Rotterdam auch in Zukunft eine möglichst gute Erschließung zu bieten: Bau der Güterbahnlinie in das Ruhrgebiet (Betuwelijn) und die dauerhafte Vertiefung der Fahrrinnen ins Meer.


Autor: Jan Smit
Erstellt: Januar 2004