XI. Vom Eten uit de Muur zu Slow-Food

Was war das für eine kulinarische Sensation. Vor wenigen Jahren erfanden die Niederländer „Eten uit de muur“ – Essen aus der Mauer. Aus einer wandbreiten Selbstbedienungsvitrine konnte sich der Konsument gegen Münzzahlung Frikadellen, Kroketten, Nasiballen oder Gehacktballen wie Briefe aus dem Postfach herausnehmen – frisch, warm und fettig, ganz nach dem Massengeschmack. Wann immer man aus der Kneipe torkelte oder die Oper mit Heißhunger verliess, das Essen aus der Mauer wartete, man konnte sich kurz bedienen und den schnellen Hunger stillen. Praktisch, einfach – aber gesund?

Natürlich kennt man heutzutage in allen europäischen Ländern die Fast-Food-Kultur. Stark fetthaltige Fertigsnacks im Einheitslook versprechen schnelle Sättigung auf die Hand. MacDonalds und Co sind in fast aller Munde. Das niederländische “Eten uit de muur” treibt dieses Prinzip jedoch insoweit auf die Spitze, als dass es die angebotene Speise komplett depersonalisiert: Während man in einem Fast-Food-Drive-In wenigstens noch sein Essenstütchen durch eine menschliche Hand gereicht bekommt, steht man in den Niederlanden buchstäblich vor der Wand. Keine Service-Kraft, kein “Danke”-“Bitte”: Fertig-Nahrung in ihrer entseeltesten Form.

EssenWährend sich das traditionelle niederländische Essen von den deutschen Esstraditionen nicht wesentlich unterscheidet – viel Fleisch und als Beilagenkönigin die Erdfrucht Kartoffel – gibt es doch einige Nuancen, die die niederländische Lust am Fast-Food noch fördern könnten: Im Gegensatz zur deutschen Küche ist die niederländische stark von der indonesischen Küche beeinflusst. Hier besteht eine Mahlzeit meist aus vielen verschiedenen kleinen Snacks, die natürlich wesentlich einfacher als Fast-Food-Happen angeboten werden können als ein aufwendiges Tellergericht. Unabdingbar für die Zubereitung solch indonesisch inspirierter Bami-, Nasi-Kroketten, Sate-Spießchen oder Mini-Loempias aus tiefgefrorener Großmarktlieferung ist natürlich eine Fritteuse und reichlich Bratfett.

Mittlerweile findet selbst die niederländische Regierung, dass es Schluss sein muss mit dem Fett im Essen rund um Burger und Frittiertem. Niederländer sollen gesünder essen. Zu viele Landsleute leiden laut Statistik an Diabetis sowie Fett- und Krebserkrankungen. So hat die Regierung eine Gesundheitsoffensive vorbereitet. Dem Gesundheitsministerium zufolge wird in den Niederlanden in den kommen zwanzig Jahren das Leben von etwa 140.000 Menschen gerettet werden können, wenn die Bürgerinnen und Bürger nur endlich wieder mehr Früchte, Fisch und Gemüse essen. Das Ministerium empfiehlt, den Konsum von Gemüse und Obst auf 200 Gramm pro Tag zu steigern und zwei Mal die Woche Fisch zu essen.

Überhaupt – das niederländische Gesundheitsminsterium bemüht sich um die Gesundheit seiner Staatsbürgerinnen und -Bürger. Schon 2002 installierte es ein Programm, um die Landsleute zu einem gesünderen Lebensstil zu bewegen. „Bravo“ hieß es und bedeutet: meer Bewegen, niet Roken, weinig of geen Alcohol, gezonde Voeding en voldoende Ontspanning – mehr Bewegung, nicht Rauchen, wenig oder kein Alkohol, gesunde Ernährung und erfüllende Entspannung. Ob sich jedoch geschmackverstärkerverwöhnte Gaumen tatsächlich nur mittels Regierungsappell nachhaltig umerziehen lassen, mag bezweifelt werden.

Olivier van der Staal, einer der erfolgreichsten Bio-Köche der Niederlanden, schwört mehr auf Genießen statt auf den erhobenen Zeigefinger: „Het belangrijkste is dat ze eerst lekker eten en dat ze er na afloop misschien achterkomen dat ze biologisch hebben gegeten“, glaubt van der Staal. Also: Man isst nicht, weil das Essen gesund und biologisch angebaut ist, sondern weil es schmeckt!

Kommt man nach dem Genuss dahinter, dass man biologisch gespeist hat, umso besser. Vielen Holländern sitzt noch das Vorurteil in den Köpfen, dass Slow-Food (achtsam zubereitetes Bio-Essen) aus biologisch kontrolliertem Anbau zäher ungewürzter Wurzelfraß sein muss, bei dessen Verzehr es nicht um die Lust am Essen geht. Ein kompletter Irrtum, wie Olivier van den Staals Küche beweist. Selbst den Fast-Food-Renner Bitterballen bereitet er so schmackhaft zu, dass es dem Gast nicht in den Sinn kommt, dass er gerade biologisch genossen hat.

Die neuesten Interpretationen des Zentralen Büros für Statistik in den Niederlanden geben Anlass zur Hoffnung und irritieren zugleich: So essen zwar die Niederländer schon seit längerem gesünder, aber sie werden immer dicker. Ob sie nun einfach nur zu viel der schmackhaften Bionahrung essen oder doch gelegentlich auf das “Eten uit de muur” zurückgreifen, ist nicht bekannt.


Autor: Martin Roos
Erstellt: Juni 2009