IV. Ökologischer Lanbau im EU-Vergleich

Im Vergleich zur europäischen und insbesondere der deutschen Entwicklung in der Bio-Landwirtschaft stecken die Niederlanden immer noch in den Kinderschuhen. Den knapp 1.500 Bio-Betrieben im Vereinigten niederländischen Königreich stehen über 17.500 Öko-Betriebe allein in Deutschland gegenüber. Diese bewirtschaften gut 825.500 Hektar Fläche. Und Deutschland ist noch nicht einmal an der europäischen Spitze. Die Bundesrepublik liegt hinter Italien mit 1,15 Millionen Hektar und Spanien mit rund 926.000 Hektar innerhalb der Europäischen Union an dritter Stelle, gefolgt von Großbritannien mit knapp 605.000 Hektar.Auch wenn die Niederländer zuletzt leichte Zuwächse im ökologischen Landbau verzeichnen konnten, bleiben sie auch was Wachstumszahlen angeht in Europa eher unterdurchschnittlich. So ist die Öko-Anbaufläche in den letzten Jahren vor allem in den Beitrittsländern Litauen (plus 50 Prozent) und Lettland (plus 26,5 Prozent), aber auch in Polen (plus 36 Prozent), in der Slowakei (plus 35 Prozent) und Belgien (plus 24,5 Prozent) weiter stark angewachsen.

Zur Ehrenrettung der Niederlande ist jedoch zu vermerken, dass sich in den Beitrittsländern die große Bedeutung einer hohen aus Brüssel gesteuerten europäischen Förderung zeigt, die in den jeweiligen Ländern einen Umstellungsboom auslöste. Innerhalb dieses Wandels werden sogar oftmals nur wenige Verkaufsprodukte für den Bio-Markt erzeugt. Die Umstellungsprämie ist für die Länder des ehemaligen Ostblocks eben so hoch, dass sich auch eine konventionelle Vermarktung rentiert und die Verkaufserlöse nur eine untergeordnete Rolle bei der Entscheidung für eine Umstellung spielen.

Vergleicht man die absoluten Flächenzuwächse in der Europäischen Union liegt  Spanien mit einem Zuwachs von 119.000 Hektar an der Spitze, gefolgt von Italien (79.000 Hektar) und Polen (60.000 Hektar). Stabile Wachstumsraten auf niedrigerem Niveau erzielten zuletzt Griechenland, Deutschland und Luxemburg. In Ungarn, Österreich, Großbritannien und den Niederlanden stagniert die Flächenentwicklung eher. Sichtbar rückläufig ist die Entwicklung der ökologisch bewirtschafteten Flächen in Dänemark (minus acht Prozent) und Finnland (minus zwei Prozent) und Frankreich (minus 1,4 Prozent).

Als Grund für die eher stagnierende oder gar rückläufige Entwicklung geben viele Länder als Grund eine schwierige Vermarktungssituation an – unter anderem sind die Preise für Bio-Produkte zu hoch, dass die Erzeuger, zum Beispiel Milchbetriebe, genötigt waren, wieder auf „normale“ Produktion umzustellen.

Eine grundsätzliche positive Entwicklung zugunsten der Bio-Produkte für den gesamten europäischen Ökomarkt halten Experten jedoch nach wie vor für möglich. Allerdings müssten sich dann auch die Erzeugerpreise nachhaltig besser entwickeln und die politische Förderung verlässliche Anreize schaffen. Sollte sich aber – wie in manchen EU-Ländern nun schon geschehen – die Umstellung auf den Bio-Landbau preislich unattraktiv entwickeln, dürfte die Konsequenz sein, dass es zu einer weiteren Rückentwicklung innerhalb der EU kommt und zukünftig immer mehr Importware, die günstiger ist, aus außereuropäischen Ländern den europäischen Ökomarkt versorgen wird.

Dass in den Niederlanden der Umsatzanteil an Bio-Lebensmitteln am gesamten Lebensmittelmarkt (weit) unter fünf Prozent liegt, ist in Europa kein Einzelfall. Im Gegenteil. Zwar hat in allen Ländern der ökologische Landbau in den letzten Jahren stark an Akzeptanz und Bedeutung gewonnen hat, doch aktuellen Zahlen zufolge liegt überhaupt nur in Österreich und Dänemark der Anteil der Bioprodukte am Gesamtlebensmittelmarkt knapp über dem Markt, nämlich bei 5,4 Prozent und genau fünf Prozent. Da müssen sich die Niederländer nicht verstecken.

Insgesamt betrug der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in den 20 EU-Ländern, von denen halbwegs gesicherte Umsatzdaten vorliegen, zuletzt (ohne die Exportumsätze) bei etwa 13,3 Milliarden Euro. Umsatzspitzenreiter in Europa war erneut Deutschland mit 4,6 Milliarden Euro. Damit umfasst der deutsche Bio-Markt mehr als ein Drittel des gesamten EU-Bio-Marktes.
Vergleichsweise am meisten geben die Verbraucher in Lichtenstein, Dänemark, Österreich und der Schweiz für Bio-Lebensmittel aus. Anders als in Deutschland oder Frankreich, wo Spezialvertriebslinien wie Naturkostfachgeschäfte oder Reformhäuser den Markt in den letzten Jahrzehnten langsam erschlossen haben, sind dort die konventionellen Supermärkte frühzeitig mit einem breiten Sortiment in die Vermarktung eingestiegen. Diese boten von Anfang an nicht nur ein begrenztes Basissortiment an Bio-Produkten an, sondern ein reichhaltiges Angebot an verschiedenen Gemüse- und Obstarten, Milch- und Fleischprodukten, Brot und Backwaren und Convenience-Produkten wie Fertiggericht oder Tiefkühlprodukte – ein  Sortiment, dass mittlerweile ja auch in vielen niederländischen Supermärkten Standard ist.

Die Niederländer sind sich der Schwäche ihres Biomarktwachstums bewusst und reagieren auf diese schwierige Situation unter anderem mit vielen Kampagnen. Erst vor wenigen Monaten haben sich führenden Vertreter von Lebensmittelfabrikanten, Supermarktketten, Banken- und Bauernverbänden und Bio-Organisationen getroffen und eine gemeinsame Erklärung vereinbart („Derde Convenant Marktontwikkeling biologisch landbouw“), in der ein jährliches Bio-Umsatzwachstum von zehn Prozent beschlossen wurde. Das Ziel ist ehrgeizig: Der biologische Lebensmittelsektor soll demnach spätestens im Jahr 2011 eine eigenständige umsatzkräftige Branche ausmachen.

Zudem ist das Netzwerk „Bionconnect“ (aus der Organisation „Biologica“) entstanden, das eine Informations- und Austausch Plattform für alle am Bio-Markt beteiligten Unternehmen und Gruppen aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sein soll. Auch private Hersteller erkennen die Not der Stunde und erweitern ihr Marketing: So initiierten diverse Betreiber von Bauerhöfen während der Sommermonate 2008 die Kampagnen „lekker naar de Boer“ – sehr erfolgreich, denn ihrem Aufruf kamen über 100.000 Menschen nach und strömten zu den Bauernhöfen. Im Herbst vergangenen Jahres gab es wieder einmal die Messewoche „Week van de Smaak“, die Konsumenten auf biologische Produkte aufmerksam machen will.

Die originellste Kampagne und auch die älteste ist diese: „Adopteer een Kip“ heißt sie und soll Hühner vor der Massenzucht bewahren. Mit ihrer Hilfe können Niederländer ihren Freunden oder Geschäftspartnern ein Huhn vermachen – eine Idee, die Erfolg hat. Seit 2003 sind über 120.000 Hühner adoptiert worden.


Autor: Martin Roos
Erstellt: Juni 2009