VI. Mobilität

Die Niederlande sind das China Europas. Nirgendwo anders in der europäischen Union wird im Verhältnis zur Anzahl der Bevölkerung mehr Fahrrad gefahren als in den Niederlanden. Fast jeder Holländer besitzt ein Fahrrad. In den Niederlanden sind doppelt so viele Fahrräder wie Autos registriert. 15.000 Kilometer Radwege gibt es hier. Und doch fahren immer noch genug Autos herum. Etwa acht Millionen sind es zurzeit, die über die 2.400 Kilometer niederländischer Straßen und Autobahnen rollen und die Luft verunreinigen. Das gefällt immer weniger Niederländern. Einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts Arachnea in Leiderdorp zufolge werden Umweltaspekte für die Mobilität in den Niederlanden zunehmend wichtiger. Für mehr als die Hälfte der in dieser Studie befragten 1.400 Personen sind Umweltaspekte so ausschlaggebend, dass sie eher mit dem Zug als dem Auto fahren. 43 Prozent der regelmäßigen Zugfahrer denkt durch die immer wiederkehrenden Diskussionen über Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein stärker über die Klima-Problematik nach als früher. Im Durchschnitt ist der CO2-Ausstoss eines Reisekilometers per Zug zwei Drittel geringer als der eines Reisekilometers per Auto. Dies ist der Studie zufolge der Hauptgrund, warum Niederländer das Verkehrsmittel Zug benutzen.

Im Durchschnitt drei Mal jährlich fahren die Niederländer in die Ferien – die Hälfte davon ins Ausland. Umweltbewusste Niederländer schauen deswegen vor ihrer Reise auf ökologische Reisewebsites (zum Beispiel www.adviesmodule.nl), um zu vergleichen, welche Art des Reisens verbunden mit dem Reiseziel am wenigstens CO2 produziert. Wer als Niederländer aber wirklich etwas tun will, greift auf das zurück, was in den Niederlanden ohnehin am populärsten ist: Fahrrad fahren – durchaus auch für lange Strecken. Ein Viertel der über acht Millionen werktätigen Niederländer fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Und dabei kommt sogar nun das früher nur bei Senioren gebräuchliche Fahrrad mit Akkumotor in Mode. Der Verkauf des elektrischen Fahrrads ist zuletzt enorm gestiegen. Waren es vor zwei Jahren noch 45.000 Stück, stieg im vergangenen Jahr die Zahl auf 90.000. Heute besitzen 3,5 Prozent der Niederländer ein „elektrische fiets“. Es fährt etwa 25 Kilometer pro Stunde und kostet zwischen 800 Euro und 3.000 Euro.

Auch das wohl zuletzt meistbesprochene „Segway“ findet bei den Niederländern Anklang. Dieses selbst balancierende, elektronisch angetriebene Einpersonenfahrzeug ist umweltfreundlich, unabhängig von Benzin, da sich die Batterien mit einem einfachen Aufladegerät (notfalls per Steckdose) füttern lassen und die Betriebskosten von wenigen Cent pro Tag bezahlbar sind. Auch das „brommobiel“ ist mittlerweile vor allem für die Jüngeren eine Alternative, allerdings kosten diese motorisierten Fahrräder bis zu 10.000 Euro, fahren dafür aber auch 45 Kilometer pro Stunde.

Die Städte nehmen das Problem der Verschmutzung durch Autos immer ernster. In Amsterdam hat er eine rigide „Knöllchen-Politik“ dafür gesorgt, dass das Parken in der Innenstadt immer schwieriger und teurer und die Stadt infolgedessen ein wenig autofreier wurde. Im Mai 2008 schlossen sich schließlich Amsterdams Stadtverwaltung und verschiedene Betriebe zusammen, um ihre Stadt zu einer nachhaltigen mobilen Zone zu entwickeln und dies international zu vermarkten. Das Fahrrad soll dabei Amsterdams nachhaltige Mobilität symbolisieren. Zu den an dieser gemeinsamen Initiative beteiligten Betrieben und Einrichtungen gehören MacBike, Velo Mondial, JCDecaux Nederland B.V., Canal Company, der Fietsersbond und Advier B.V. / Velotaxi. Vorgesehen sind öffentlichkeitswirksame Aktionen auf internationalen Messen oder ein internationaler Preis für die nachhaltigste mobile Stadt. Außerdem gibt es eine Amsterdamer Ideenplattform und den Plan, zusammen mit Amsterdamer Wissenschaftseinrichtungen ein wissenschaftliches Institut für nachhaltige Mobilität einzurichten. Zu den Aufgaben dieses Instituts könnte die Organisation von Weiterbildungskursen („Masterclass“) und ein Programm für internationale Fachleute gehören.

Einführung einer Mautgebühr geplant

Was das Auto und seine Nutzung angeht, stehen die Niederlande vor einer Revolution. Was in Deutschland unmöglich erscheint, nämlich eine Mautgebühr auch für Personenkraftwagen, scheint in den Niederlanden bald schon Realität werden zu können. Mit der Einführung des so genannten „Nouwen-Plans“ ist vorgesehen, dass für jeden gefahrenen Kilometer auf den niederländischen Straßen bezahlt wird. Die Höhe der Maut ist abhängig von der Schadstoffemission, der Tageszeit und der gefahrenen Strecke. Bis spätestens 2016 sollen alle Lastwagen sowie Personenfahrzeuge und möglicherweise auch Motorräder mit einem elektronischen Abrechnungssystem ausgestattet sein.

Der Weg zu dieser Maut-Lösung war lang. Ein Vierteljahrhundert dauerten die Diskussionen und Streitereien, die das Verkehrsministerium mit der Autolobby durchkämpfte. Die täglichen Staus verursachten zwar einen erheblichen Leidensdruck – jeden Morgen verstopfen 160 Kilometer Stau die Straßen der Niederlanden, abends sind es 180; und die Volkswirtschaft kostete das rund 1,8 Milliarden Euro im Jahr – , dennoch stießen alle Konzepte, den Stau mit einer Straßenmaut zu bekämpfen, bisher quer durch alle Bevölkerungsgruppen auf breite Ablehnung. Die Zeit für eine Idee eines nationales Maut-Konzepts, das „ehrlich und transparent ist, Stauprobleme vermeiden hilft und die Umweltbelastung vermindert“, scheint nun reif zu sein. Im Dezember 2007 beschloss die Regierung, die landesweite Maut umzusetzen. Im Juli 2008 stimmte das Parlament zu. Der erreichte Konsens ist  bemerkenswert. Denn ein solches von den Niederländern geplante Maut-System existiert bisher noch nicht. In seiner radikalen Form ist es weltweit bisher einzig. Zudem – und das sei ein vor allem in Richtung deutsche Autolobby und Politik gesagt – wurde das aktuelle Maut-Konzept nicht in Ausschüssen zerredet, sondern fand tatsächlich eine politische Mehrheit.

Zurzeit arbeiten die Niederländer an der konkreten Gesetzesvorlage und der Ausschreibung für die technische Realisierung. Der Maut-Plan sieht vor, dass jeder motorisierte Verkehrsteilnehmer für jeden gefahrenen Kilometer auf jeder Straße in den Niederlanden zahlen muss. Damit wird quasi – wie bei Strom und Heizung – nach Verbrauch abgerechnet. Die verbrauchsabhängige Besteuerung ließe sich zwar auch ohne jeglichen technischen Aufwand über eine Sprit-Steuer realisieren. Doch das nun verabschiedete Modell vermeidet den Tanktourismus und kann sowohl Stau- als auch Umweltprobleme besser regeln. Der Tarif ist variabel, je nach Schadstoffemissionen, Tageszeit und gefahrener Strecke. Wer frühmorgens auf den Hauptrouten nach Amsterdam fährt, zahlt mehr als der Rentner in einer Kleinstadt auf dem vormittäglichen Weg zum Supermarkt.

Die Maut soll prinzipiell auch für Motorräder und ausländische Fahrzeuge gelten. Wie das in der Praxis technisch gelöst wird und wie hoch die Gebühren genau ausfallen werden, ist noch nicht vollständig ausdiskutiert. Es könnte mit Hilfe eines satellitenbasierten Erfassungssystem mit einer entsprechenden Erkennungsbox in jedem Fahrzeug umgesetzt werden. In zwei Jahren sollen zunächst die eine Million niederländischer Lastwagen mit dem neuen System ausgestattet werden, bis 2016 dann sukzessive die acht Millionen Pkws des Landes.

Neben dem technischen Aufwand bedeutet die Einführung einer Maut auch eine mentale Umstellung für die niederländischen Verkehrsteilnehmer – schließlich gab es im dem Land bisher nicht einmal kostenpflichtige Autobahnabschnitte. Im Vorfeld der Einführung werden also etliche Kampagnen unternommen werden müssen, um auch die Bevölkerung vom Sinn und Nachhaltigkeit der Maut zu überzeugen. Unmöglich wird das nicht sein, denn die Maut bringt nicht unbedingt nur finanzielle Nachteile für die Autofahrer. Ein Grund nämlich, dass das Konzept eine Mehrheit fand, ist, dass es die Abgaben ersetzen soll, die bisher in Form von Steuern für Kauf und Besitz eines Autos erhoben wurden und noch werden. Die Aufklärungskampagnen werden also auch dafür sorgen, dass bei der Bevölkerung nicht das Gefühl aufkommt, abgezockt zu werden. Insgesamt will der Staat zunächst einmal nicht mehr einnehmen als bisher – für die Zukunft sind Maut- oder Abgabenerhöhung freilich nicht ausgeschlossen.

In Deutschland bleibt jede Art von Maut für Personenkraftwagen vorerst wohl tabu. Auch die City-Maut – das ist bedauerlich, denn in den deutschen Städten wird das Verkehrsaufkommen immer mehr steigen und zu einem der großen Stadt-Probleme werden. Zwar wird in vielen Bundesländern von Verkehrsplanern und Kommissionen die City-Maut diskutiert und empfohlen, politisch allerdings konnte sie sich noch nicht durchsetzen – zu stark ist die Autolobby, zu wichtig ist der Politik die Zentralbranche Automobil. Die Niederlanden könnten da vielleicht ein passendes Vorbild sein.


Autor: Martin Roos
Erstellt: Juni 2009