VIII. Grüner Strom

Windmühlen kennen die Niederländer wohl wie keine andere Nation. Und mit Wasser und Staudämmen haben sie auch so viel zu tun wie nur wenige Staaten in Europa. Dennoch: Die wichtigsten Quellen der niederländischen Energieversorgung sind zurzeit immer noch Steinkohle und Erdgas. Leider haben diese beiden fossilen Brennstoffe zwei Nachteile: Sie sind endlich und stoßen im Verbrennungsprozess Unmengen an CO2 aus. Mit Hilfe erneuerbarer Energien (Solar, Wind und Wasser) werden in den Niederlanden heute etwa nur 15 Prozent des Energiemix erzeugt. Mehr als die Hälfte davon wird im Ausland gekauft und importiert. Geht es nach der Regierung, soll der im Land erzeugte Anteil an so genanntem grünen Strom noch um mindestens zwei Prozent bis 2010 steigen. Langfristiges Ziel ist es, dass im Jahr 2020 in den Niederlanden ungefähr zehn Prozent der Energie aus nachhaltigen Quellen stammen.Ein ambitioniertes, aber nicht unmögliches Vorhaben. Denn die Niederländer sind experimentier- und innovationsfreudig. Seit 2001 gibt es grünen Strom in den Niederlanden. Bis 2004 fand er drei Millionen Abnehmer in dem Land. Heute gebraucht ihn jeder dritte Haushalt.

Ein grundlegender Veränderungsprozess zugunsten erneuerbarer Energien muss jedoch noch stattfinden, um die ehrgeizigen Vorhaben zu realisieren. Verbraucher, Hersteller und Behörden müssen noch stärker umdenken und sich auf nachhaltige Lösungen konzentrieren. Gute Beispiele hierfür sind jetzt schon der verstärkte Einsatz von Elektrofahrzeugen und die Nutzung alternativer Energieträger wie Wasserstoff als Kraftstoff – wie beispielsweise in Amsterdam, wo durch die Kooperation eines Ölkonzerns mit einem Autohersteller wasserstoffbetriebene Busse durch die Stadt fahren. Wasserstoff gilt als Kraftstoff der Zukunft: Er ist sauber (statt Abgasen kommt aus dem Auspuff lediglich Kondenswasser), äußerst effizient und in ausreichenden Mengen vorhanden.

Große Aufmerksamkeit legen die niederländischen Energieproduzenten auf die  erneuerbare Energiequelle „Biomasse“. Vor Wind, Wasser und Solar ist sie in den Niederlanden am wichtigsten. Biomasse ist Energie aus biologischen oder organischen Stoffen. Diese reichen von Holzabfällen, Klärschlamm aus Kläranlagen über Bioabfällen aus Haushalten, Pflanzenölen und Fetten aus der Lebensmittelindustrie bis zu Mist aus Viehbetrieben und Öl von speziell für die Bio-Energie angebauten Pflanzen wie Raps und Palmen. Die Energie aus Biomasse wird im Allgemeinen durch Verbrennung, Vergärung oder Vergasung der Biomasse erzeugt. Der größte Teil wird in Elektrizität umgewandelt. Der große Vorteil: Biomasse ist nicht endlich und gilt als klimafreundlich.

In dem Biomassekraftwerk in Moerdijk in Nordbrabant wird seit September 2008 Energie aus Hühnermist erzeugt. Etwa 800 Bauern aus der Umgebung beliefern das Werk mit jährlich rund 400.000 Tonnen Brennstoff. Errichtet wurde die 36-Megawatt-Anlage von einem Konsortium aus der österreichischen Austrian Energy & Environment (AE&E) und Siemens Niederlande. Die Anlage im Süden der Niederlande soll die weltweit die leistungsstärkste ihrer Art. Der erzeugte Strom reicht angeblich für 75.000 Haushalte.

Die AE&E, eine Tochter des börsenotierten Anlagenbauers A-Tec, hat zugesagt, für mindestens drei Jahre den Betrieb sowie die Wartung des Werks zu übernehmen. Als Gegenleistung ist das Unternehmen zehn Prozent am Werk beteiligt. Auch den 800 Brennstofflieferanten gehört über die Vereinigung der Hühnerzüchter (DEP) ein Teil. Die DEP und eine weitere Bauern-Genossenschaft halten zusammen 30 Prozent an dem Kraftwerk. Auftraggeber und Haupteigentümer ist allerdings die Projektgesellschaft BMC Moerdijk BV. Die 800 Landwirte müssen für die Ablieferung einer Tonne Hühnermist etwa 7,5 Euro bezahlen

Durch den für 13 Jahre garantierten niederländischen „Grünstromtarif“ rechnet sich die Anlage aber auch ohne Mist-Gebühr. Pro Megawattstunde Energie erhalten die Eigentümer 130 Euro. Zusätzlich wird der Großteil der anfallenden Asche an eine belgische Firma verkauft, die diese dann zu Düngemitteln weiterverarbeitet.

Sorgen, dass das Biomassewerk möglicherweise nicht genug Nachschub erhält, sind überflüssig. Die niederländischen Geflügelbauern produzieren etwa dreimal mehr Mist als das Werk in Moerdijk annehmen kann. Der Brennwert pro Kilogramm niederländischen Hühnermists beträgt etwa sechs Megajoule (MJ). In Schottland, wo die AE&E bereits vor mehreren Jahren eine ähnliche Anlage mit einer Leistung von elf MW gebaut hat, liegt der Brennwert bei etwa zehn MJ. Die beste Qualität haben Experten zufolge Truthennen-Ausscheidungen. In Moerdijk dürfen außerdem maximal sechs Prozent Federn verbrannt werden. Der Errichtungswert der Anlage in Moerdijk beträgt rund 104 Millionen Euro. Derzeit arbeiten etwa 22 Personen in dem Werk. 


Autor: Martin Roos
Erstellt: Juni 2009