XXIII. Und im Notfall: durchwurschteln


Auf zusätzliche Gefahrguttransporte ist die Betuwestrecke schlecht vorbereitet. Feuerwehren kommen oft nicht ans Gleis.

Wie Gert Dörning da im Notfall hinkommen soll, weiß er auch noch nicht. Der Feuerwehrmann zuckt mit den Schultern und grinst etwas hilflos: "Tja, weiß auch nicht. Schlauch untern Arm, Machete heraus und irgendwie durchwurschteln." Gert Dörning mag nicht an den Ernstfall denken. Der Löschzugführer der Ortsfeuerwehr Emmerich-Elten blickt im Sommer 2007 mit Bangen auf die Bahnschienen zwischen Emmerich und Elten. Hier, wo in naher Zukunft täglich Hunderte von Güterzügen, etwa mit gefährlichen Stoffen, hochbrennbaren Materialien wie Benzin oder Flüssiggasen, fahren werden, hat der Feuerwehrmann im Notfall schlechte Karten. Ein Drittel der Betuwestrecke ist in Emmerich für Feuerwehr und Notarztwagen nicht zugänglich. "Ein Unding".

Gert Dörning steht am Wehler Königsweg in Elten. Schön ist es hier. Viel Wald, viel Gestrüpp, ideal zum Wandern. Aber nicht zum Feuerlöschen. Der Wehler Königsweg ist ein kleiner Matschweg - nicht weit von der Landesgrenze entfernt. Zu den Bahngleisen sind es vielleicht fünf Meter, aber die sind vollkommen zugewuchert mit Dornenbüschen, Rosen und Sträuchern. Vor dem Gleisbett befindet sich noch ein kleiner Graben. Wasserhydranten sucht man hier vergebens.

Was ist im Tank?

Nicht viel anders ist die Situation an der Lobither Straße, wo ein zirka sechs Meter tiefer Graben den Zugang zu der Güterverkehrsstrecke versperrt. "Wenn hier eine Lok brennt, kommen wir da nie ran." Zwischen Elten und Hüthum fehlen ebenfalls Zufahrtswege und Wasserhydranten, die B 8 ist 200 Meter vom Gleis entfernt, und das liegt auch noch auf einem sechs Meter hohen Damm. "Im Notfall müssten wir viele Schläuche schleppen", sagt Dörning. Mit den Feuerwehrwagen über die Wiesen fahren? "Vergessen Sie’s."

Die Situation in Emmerich ist beispielhaft für die gesamte Betuwestrecke. Auch in Rees, Wesel, Dinslaken oder Oberhausen sind die Gleise streckenweise unzugänglich, führen an Wäldern und Wohnbebauung vorbei. Manfred Flore, Leiter der Freiwilligen Feuerwehr in Oberhausen-Sterkrade und Mitglied der Bürgerinitiative "Betuwe so nicht": "Viele Abschnitte sind zugebaut durch Häuser oder Schrebergärten."

Auch wissen die Feuerwehren nicht, welche Stoffe sich in den Tanks befinden. Diese Informationen stehen zwar auf einer Tafel am Tankwagen - wenn dieser aber brennt, kommt man da schlecht ran. Die Informationen sind auch im Zugführerstand vorhanden: „Nur ein Zug ist bis zu 700 Meter lang und dann liegt da ein Büchlein mit zig Informationen und Abkürzungen, das man im Stress und auf die Schnelle analysieren muss“, erklärt Emmerichs stellvertretender Löschzugführer Martin Bettray.

Um überhaupt an den Wagons arbeiten zu können, muss die Oberleitung (15 000 Volt) abgeschaltet und geerdet werden. Das macht allerdings nur ein Notfallmanager der Bahn - und der braucht bis Emmerich mindestens eine halbe Stunde.

Seit Juni 2007 haben die Niederländer ihre Betuwestrecke in Betrieb genommen, auf der sie "vor allem den Transport von Gefahrgütern bündeln", so ein Sprecher des Betreibers Keyrail. In Holland fahren ausschließlich Güterzüge und die Strecke wurde dafür sicherheitstechnisch auch ausgerüstet: alle 300 Meter gibt es Hydranten, es gibt eine Straße entlang der Schienen und aufwändige Sprinkleranlagen wurden angebracht. Die Feuerwehren wurden mit der Sicherheitstechnik vertraut gemacht und verfügen über detailliertes Kartenmaterial der Strecke - alles digital. Keyrail weiß jederzeit, welche Stoffe sich in welchem Zug befinden.

Wie soll man Verletzte abtransportieren?

Anders die Situation in Deutschland. Feuerwehren und Notärzte wünschen sich, dass es entlang der Schienen zumindest einen Schotterweg gäbe, den sie nutzen könnten. "Wie sollte man hier sonst Verletzte abtransportieren?", fragt sich ein Leitender Notarzt des Kreises Kleve. Auch zusätzliche Brunnen wären für die Strecke nötig, sagt Gert Dörning. Damit wenigstens die Wasserversorgung sicher gestellt ist. "Mit dem Feuerwehrwagen könnten wir nämlich gerade mal zehn Minuten löschen". Dann ist der Wassertank leer.

Gottseidank sind Unfälle mit Güterzügen bislang sehr selten. Aber: Die Zahl der Züge mit gefährlichen Stoffen steigt zwischen Emmerich und Oberhausen in den kommenden Jahren deutlich an. "Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Unfall kommt, steigt mit jedem zusätzlichen Zug", sagt Martin Bettray, stellvertretender Löschzugführer der Feuerwehr Emmerich.

Für mehr Sicherheit sei die Politik zuständig, sagt Gert Dörning. Die Planungen für das Dritte Gleis und für die Beseitigung der Bahnübergänge laufen bereits. Die Bahn AG bestimmt am Ende des Jahres, wo das dritte Gleis liegen soll. Dies wird in der "Arbeitsgruppe Betuwe" eng mit den Kommunen abgestimmt.

Sicherheit ist bislang noch kein Thema

Das Thema Bahnsicherheit wird in diesem Gremium allerdings bislang ausgeklammert. Bruno Ketteler, Bürgermeister der Stadt Rees und Vorsitzender der Arbeitsgruppe: "Mit der Bahn haben wir darüber noch nicht gesprochen." Bahnsprecher Hans-Georg Zimmermann: "Die Sicherheit ist ein Thema, ganz klar. Nur diese Fragen sind erst im Planfeststellungsverfahren zu klären."

Ketteler sieht dringenden Handlungsbedarf. Bei den Planungen für das dritte Gleis möchte er auch Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheit machen. Ob sich ein durchgängiger Bahnverteidigungsweg durchsetzen lässt, weiß er nicht: "Da fehlt mir noch eine plausible Lösung, denn in vielen Bereichen ist es sehr eng. Da ist schon das dritte Gleis ein Problem." Ketteler möchte auf jeden Fall das Netz der Löschwasserversorgung deutlich verdichtet sehen.

Nach dem langwierigen Hickhack um das dritte Gleis möchte Bruno Ketteler auf jeden Fall verhindern, dass die Kommunen in Sachen Sicherheit hintanstehen. Es soll rechtzeitig gehandelt werden - und nicht erst dann, wenn es zu spät ist. Im Planfeststellungsverfahren sollen die Kommunen gemeinsam den Finger heben. "Da werden wir der Bahn noch mächtig auf die Füße treten", sagt Ketteler. Eine genaue Abstimmung diesbezüglich gibt es unter den Anliegerkommunen allerdings noch nicht.

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Dezember 2009