XXIV. Solange nichts passiert ...


Als der Feuerwehrmann Gert Dörning aus dem kleinen Grenzort Elten bei Emmerich die umfassenden Sicherheitspläne für die Betuweroute seines niederländischen Kollegen Robert Polman aus Zevenaar zum ersten Mal sah, sei ihm „die Kinnlade heruntergefallen“. Mit dem Bau der neuen Bahnstrecken haben die niederländischen Behörden gleichzeitig ein umfassendes Sicherheitskonzept vorgelegt. Robert Polman, der für die Sicherheit der Güterstrecke kurz vor dem Grenzübergang nach Deutschland zuständig ist, verfügt über detaillierte Informationen zur Wasserversorgung und möglichen Unfallgefahren mit gefährlichen Stoffen – die Handlungsanweisungen liegen schon bereit. Gert Dörning hingegen weiß noch „von gar nichts“, verfügt nur über einen Stadtplan, auf dem die Bahnstrecke eingezeichnet ist. Bahn und Feuerwehr arbeiteten in den Niederlanden von Beginn an eng zusammen. „Davon können wir nur träumen“, sagt Dörning.

Robert Polman fühlt sich gut vorbereitet, wenn ab 2007 die Güterzüge aus Rotterdam anrollen. Seit 1992 konnte er in Sachen Sicherheitsauflagen für den Neubau der Strecke ein entscheidendes Wörtchen mitreden. Und seine Wünsche wurden akzeptiert: Alle 200 Meter sind drei Wasserhydranten, die je 600 Liter Wasser pro Minute von sich geben. Auf der Gesamtlänge von acht Kilometern, die die Bahn in Zevenaar zurücklegen muss, stehen 90 Hydranten.

Zudem gibt es eine durchgehende Straße entlang der Gleise, so dass die Feuerwehrwagen sofort vor Ort sein können. Im neu gebauten Tunnel, der 27.000 Einwohner von Zevenaar vor Lärm entlastet, sind festinstallierte Feuerlöscheinrichtungen eingebaut worden. Der betriebene Sicherheitsaufwand ist für Polman nicht aus der Luft gegriffen. In Zevenaar und Babberich müssen Güter- und Personenverkehr von vier auf zwei Gleise geführt werden – für die Feuerwehr ein erhöhtes Risiko. Zumal es sich bei 40 Prozent der Züge um Gefahrguttransporte handelt. „Die meisten Unfälle passieren nun Mal dort wo Spurwechsel anstehen“, sagt Polman. Für mögliche Unfälle hat die Feuerwehr in Zusammenarbeit mit der Bahn verschiedene Szenarios entwickelt, worin genau beschrieben steht, wie viel Löschmittel benötigt wird und welcher Sicherheitsaufwand betrieben werden muss.

Auf der anderen Seite der Grenze, in Elten, verliert sich dann die Spur der Vorbereitungen. Personen-, Güter- und Schnellzüge, die sich alle in unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen, sollen auf zwei Gleise abgewickelt werden. Ein zusätzliches Sicherheitskonzept strebt die Bahn nicht an.

Gert Dörning von der Feuerwehr Elten sieht das Ganze mit Besorgnis. Entlang der Strecke zwischen Babberich und Emmerich gebe es lange Passagen, wo die Feuerwehr nur über Wiesen und Äcker ans Gleis komme und nirgends ein Wasserhydrant zu sehen sei. „Das heißt für uns: lange Wasserleitungen tragen – worauf wir nicht vorbereitet sind – oder zigmal hin- und herfahren.“ Allerdings sei bei starken Regenfällen auch das nicht möglich, sagt Dörning. Dann sei wirklich Manpower gefragt: „Schlauch unterm Arm und dahinstolpern.“ Solange nichts passiere, sei ja alles in Ordnung...

Kollege Polman versteht die Deutschen nicht. „Wir müssen uns auf die Betuwelijn einstellen, egal ob uns das passt oder nicht. Als Gert mir erzählte, dass er noch gar keine Informationen habe, war ich sehr erschrocken.“

Die Bahn AG spielte anno 2002 das Problem herunter. Sprecher Manfred Kugelmann bemerkt, dass es eine Bahnstrecke mit bestehendem Sicherheitskonzept gebe: „Wir sehen gar keine Veranlassung hier etwas Neues zu entwickeln“. Es sei völlig egal, ob 100 oder 200 Züge fahren. Kugelmann: „Wir können jederzeit die Sicherheit gewährleisten.“

Autor: Andreas Gebbink
Erstellt:
Dezember 2009