XII. Grüne Kleidung

Geld ist nicht alles. Immer mehr Unternehmen und Verbände in den Niederlanden nehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr, für bessere Produktionsbedingungen auch in der Textilbranche der Dritten Welt zu kämpfen – sowohl was Export als auch Import betrifft. So führt zum Beispiel die „Schone Kleren Kampagne“ (SKK) Kampagnen und Aktionen durch, um die Arbeitsumstände in der internationalen Kleiderindustrie zu verbessern und das Bewusstsein in den Niederlanden für „faire Kleidung“ zu erhöhen. Zum einen werden Konsumenten von verschiedenen Textil-Verbänden aufgerufen, Kleidung mit „Umweltplakette“ zu kaufen – so werden Kunden mit ebenso provokanten wie moralischen Fragen konfrontiert: „Bist du bereit eine Jeans zu kaufen, die Arbeiter in China, Indien oder Bangladesch angefertigt haben, die manchmal 16 Stunden am Tag arbeiten müssen?“ Zum anderen rufen die Niederländer ihre Landsleute auf, überhaupt maßvoll Textil umzugehen – also Second-Hand-Ware zu kaufen, nicht auf Billigware, sondern Qualitätsprodukte zu setzen, etc.; dazu gehört auch, die Kleidung zu recyceln und in die Altkleidersammlung zu geben.

Die SKK entstand in den 80er Jahre, um Arbeiter in der Kleider- und Sportartikelindustrie zu unterstützen. Offizielle Gründung war 1991 in Amsterdam. Eine kleine Gruppe von Mitarbeitern begann Aktionen zu starten, die auf die Umstände, unter denen Kleidung weltweit produziert wurde, aufmerksam zu machen. Aus diesen Kampagnen entstanden Verhaltenscodexe, die sich die Textilindustrie tatsächlich zu eigen machte. Der Erfolg der SKK ist inzwischen groß und ihre Wirkung weltweit zu spüren. 2004 konnte die SKK elf Ableger ihrer Organisation in Europa zählen. Heute gibt es zudem 250 Kooperationspartner. Das Netzwerk ist unter dem Namen „Clean Clothes Campaign“ organisiert. Für die Sammel-Aktionen aus den niederländischen Privathaushalten sind die jeweiligen Gemeinden zuständig. Brauchbare Kleidung wird meist in Dritte-Welt-Länder exportiert, der Rest zu Industriestoffen, Isoliermaterialien, Decken, Lappen oder Teppichen verarbeitet.

Wie in Deutschland ist auch die Tradition des Textil-Recycelns in den Niederlanden alt. Zur Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert war der größte Teil der Niederländer arm. Viele schneiderten sich ihre Kleidung notgedrungen selbst. Kleidung wurde erst dann aussortiert, als sie abgetragen oder zu klein war. Den Nachschub bekamen die „armen Menschen“ über Spendenaktionen der Kirche – darin liegt der Ursprung der heutigen karitativen Kleidersammelaktionen. Die florierende Textilindustrie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hatte zur Folge, dass auch die Qualität der Altkleider immer besser wurde. Auch das Angebot insgesamt stieg. Daraus entwickelten sich nicht nur Kleiderspenden für die heimischen Hilfswerke, sondern auch für die internationalen Entwicklungsorganisationen.

Die aktuelle Situation für Second-Hand-Textilien auf dem Weltmarkt macht die Wirtschaftslage für die niederländischen Altkleider-Betriebe nicht einfacher. Die Margen sind so gut wie verschwunden. Gründe dafür liegen im Überangebot von getragener Kleidung und der starken Zunahme des Imports billiger Textilien aus Asien und dem fernen Osten. Zehn Prozent der europäischen Betriebe ist bereits pleite. So befürchten Pessimisten in den Niederlanden bereits das Ende der Textil-Recyclingindustrie.


Autor: Martin Roos
Erstellt: Juni 2009